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Milchkrise

Wütende Bauern und ein erklärter Buhmann

Beim Agrargipfel rechnen Milchbauern mit dem Bundeslandwirtschaftsminister ab. Die Großdemo legt auch Teile Münchens lahm.
Von Christine Schröpf, MZ

Der Buhmann ist klar: Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt trifft bei den Milchbauern des Verbands BDM auf heftige Kritik. Das überträgt sich teilweise auch auf seine Partei, die CSU.
Der Buhmann ist klar: Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt trifft bei den Milchbauern des Verbands BDM auf heftige Kritik. Das überträgt sich teilweise auch auf seine Partei, die CSU. Foto: dpa

München.Über 2000 Bauern, 200 Traktoren – und jede Menge Wut: Die Milchkrise stürzt am Montagnachmittag die Landeshauptstadt in ein Verkehrschaos. Die Demo vor der Staatskanzlei blockiert eine Hauptverkehrsstraße. Gut so, sagt der Bundesvorsitzende der Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber. „Das ist wichtig. In der Stadt ist sonst nicht zu spüren, was auf dem Land draußen los ist.“ Er und seine Mitstreiter bewegen sich über fünf Stunden lang nicht vom Fleck. Als um 15 Uhr der Agrargipfel von Ministerpräsident Horst Seehofer beginnt, klettern die Landwirte das erste Mal auf ihre Schlepper und starten ein gewaltiges Hupkonzert. Ein Warnsignal an den Verhandlungsrunde, das stündlich wiederholt wird – damit niemand überhört, wie groß der Ärger ist. 18 Verbandsvertreter aus acht Organisationen sitzen mit Seehofer, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner am Tisch.

Auch Kuh Cilli aus Franken haben Milchbauern mit zur Demo nach München gebracht.
Auch Kuh Cilli aus Franken haben Milchbauern mit zur Demo nach München gebracht. Foto: dpa

Wie blank die Nerven liegen, hatte sich bereits gezeigt, als Brunner vor dem Gipfel zu den Demonstranten ging. Eigentlich richtet sich der Zorn des BDM gegen Schmidt. Brunner bekommt ihn stellvertretend zu spüren. Als er von einem provisorischen Podium zu den Landwirten spricht, stürmt Karin Nützl, Milchbäuerin aus dem Landkreis Landshut, nach vorne. „Schamt’s eich. Pfui Deifi“, schreit sie. Dann schüttet sie im heftigen Schwung zwei Kannen aus, die eine mit Milch, die andere mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt, Symbol für das Blut der Bauern, dass die Milchkrise fordert. Brunner ist irritiert, kurz schaut es so aus, als ob er seinen Auftritt abbricht. Manfred Gilch, Vorsitzender des BDM Bayern, ergreift das Mikrofon. „Nehmen Sie es nicht als persönlichen Angriff“, sagt er zu Brunner, „sondern als Stimmungsbild“. Genau das hatte Bäuerin Nützl im Sinn. „Der Minister Schmidt soll sehen, wie grantig wir sind“, erklärt sie später. „Ich bin net auf den Brunner sauer. Er setzt sich für uns ein.“

Verklausulierter Dissens

Bis 18.30 Uhr dauert der Agrar-Gipfel. Eigentlich wird das gesamte Tableau der landwirtschaftlichen Probleme debattiert – auch die Lage der Getreidebauern, der Schweinemäster und Forstwirte ist höchst angespannt. Bei der Pressekonferenz aber kreist alles um die Milchkrise – und die Journalisten erleben einen Bundesagrarminister, der mit verschachtelten Wortgebilden eine vermeintliche Einheit mit Brunner postuliert. Dabei gibt es sehr wohl Dissens. Brunner sieht in der Milchkrise die Zeit gekommen, dass die EU die Landwirte aller EU-Länder verpflichtet, temporär die Milchmenge zu drosseln – er weiß dabei Seehofer auf seiner Seite. Schmidt sieht das nicht als nächsten Schritt, höchstens als übernächsten Schritt. So genau will er damit aber am Montag nicht herausrücken.

Redebedarf: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (r.) mit Bundesagrarminister Christian Schmidt
Redebedarf: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (r.) mit Bundesagrarminister Christian Schmidt Foto: dpa

Die Milchpreise sind massiv ins Rutschen gekommen. EU-weit liegt die Überproduktion derzeit bei über zehn Millionen Tonnen. Das Russland-Embargo und wegbrechende Märkte in Asien treffen die Landwirte hart. Grund für die Schieflage ist teils aber auch, dass einige Landwirte den Fall der EU-Milchquote im April 2015 nutzten, um die Zahl ihrer Kühe kräftig aufzustocken. Der Oberpfälzer Bauern-Präsident Franz Kustner bestreitet das für seinen Regierungsbezirk und nennt als Beweis, dass bei der Milchmenge in der Oberpfalz nur ein Plus von 0,4 Prozent zu verzeichnen sei. Gerhard Stadler, Bauernpräsident aus Niederbayern, sieht das ähnlich. „Wir sind etwa auf Vorjahreshöhe.“

14 000 Milchbauern in Ostbayern

Kustner und Stadler vertreten insgesamt 14 000 Milchbauern in ihren Bezirken. Nach dem Agrargipfel sprechen sie von Fortschritten und konstruktiven Gesprächen. Erwartet wird, dass das bayerische Kabinett schon an diesem Dienstag erste Maßnahmen beschließt. Anders als der konkurrierende BDM mag sich der Bauernverband aber nicht mit EU-Zwangsmaßnahmen anfreunden. Auch Rücktrittsforderungen an Bundesagrarminister Schmidt, die unter anderem auch Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger erhebt, sind für Stadler keine Lösung. „Was bringen Personaldiskussionen? Wir müssen Lösungen finden“, sagt er.

Erst stellvertretend für Schmidt im Proteststurm, dann mit Beifall belohnt. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner.
Erst stellvertretend für Schmidt im Proteststurm, dann mit Beifall belohnt. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner. Foto: dpa

BDM-Sprecher Hans Foldenauer lässt nach dem Agrargipfel dagegen unverblümt durchblicken, auf wen er in der Krise setzt. Zwei Mal lobt er bei der Pressekonferenz ausdrücklich Regierungschef Seehofer und seinen Landwirtschaftsminister – von Bundesminister Schmidt kein Wort. „Wir sind jetzt wieder einen Schritt weiter, dass man das Problem am Milchmarkt an der Wurzel packt“, sagt er. Für Brunner gibt es bei der Abfahrt vor der Staatskanzlei noch eine kleine Gefühlsmassage. Als die BDM-Demonstranten mitbekommen, dass er in seine Limousine steigt, erhält er spontanen Applaus.

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