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Sprache

Wos läscht’s denn scho wieder?

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Diesmal geht’s um weinende Kinder und alte Hochzeitsbräuche.
Von Prof. Dr. Ludwig Zehetner

„Warum weint sie denn?“ wird in Bayern zu „Wos läscht’s’n scho wieder?“ Foto: dpa
„Warum weint sie denn?“ wird in Bayern zu „Wos läscht’s’n scho wieder?“ Foto: dpa

Wos läscht’s’n scho wieder?

Groß ist die Auswahl von Dialektwörtern für „weinen, heulen“. Natürlich gibt es „woana, woina“, daneben auch „plärren, zahnen, (p)flenen, trenzen, läschen, heana“ und weitere. Vorrangig auf die Lautstärke des Weinens bezieht sich „plärren (blean)“. Die Grundbedeutung von „zahnen“ ist: weit auseinander stehen, klaffen. Daher steht es auch für: mit offenem Mund gaffen, ebenso für: süßlich, schadenfroh, hämisch grinsen – und für weinen. Wohl im gesamten deutschen Sprachgebiet kennt man „flennen“; im Bairischen lautet es jedoch meist „pflehnen (pflena)“.

Speichel oder Flüssigkeiten aus dem Mund rinnen lassen heißt „trenzen“, und das Vergießen von Tränen kommt dem Fallenlassen von Tropfen gleich, so dass „trenzen“ auch für „weinen“ gesagt wird. Nicht überall in diesem Sinne bekannt sind „läschn“ und „heana“. Ersteres ist nichts anderes als mittelhochdeutsch „leschen“, in heutiger Schriftsprache „löschen“ (Wasser verspritzen). Eine eigentümliche Lautung von „hœnen (höhnen)“ liegt vor mit „heana“, außerdem trat eine Bedeutungsverschiebung ein. Selten geworden ist das alte Wort „Zähre“ (bairisch „Zacher, Zàcherl“) für Träne. Gefreut habe ich mich, als ich neulich eine Oma über ihren untröstlich schluchzenden Enkel sagen hörte: „D’Zàcherl sàn eam grod a so owa-gruna.“

Zu einer Frage von Dr. Karl Braun

Zwei alte Oberpfälzer Hochzeitsbräuche

Es gab das „Ofenschüssel-Rennen, -Laufen“. In seinem Bayerischen Wörterbuch äußert sich Johann Andreas Schmeller darüber recht ausführlich (Band II, Spalte 480 f.): „In meiner Heimat [ob er seine Geburtsheimat Tirschenreuth meint oder die Hallertau, wo er aufgewachsen ist?] ist nachstehender Hochzeit-Brauch. Sowie die Brautleute die Kirche verlassen haben, wirft die Braut kleine Münzen zum Rappen [Ergreifen] aus. Dann hält der Zug still, weil einige gute Freunde des Hochzeiters einen Wettlauf anstellen, und dieser Lauf heißt: ‚Ofa-Schüssl làffa‘. Der Erstl von den Läufern hat das Recht, die Braut in das Haus zu führen, wo das Mahl gehalten wird. Dort angekommen, muß der Hochzeiter die Braut beim Obsieger durch ein Geschenk auslösen … Soll die Ofenschüssel das Sinnbild der häuslichen Beschäftigung der Braut sein, oder soll man sie gar auf das gar andere Einschießen hinüberdeuteln?“

Manche alte Bräuche werden bei Landhochzeiten noch praktiziert. Foto: Thomas Warnack/dpa
Manche alte Bräuche werden bei Landhochzeiten noch praktiziert. Foto: Thomas Warnack/dpa

Die „Ofenschüssel (Ofaschissl)“ ist nämlich das Gerät, mit dem der Bäcker das Brot in den Ofen einschießt. Das Wort leitet sich her von „schießen“ (wie „Schlüssel“ von „schließen“). Zufällig ist es formgleich mit „Schüssel“, einer frühen Entlehnung aus dem Lateinischen („scutela“, Trinkschale).

Schmeller fährt fort: „Dahier [in München], selbst in der Stadt noch, wird die Hochzeiterin während des Mahles von guten Freunden entführt, und der Hochzeiter muß sie dann aufsuchen, und wenn er sie gefunden hat, durch ein Geschenk vom Entführer einlösen. Wie hölzern sind wir gegen die gemüthlichen Voreltern! Eine Sitte um die andere lassen wir abkommen!“ Bis heute ist die Brautentführung praktiziertes Ritual bei ländlichen Hochzeiten. Die Auslösung der Braut kommt den Bräutigam teuer zu stehen: Er muss nämlich für die gesamte Zeche aufkommen, die von den Entführern in der Zeit gemacht wurde, während er sie suchte.

