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Musik

Wo gesungen wird, da lass dich nieder

Regensburg hat eine große Chortradition. Neben dem berühmtesten – den Domspatzen – gibt es in der Stadt noch viele andere.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Regensburg – eine Stadt voller Musik Foto: ManuelGross-AdobeStock
  • Der Kammerchor Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Gesungen wird jeden Tag, irgendwo in Regensburg. Leidenschaftlich, mit Inbrunst, hingebungsvoll, mit viel Freude und mit einer großen Ernsthaftigkeit. Und damit ist jetzt nicht das abgelutschte Klischee von der Badewanne oder der Dusche gemeint. In unserer Region wird einfach gerne im Chor gesungen: Auf der Bühne, in der Kirche, im Gemeinderaum, im Hörsaal, im Hinterzimmer und manchmal auch an ungewöhnlichen Orten, wie kürzlich im Regensburger Hafen bei der Aufführung von Richard Wagners romantischer Oper „Der fliegende Holländer“. Daran waren der Opernchor des Theaters und der Cantemus Chor der städtischen Sing- und Musikschule mit über 60 Mitwirkenden beteiligt.

Eine große Chortradition dank der Regensburger Domspatzen

Mit der Stimme musiziert wird von Jugendlichen, Frauen, Männern, in gemischten Chören, in homogenen, nach Geschlechtern getrennten Chören, in Laien-, Profi- und semiprofessionellen Chören. Diese Aufzählung ließe sich noch problemlos weiterführen: Gesungen wird in großen und kleinen Ensembles, traditionsreichen und jungen... Kurzum: Regensburg besitzt ein üppig blühendes Chorleben. „Manchmal hat man wirklich das Gefühl, dass fast jeder Mensch in der Stadt singt“, beschreibt Angelika Achter ihren Eindruck von der „Stadt des Gesangs“, von Regensburg als Musikstadt. Die Gesangs- und Klavierlehrerin aus St. Petersburg leitet seit vielen Jahren den Regensburger Kammerchor. Regelmäßig tritt dieser mit themenbezogenen Konzerten an die Öffentlichkeit. Der Chor zeichnet sich durch die Interpretation internationaler Chormusik in der jeweiligen Originalsprache aus. Mit der Aufführung von Arvo Pärts bekanntem Chorwerk „Passio“ im vergangenen Jahr fesselte er sein Publikum mit der höchst feinsinnigen Interpretation dieses modernen Werkes.

„Manchmal hat man wirklich das Gefühl, dass fast jeder Mensch in der Stadt singt.“

Chorleiterin Angelika Achter

„Im bundesweiten Vergleich“, schlägt Matthias Schlier von der Städtischen Musikschule in die gleiche Kerbe, „steht Regensburger sicherlich gut da.“ Schlier führt das auf „die große Chortradition“ der Stadt an der Donau zurück. „Sie hat viel mit den Domspatzen zu tun und wird durch diese auch weitergeführt“. Das sieht der Musikwissenschaftler, Dozent und Chorleiter Dr. Hans Pritschet genauso. Als Domspatz hat er selbst neun Jahre unter Leitung des damaligen Domkapellmeisters Georg Ratzinger gesungen und sein Abitur in der Eliteschule gemacht. Heute singt Pritschet nur noch hier und da mit der Choralschola ehemaliger Domspatzen. Regelmäßig trifft man ihn dagegen mit dem Renner Ensemble an, dessen Leitung er 2011 übernommen hat. Der Männerchor ist nach dem Regensburger Domorganisten und Komponisten Josef Renner jun. (1868 – 1934) benannt, gegründet wurde er vom langjährigen Chorleiter Bernd Englbrecht. Ebenso wie ein Großteil der Ensemblemitglieder erhielt Englbrecht seine musikalische Ausbildung auch am Musikgymnasium der Domspatzen.

