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Diskussion

Zahl der Pfleger ist das größte Problem

8000 Stellen sollen geschaffen werden. Doch Experten halten diese Zahl für willkürlich. Auch die Finanzierung ist ungeklärt.
Von Dirk Baas, epd

Eine Altenpflegerin geht mit einer Seniorin durch einen Flur in einem Altenheim. In den Heimen fehlt an allen Ecken und Enden Personal.Foto: Peter Steffen/dpa
Eine Altenpflegerin geht mit einer Seniorin durch einen Flur in einem Altenheim. In den Heimen fehlt an allen Ecken und Enden Personal.Foto: Peter Steffen/dpa

Frankfurt.Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek war schon vor den Koalitionsverhandlungen enttäuscht vom Reformtempo in der Pflegepolitik. Und er bleibt es: Die Einigung von Union und SPD mache keine Hoffnung auf Besserung, das Grundproblem bestehe seit Jahrzehnten. Einer der maßgeblichen Schwachpunkte des deutschen Pflegesystems sei der extreme Personalmangel, sagt der Experte. Die jetzt im Koalitionsvertrag beschlossenen zusätzlichen 8000 Fachkräfte für Pflegeheime seien willkürlich festgelegt worden: „Das verhöhnt die Pflege. Wie viele Pfleger wirklich fehlen, weiß kein Mensch“, kritisiert Fussek.

Flächendeckende Tarifverträge?

Die Verhandler des Koalitionsvertrages wollen von Kranken- und Pflegekassen zu bezahlende 8000 neue Fachkraftstellen für Pflegeeinrichtungen schaffen. Auch ist als Ziel formuliert, dass in der Altenpflege Tarifverträge flächendeckend gelten sollen. Und: Eine Ausbildungsoffensive, Anreize für die Rückkehr in Vollzeitbeschäftigung und die Weiterqualifizierung von Hilfs- zu Fachkräften sollen für mehr Personal sorgen.

Pfleger-Stimmen aus den sozialen Medien

  • Ein Krankenpfleger

    aus Altenburg beklagt in den sozialen Medien: „Der Beruf muss massiv aufgewertet werden und dafür muss die Politik pro Jahr gut zehn Milliarden Euro in die Hand nehmen. Bei der Rüstung oder dem Verkehr geht so was, aber bei der Pflege offenbar nicht.“

  • Carla, eine Münchnerin,

    liebt nach eigener Aussage ihren Beruf. Aber auch sie leidet massiv unter dem Personalmangel: „Für immer halte ich das nicht aus. Ich bin ja schon mit Anfang 20 völlig fertig.“

  • Voller Sarkasmus

    twitterte auch Monja Eszehah: „Du willst mal geilen, illegalen Scheiss machen? Komm in die Pflege! Arbeitszeitgesetz? Nicht für Dich! Dokumentenfälschung? Jeden Tag! Steh auch Du mit einem Bein im Knast!“

Experten sehen darin allenfalls kleine Schritte in die richtige Richtung. Dass Union und SPD diese Pläne vollmundig als Neustart in der Pflegepolitik angepriesen haben, bringt Fussek auf die Palme: „Jeder, der den Alltag in der Pflege kennt, steht fassungslos vor solchen Aussagen“, bekannte der Fachmann, der seit vier Jahrzehnten für eine bessere Pflege ringt, in einem Interview mit dem Sender n-tv. „Wo haben Union und SPD diese willkürliche Zahl her? Da kommt ein Viertel Pfleger zusätzlich auf jedes Heim.“

Auch viele Pflegefachverbände zeigen sich unzufrieden mit den Plänen. „Wir wollen gute Pflege mit gutem Personal zu fairen Bedingungen. Das will wohl auch die große Koalition, sie sagt aber nicht, wer das finanzieren soll“, kritisiert Bernd Meurer, Chef des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Diese Frage bleibe offen. Auch bleibe unklar, woher die angekündigten zusätzlichen Fachkräfte kommen sollen.

Pflegekräfte üben Selbstkritik

„Zudem brauchen wir eine flexiblere Handhabung der starren Fachkraftquote, die Ressourcen bindet, die eigentlich schon gar nicht mehr vorhanden sind“, sagt Meurer. Fussek ist überzeugt: Solange nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um schnell mehr Personal in Heime und Kliniken bringen zu können, werde sich die üble Lage dort auch nicht verbessern. „Gesetze pflegen keine Menschen. In den Pflegeheimen fehlt das Personal, das diese Pflege erbringen kann“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst.

Dass sie sich im aufreibenden Alltag in den Heimen und Kliniken von der Politik alleingelassen fühlen, beklagen Pflegekräfte seit Jahr und Tag. Sie haben ihrem Ärger nun mehr und mehr zum Beispiel in den sozialen Medien Luft gemacht: Ungefiltert und in drastischen Worten schildern sie an vielen Stellen, wie ihr Alltag in den Einrichtungen Tag für Tag aussieht. Und sie sparen auch nicht mit Selbstkritik: Diskutiert wird dabei nämlich auch die Frage nach der eigenen Verantwortung für die desaströse Lage in der Pflege.

Ausgelöst wurde diese Debatte durch einen Tweet des CDU-Politikers Erwin Rüddel. Er hatte empfohlen, dass Pflegekräfte nicht länger schlecht über ihren Job reden sollten – und machte sie damit indirekt selbst verantwortlich für die Misere. Nun aber tun die Betroffenen genau das und geben schonungslos Einblicke in ihren Alltag. „Ich bin nicht Schuld daran, dass die Situation so ist. Ich bin aber Schuld daran, wenn sie so bleibt“, sagte Christina Anna Hajek, Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Hessen, dem Magazin „bento“.

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