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Bayern
Samstag, 21. April 2018 27° 2

Ausstellung

Zeichnen als Strategie des Überlebens

Hugo Walleitner und Richard Grune waren als Homosexuelle im KZ Flossenbürg. Ihre Kunstwerke sind nun in Regensburg zu sehen.
Von Katharina Kellner

Richard Grunes „Häftling im Drahtverhau“ Foto: Arge ehemaliges KZ Flossenbürg

Regensburg.Es ist ein kleiner kunsthistorischer Schatz, den die Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg aus ihrer rund 150 Werke umfassenden Sammlung dem Regensburger Historischen Museum für eine Ausstellung überlassen hat: Die Arbeiten des österreichischen Grafikers und Zeichners Hugo Walleitner und des norddeutschen Malers Richard Grune. Vor allem Grunes Mappenwerk „Passion des XX. Jahrhunderts“ ist von enormer künstlerischer Qualität. Bei ihm trifft das Wort Passion in zweierlei Hinsicht zu – für das selbst erlebte Leid des Künstlers in den Konzentrationslagern der Nazis und die Leidenschaft für seine Kunst, für die er bis zu seinem Tod 1983 keine öffentliche Anerkennung bekam.

Die Sonderausstellung „Erinnerung – Bilder homosexueller Künstler im KZ Flossenbürg“ im Historischen Museum rückt erstmals zwei Häftlinge des KZ Flossenbürg in den Fokus, die die Nazis ihrer Homosexualität wegen verfolgten. Der berüchtigte Paragraf 175 wurde 1935 verschärft und von da an zur Grundlage der Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen. In den Lagern mussten die Betroffenen einen rosa Winkel auf ihrer Kleidung tragen. Sie standen in der Hierarchie ganz unten – zusammen mit Juden und Sinti und Roma. Kurator Dr. Hans Simon-Pelanda, der Ehrenvorsitzender der Arge Flossenbürg ist, sagte bei der gestrigen Pressekonferenz, die Homosexuellen seien eine der „am übelsten verfolgten Gruppen“ der NS-Zeit gewesen und in besonderer Weise von der brutalisierten Sexualität in den Lagern betroffen.

Grune und Walleitner wurden nicht als NS-Verfolgte anerkannt

Die Ausstellung

  • Die Ausstellung

    im Historischen Museum ist von 14. April bis 6. Mai zu sehen. Eröffnet wird sie heute um 18 Uhr von Bürgermeister Jürgen Huber.

  • Die Volkshochschule Regensburg

    hat in Zusammenarbeit mit RESI, der Regensburger Schwulen- und Lesbeninitiative, ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung auf die Beine gestellt.

  • Marcus Velke, M.A., vom Netzwerk Displaced Persons-Forschung der Universität Bonn spricht am Dienstag, 17. April, 19 Uhr, über die Kontinuitäten bei der Verfolgung Homosexueller 1933-1945 und 1945-1994. Am Mittwoch, 25. April, 19 Uhr, liest Martin Preis aus zwei Büchern zum Thema KZ und Homosexualität – Hugo Walleitners: ZEBRA. Ein Tatsachenbericht (eines Homosexuellen) aus den KZ Flossenbürg und Heinz Heger: Die Männer mit dem Rosa Winkel. Am Donnerstag, 3. Mai, 19 Uhr, spricht Dr. Hans Simon-Pelanda über Homosexuelle im KZ, besonders in Flossenbürg und seinen Außenlagern. Die Veranstaltungen finden statt im Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8, Raum 219. Eintritt frei.

  • Führungen gibt es am 15. und 29. April, jeweils 15 Uhr, 25. April und 2. Mai, jeweils 11 Uhr und am 6. Mai zur Finissage (15 Uhr). Am 23. April, 19.30 Uhr, gibt es eine Sonderführung im Anschluss an den Gedenkweg. Der Eintritt ist frei.