Die Domspatzen Foto: Michael Scheiner
Die Domspatzen Foto: Michael Scheiner

Auf dieser komfortablen Basis hat Englbrecht einen einzigartigen Klangkörper geformt. Das Ensemble ist heimattreu und tritt – vom neuen Konzerthaus in Blaibach bis Weilheim – häufig im bayerischen Raum auf, ist aber auch auf Konzertreisen international unterwegs. Bestechend ist seine große Vielseitigkeit: Das Repertoire umspannt Chorwerke für Männerstimmen quer durch die Jahrhunderte – vom Mittelalter über Werke der Renaissance und der Romantik bis hin zu experimenteller zeitgenössischer Vokal-Avantgarde. Zum 30-jährigen Bestehen des vielfach preisgekrönten Männerchors hat Dr. Pritschet mit dem Ensemble ein Programm mit Liedern von Glück und Leid einstudiert, benannt nach der Pflanze Männertreu – „Greensleeves“. Um Nachwuchs braucht sich dieser Chor keinerlei Sorgen zu machen, wird doch jedes Jahr mit dem Abschlussjahrgang des Domspatzen-Gymnasiums ein neuer Schwung gut ausgebildeter und trainierter Sänger in die „freie Wildbahn“ entlassen. Allgemein sieht der Cantemus-Leiter Schlier in puncto Nachwuchs jedoch einen „Rückgang, der in allen Sparten zu beobachten ist“, heraufziehen. Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich nur schwer nachprüfen. Verbindliche Zahlen fehlen, und die Gründe, warum ein Chor Schwierigkeiten hat, neue Sänger zu finden, können sehr unterschiedlich sein. Für den Leiter der Regensburger Kantorei und des Raselius-Chors, den Kirchenmusiker Roman Emilius, verbinden sich mit der Frage nach sängerischem Nachwuchs allgemeinere, ja viel grundsätzlichere Überlegungen: „Wenn immer weniger in Familie und Schule gesungen wird“, fragt er sich, „woher soll dann ein singfreudiger Nachwuchs kommen?“ Immerhin würde ja noch in Kirchen regelmäßig öffentlich gesungen. Aber: „Wo immer weniger Menschen in die Kirche gehen“, lautet seine nächste nachdenkliche Aufgabe, „woher soll dann die Liebe zur Kirchenmusik kommen? Und woher eine Freude am Selbermachen von Musik, wenn die Kenntnis klassischer Musik ganz generell nachlässt?“

In Kirchen und Pfarreien wird immer noch sehr viel gesungen

Kirchenmusik Foto: Michael Scheiner
Kirchenmusik Foto: Michael Scheiner

Vielleicht schwingt in einem solch düster gezeichneten Szenario auch eine Portion Kulturpessimismus mit, denn: Zumindest was die Entwicklung beim Singen und Liederlernen in Kindertagesstätten und Vorschuleinrichtungen angeht, wird doch einiges getan. Bei den Domspatzen, dem für Regensburg und die ganze Region wichtigsten Aushängeschild in Sachen Chormusik, profitiert davon wiederum der Vorchor. In dem können auch Schüler aus Grundschulklassen des gesamten Umlandes mitmachen. In den vergangenen Jahren hat allerdings die gesamte Institution „Domspatzen“ durch den Missbrauchsskandal erheblichen Schaden erlitten. Obwohl die Gründe in der Vergangenheit liegen, hat das Vergangene erhebliche Auswirkungen auf die heutige Situation. Anmeldungen waren zeitweise zurückgegangen und das Image der gesamten Einrichtung hat sehr gelitten. Mit verstärkter Werbung und einer Imagekampagne versuchen die Domspatzen dem entgegenzusteuern. Dieses Engagement macht sich inzwischen bezahlt. Das Interesse nimmt wieder zu. Auch andere „Mini-Chöre“, die ihre Ursprünge bei den Domspatzen haben, wie das populäre Spatzen-Quartett und das mehrfach mit einem Echo ausgezeichnete Vokalensemble Singer Pur tragen durch ausgewogene positive Statements dazu bei, das Ansehen der Domspatzen weiter zu verbessern. Und natürlich tun die Domspatzen selbst mit Auftritten bei den Tagen Alter Musik, bei Weihnachtskonzerten und vor allem mit den Mitsingkonzerten einiges dafür, den Ruf ihrer Einrichtung wiederherzustellen.