Ebenfalls im Zusammenhang mit der Hochzeit in der Oberpfalz stehen „Gagelhahn, Gagelhenn(e)“. Wiederum sei Schmeller zitiert, der diese Begriffe so definiert (Band I, Spalte 877): „Hahn oder Henne, welche der Brautführer beym Abholen der Braut aus ihrem väterlichen Hause lebend in das des Bräutigams mitnimmt, wo sie am dritten Tag entweder mittels des sogenannten Hahnenschlag-Spieles oder sonst feyerlich abgethan und verzehrt wird. Daher denn auch die Nachhochzeit, welche von den Verwandten der Neuvermählten im Hause dieser letztern mit Zechen und Tanzen gefeyert wird, den Namen Gagelhenn führt. Im Bayerischen Walde ist die Gagelhenn das Frühstück, mit welchem so Braut als Bräutigam, jedes seine respectiven Hochzeitgäste in seinem Hause, zu bewirthen pflegt, worauf dann beyde Parteyen mit Musik ins Wirthshaus ziehen und dort unter Tanzen den Ruf der Glocke zum Zug in die Kirche erwarten.“

Diese Auskünfte wünschte Hannelore Atzinger.

Herent und drent und herentn und drentn

Prof. Dr. Ludwig Zehetner
Prof. Dr. Ludwig Zehetner

Man erzählt sich, dass ein Pfarrer während des sonntäglichen Hochamts befürchtete, seine Haushälterin, die andächtig im Kirchenstuhl saß, würde vergessen, die daheim im Bratrohr brutzelnde Ente umzuwenden. Also drehte er sich am Altar um (damals stand der Priester mit dem Rücken zum Volk) und deklamierte mit ausgebreiteten Armen: „Léni dradántum procénta“, worauf die Gemeinde respondierte: „Et cum spíritu túo.“ Die Leni verstand sehr wohl, was der Pfarrherr ihr mitteilen wollte: Dreh die Ente um! Brate sie ent auch, d. h. auch auf der anderen Seite! Eine Variante der pseudo-lateinischen Mahnung lautet: „Léni ventántum procénta“ (wende die Ente um), und als Verlängerung gibt es den Satz des Pfarrers: „Bali hámcum ísi“ (sobald ich heimkomme, esse ich).

Entscheidend für das Verständnis dieser pseudo-lateinischen Sätze ist die Kenntnis des bairischen Wortes „ent“ für: auf der anderen Seite, jenseits. Zugrunde liegt althochdeutsch „ener“, eine Nebenform zu „jener“. Neben „enhalb, enenhalb“ kannte bereits das mittelalterliche Deutsch um „t“ erweiterte Formen wie „enet-, enenthalb“, fortlebend in bairisch „ent, enten, enterhalb, herent(en), herenterhalb, drent(en), drenterhalb“. Ortsnamen wie „Entau, Entfelden, Entmoos, Enterrottach, Entermainsbach“ enthalten als Bestimmungswort „ent, enter“, womit die Lage angegeben ist: drüben, auf der anderen Seite. Was in der Schriftsprache ausgedrückt wird mit „hüben und drüben; diesseits und jenseits“, heißt im Bairischen „herent und drent“ oder „herentn und drentn“.

Die Auskunft wünschte Dr. Thomas Fischer (derzeit in China).

Dem schaugt der Foud von de Aung raus.

Das mundartliche Eigenschaftswort „foudig, foudisch“ steht für: raffgierig, neidisch, karg, selbstsüchtig, geizig, filzig. Mit dem Substantiv „(der) Foud“ ist gemeint: Geiz, Raffgier. Eine Klärung der Herkunft gestaltet sich schwierig, zumal sogar Johann Andreas Schmeller in seinem „Bayerischen Wörterbuch“ unter dem Stichwort „fôdig (foudi‘) vermerkt, es handle sich um „eine vermuthliche Aussprach-Entstellung, deren richtige Form ich nicht zu errathen weiß.“ Er führt den Satz an: „Des is a foudi’s Leut, fürcht‘, es muaß mit’n Brocka-r-in Maul vahungan“ (Band I, Spalte 692 f.). In ihrem Wörterbuch zur Regensburger Stadtsprache, erschienen 2009, verzeichnet Nadine Kilgert-Bartonek das Nomen „der Foud“ und gibt als Bedeutung an: Geizhals, Neidhammel, wofür auch das Wort „Foudhammel“ gebraucht wird; das Adjektiv „foudi(g)“ steht für: geizig, neidisch.

Zu Anfragen von Adrian Klinger und Ruth Königsberger

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