Auch nach dem Krieg ging die Kriminalisierung der Homosexuellen weiter. Weder Grune noch Walleitner hätten die Aufhebung des Paragrafen 175 erlebt oder für ihre Verfolgung während der NS-Zeit eine Opferentschädigung bekommen, sagte Simon-Pelanda. Er betonte den Wert ihrer Kunstwerke für die Erinnerungsarbeit – in einer Zeit, in der nur noch wenige Zeitzeugen von ihren Erlebnissen in den Lagern berichten könnten. Kunst könne Menschen öffnen, sich mit den Lagern emotional auseinanderzusetzen.

Grunes „Passion des XX. Jahrhunderts“ entstand nach Kriegsende in Flensburg, wo er 1903 zur Welt gekommen war. Ab 1922 studierte er am Bauhaus in Weimar bei Klee, Kandinsky, Schlemmer und Feininger. 1934 verhafteten ihn die Nazis in Berlin. Nach Gefängnisstrafen war er ab 1937 in den KZ Oranienburg, Sachsenhausen und Flossenbürg inhaftiert. Im April 1945 floh er bei einem Todesmarsch. Auf seinen Bildern schuf er mit detailliertem Strich Figuren von beeindruckender Präsenz. Seine Darstellung von Häftlingen, die leblos im Stacheldrahtzaun hängen, die vor eine gigantische Steinwalze gespannt zur Zwangsarbeit getrieben werden oder im Steinbruch Lasten schleppen, zeigen das Konzentrationslager als einen Ort, an dem für die Häftlinge die Qual niemals endet. Doch der Betrachter sehe bei Grune auch eine Darstellung von Liebesbeziehungen, sagte Simon-Pelanda: „Auch in der Extremsituation des KZ gab es das Bedürfnis nach Zuwendung.“ Dies zeigt eindrücklich die Lithographie „Solidarität“, wo ein Gefangener einen erschöpften Mithäftling stützt.

Er musste Glückwunschkarten für die SS zeichnen

Während die Biographie Grunes gut erforscht ist, ist über Hugo Walleitner wenig bekannt: Geboren 1909 in Bad Ischl, verurteilten ihn die Nazis 1942 aufgrund des Paragrafen 175 und internierten ihn in Flossenbürg. Dort wurde er in das „Malerkommando“ abkommandiert, wo er Glückwunschkarten und Porträts für die SS-Leute und Kapos zeichnen musste. So wurde ihm das Zeichnen im Lager zur Überlebensstrategie. Auch ihm gelang bei einem Todesmarsch die Flucht. Kurz nach Kriegsende schreib Walleitner ein Buch über seine Erlebnisse im KZ mit dem Titel „Zebra – Ein Tatsachenbericht aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Mit 34 Bildern des Verfassers“.

Die Ausstellung zeigt neben diesen Zeichnungen und dem Buch von Walleitner „14 Lithographien und Linolschnitte im Original und einzelne Kunstdrucke aus der Mappe, die Grune 1945/46 herausgebracht hat“, sagte Dr. Andreas Boos, stellvertretender Leiter der Museen der Stadt Regensburg. Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer dankte der Arge Flossenbürg für die „immer wiederkehrenden Anstöße zur Erinnerungskultur“, die in der Stadt Regensburg einen hohen Stellenwert habe. Junge Menschen von heute sollten erfahren, dass die Verbrechen der Nazis nicht irgendwo passiert seien, „sondern bei uns in der Oberpfalz“. Kulturreferent Klemens Unger sagte, die Stadt Regensburg wolle die Bilder nicht nur darstellen. Das begleitende Programm ermögliche eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik.

Lesen Sie dazu auch, wie polnische Jugendliche in Nittenau dem von den Nazis ermordeten Zwangsarbeiter Zymunt Marcezas gedachten und wie Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg heutigen Jugendlichen die Geschichte der Konzentrationslager nahe bringt.

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