Ein anderes Beispiel, wie mit einer klugen Strategie dem fast unausweichlichen Nachwuchsmangel begegnet werden kann, ist die Kirchengemeinde St. Anton im Stadtosten. Hier hat der frühere Chorleiter Christoph Böhm über Jahrzehnte ein wegweisendes Konzept aufeinander aufbauender Chöre verwirklicht. „Somit konnte er vom Kindergarten- über den Kinderchor, und vom Jugendchor bis zum Erwachsenenchor seinen Nachwuchs sichern“, sagt Cantemus-Leiter Schlier bewundernd. St. Anton steht auch heute, nach dem Weggang Böhms in den Ruhestand und dem Wechsel zu Julia Glas als neuer Chorleiterin, ausgezeichnet da. Einen Eindruck, wie viel in den katholischen Kirchen und Pfarreien immer noch gesungen wird, lieferte Anfang Juli das Jugendchorfestival des Chorverbandes „Pueri Cantores“ mit über 1300 Teilnehmern von acht bis 18 Jahren. Immer wieder konnte man in der Stadt auf Chöre Jugendlicher stoßen, die nur zur Freude auf Straßen und Plätzen sangen. Ausgerichtet hat das bundesweite Festival der Pueri Cantores Verband des Regensburger Bistums. Von den 34 Chören, die dort als Mitglieder aufgeführt sind, kommen acht aus Regensburg und den angrenzenden Gemeinden.

Internate gelten als konservativ. Doch auch bei den Domspatzen werden moderne Konzepte verfolgt.

Der Cantemus-Chor hat inzwischen fast 700 Mitglieder

Wie viele Chöre es insgesamt in der Stadt gibt, lässt sich nur schätzen, denn es gibt keine Statistik. In der Kulturdatenbank der Stadt sind von „Cantabile Regensburg“ (Leiter: Matthias Beckert) bis zum Universitätschor (Leiter: Roman Emilius) gerade einmal neun Ensembles aufgeführt. Der Bayerische Sängerbund, einer von vier überregionalen Chorverbänden Bayerns, listet zwölf auf. Die beste Übersicht bietet der Singkreis Bernhardswald auf seiner Seite, der unter den Links 46 Chöre in und um Regensburg aufzählt.

Der Cantemus-Chor Foto: Michael Scheiner
Der Cantemus-Chor Foto: Michael Scheiner

Für die evangelische Kirche nennt Kirchenmusikdirektor Emilius sechs Kirchenchöre. „Davon werden in der Innenstadt die Regensburger Kantorei und der Raselius-Chor mit insgesamt rund 130 Mitgliedern von mir geleitet.“ Darüber hinaus zählt Emilius im ganzen Dekanat Regensburg „22 Chorleiter, also auch eine entsprechende Anzahl an Chören“. Zahlenmäßig übertrifft der Cantemus-Chor mit, laut Homepage, 673 Mitgliedern im Alter von sechs bis 17 Jahren alle anderen Ensembles bei weitem. Mitgliederstarke Sangesvereinigungen sind auch die Kantorei, der Universitätschor, das semiprofessionelle Cantabile, die aus dem Vokalensemble hervorgegangene Chorphilharmonie Regensburg mit eigenem Kammerchor vocapella und der Kirchenchor St. Anton. Matthias Schlier schränkt allerdings ein: „Die Zahl der Chöre und Chorsänger ist in den vergangenen 30 Jahren stark geschrumpft, einige Pfarreien haben ihren Chor aufgelöst, andere verstärken sich regelmäßig mit Gastsängern.“

Allerdings: In den frühen 90er-Jahren gründeten sich eine ganze Reihe von Chören und Vokalensembles neu. Dagegen verzeichneten einige traditionelle Laienchöre – kirchliche, wie profane – eine steten Schwund an Mitgliedern. Neue Chöre finden sich oft mit dem Versprechen, neue Akzente setzen zu wollen, zusammen. Nach wie vor finden beispielsweise Gospelchöre großen Anklang. Auch A-cappella-Gemeinschaften wie die „Jazznuts“ an der Uni, die Chöre an den Musikschulen und dem music college und vor allem der 1994 gegründete Heart.Chor – ein sprachliches Unikum – bringen frischen Wind in die teils arg verkrustete Chorszene. Viele Menschen, die singen wollen, aber keine Lust auf Kirchen- oder Volkslieder haben, fühlen sich von Popsongs, neuerer A-cappella-Literatur, Songwriter-Balladen oder aktuellen Charterfolgen angesprochen. Der Heart.Chor, „Herz-Chor“, seit 2004 unter Leitung von Markus Dankesreiter, bewegt sich zwischen verschiedenen Genres wie ein Fisch im Wasser. Bei den engagierten Laien haben Pop-Balladen, jazzige Arrangements, Filmsoundtracks, Punkkracher und inzwischen auch wieder geistliche Gesänge und romantische Stücke ihren Platz im bunten Repertoire.

Seit fast 23 Jahren singt Christine Kammhuber im Heart.Chor. „Dort kann man das Beste aus sich herausholen und es mit anderen zusammen in eine schöne Form bringen“, sagt sie begeistert. Zuvor hat die Grafikerin nie gesungen. Heute ist es für die im Alt singende Mittfünfzigerin ein „sehr befriedigendes, mentales Erlebnis, wenn ein schöner Klang herauskommt“.

„Musik ist eine der schönsten Sachen der Welt“, ist auch der Arzt Carmelo Alvarez überzeugt, der schon seit frühester Kindheit singt und seit etlichen Jahren auch noch Trompete spielt. Beim Singen findet der 57-Jährige nach eigenen Worten „inneren Frieden und einen Ausgleich zum anstrengenden Berufsalltag.“ Seit 16 Jahren singt der aus dem spanischen Salmanca stammende Tenor im Raselius-Chor. Als er nach Deutschland, zunächst nach Essen kam, hat er sich aktiv einen Chor gesucht, um Menschen kennenzulernen. Für seine Integration habe das Singen „eine sehr wichtige Rolle gespielt“. „Singen kommt für mich ganz nah an die Schönheit der Natur heran“, schwärmt Alvarez. Thomas Brinkel wiederum, Profi im Chor des Regensburger Theaters, liebt die Barockmusik ganz besonders. „Ein fetziger Wagner oder Verdi tun der Stimme aber genauso gut“, sagt er augenzwinkernd. Der gebürtige Thüringer freut sich bis heute über seine Berufslaufbahn im Opernchor, die ihm nach eigenen Worten „viel Lebensfreude“ bringt.

Singen scheint sogar das Leben zu verlängern

„Für mich ist Singen wie ein Anker“, sagt Ina Zierer. Die wöchentlichen Proben im Gospelchor von St. Lukas sind ihr extrem wichtig. Im Chor hat Zierer erleben dürfen, wie wichtig jede einzelne Stimme ist und dass es auf jede ankommt. „Auf einmal war ich gefragt, das hat mir spürbar mehr Selbstvertrauen gegeben.“ Eine Erfahrung, die übrigens viele Sängerinnen und Sänger machen, denn: Singen im Chor kann viel Positives bewirken. Es stärkt die Energie und die Sozialkompetenz, da man sich selbst zurücknehmen und auf die anderen im Chor hören muss. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Singen sogar das Immunsystem positiv beeinflusst. Chorsingen schützt gegen Erkältung und führt zur Ausschüttung von Glückshormonen. Ergo: Singen macht glücklich!

„Singen ist die Alternative zum Saufen. Hier werden Botenstoffe freigesetzt, für die man sonst Antidepressiva bräuchte.“

Eckhard Schiffer

Singen scheint sogar einen lebensverlängernden Einfluss zu haben. In Schweden untersuchte in den neunziger Jahren ein Forscherteam tausende Menschen jeden Alters und entdeckte, dass Mitglieder von Chören und Gesangsgruppen eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die nicht singen. Drastisch formuliert der bekannte Facharzt für Nervenheilkunde, psychosomatische Medizin und Psychotherapie Eckhard Schiffer seine Erkenntnisse: „Singen ist die Alternative zum Saufen. Hier werden Botenstoffe freigesetzt, für die man sonst Antidepressiva bräuchte“.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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