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Prozesse

Zschäpe entschuldigt sich bei Opfern

Die mutmaßliche Rechtsterroristin Zschäpe bedauert, „dass die Angehörigen der Opfer einen geliebten Menschen verloren haben“.
Von Christoph Lemmer

Beate Zschäpe neben ihren Anwälten Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasell im Oberlandesgericht Foto: Matthias Schrader/AP POOL/Archiv
Beate Zschäpe neben ihren Anwälten Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasell im Oberlandesgericht Foto: Matthias Schrader/AP POOL/Archiv

München.Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe hat sich bei den Opfern der Mordserie entschuldigt. In ihrem persönlichen Schlusswort vor dem Oberlandesgericht München sagte die Hauptangeklagte am Dienstag: „Ich wollte und will die Verantwortung für die Dinge übernehmen, die ich selbst verschuldet habe, und entschuldige mich für das Leid, was ich verursacht habe. Ich bedauere, dass die Angehörigen der Mordopfer einen geliebten Menschen verloren haben. Sie haben mein aufrichtiges Mitgefühl.“

Es ist der 437. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl fragt in die Runde: „Noch irgendwelche Anträge?“ Keiner meldet sich. „Dann wird die Verhandlung geschlossen“, verkündet Götzl – nach mehr als fünf Jahren Prozessdauer – und ruft die Angeklagten am Dienstag für ihre Schlussworte auf.

Beate Zschäpe klappt ihren schwarzen Laptop auf und fummelt einige Blatt Papier heraus. Sie schaut auf die erste Seite und liest: „Hoher Senat, heute möchte ich die Chance der letzten Worte nutzen, was mir zugegebenermaßen nicht leicht fällt.“

Zschäpe spricht schnell, sie klingt ein bisschen nervös. Sie erklärt, warum sie sonst im Prozess fast nie selber gesprochen habe. „Ich habe das Gefühl, dass jedes Wort, und sei es von mir noch so ehrlich gemeint, mir nachteilig ausgelegt wird.“ Aber jetzt wolle sie doch noch einmal sprechen, ihre Worte enthielten diesmal auch „keinerlei anwaltliche Formulierungen“, sagt sie.

An die Adresse der Familien der Mordopfer, namentlich der Mutter von Halit Yozgat in Kassel, sagt sie: „Ich bin ein mitfühlender Mensch und habe sehr wohl den Schmerz, die Verzweiflung und die Wut der Angehörigen sehen und spüren können.“ Yozgats Mutter hatte schon im ersten Jahr des Prozesses die Frage an Zschäpe gerichtet, ob sie noch ruhig schlafen könne.

„Ich kann den Hinterbliebenen ihre Angehörigen nicht mehr zurückgeben.“ Die Angeklagte Beate Zschäpe

Die Hauptangeklagte beteuert: Wüsste sie, wie ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihre Opfer auswählten, sie würde es verraten. Aber: „Ich hatte und ich habe keinerlei Kenntnisse darüber.“ Wüsste sie etwas, dann würde sie das „jetzt hier preisgeben, da es für mich keinerlei Grund mehr gibt, etwas zu verschweigen“. Zschäpe ergänzt: „Leider gibt es nicht mehr als diese Worte des Bedauerns. Ich kann den Hinterbliebenen ihre Angehörigen nicht mehr zurückgeben.“

Von Morden erst im Nachhinein erfahren?

Am Ende des NSU-Prozesses hat sich die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe noch einmal von den Verbrechen ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt distanziert. Zschäpe will von den zehn Morden und den Bombenanschlägen, die den Ermittlungen zufolge auf das Konto ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehen, immer erst im Nachhinein erfahren haben. Lediglich von Raubüberfällen will sie gewusst und diese gutgeheißen haben.

Gestanden hat sie nur die Brandlegung in der Wohnung

Gestanden hat sie zudem, die letzte Fluchtwohnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ in Zwickau in Brand gesteckt zu haben. Mundlos und Böhnhardt erschossen sich 2011.

Nach mehr als fünf Jahren steht der NSU-Prozess vor dem Abschluss. Am 11. Juli will das Oberlandesgericht München das Urteil gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte sprechen, wie der Vorsitzende Richter am Dienstag bekanntgab.

Den Ermittlungen zufolge hatten Mundlos und Böhnhardt während der fast 14 Jahre, in denen das Trio im Untergrund lebte, zehn Menschen erschossen und zwei Sprengstoffanschläge verübt. Das Motiv war in fast allen Fällen Fremdenhass. Ein Mordopfer war eine Polizistin in Heilbronn. Der NSU-Prozess soll klären, welche Schuld Zschäpe und die Mitangeklagten dabei haben.

Bundesanwaltschaft fordert lebenslange Haft

Die Bundesanwaltschaft sieht Zschäpe als Mittäterin und hat lebenslange Haft mit Sicherungsverwahrung gegen sie beantragt. Zschäpes zwei Verteidigerteams halten sie für die Morde und Anschläge für unschuldig. Unterschiedlich sehen die Verteidiger Zschäpes Schuld an den anderen Straftaten: Ihre drei ursprünglichen Pflichtverteidiger halten lediglich eine Strafe für einfache Brandstiftung für angebracht, ihre beiden Wunschverteidiger höchstens zehn Jahre Gefängnis wegen Beihilfe bei zahlreichen Überfällen.

Hauptangeklagte bittet um Milde

An Richter Götzl und den Münchner OLG-Senat appelliert sie, sich von öffentlichem oder politischem Druck nicht beeindrucken zu lassen und Zschäpe nicht „stellvertretend“ für etwas zu verurteilen, was sie „weder gewollt noch getan“ habe.

Draußen vor der Tür stehen die Eltern von Halit Yozgat. Um sie formiert sich gleich ein Pulk. Sie sprechen in Kameras und Mikrofone. „Wenn die Regierung uns schon nicht schützen konnte, dann soll sie wenigstens gerecht sein“, sagt Ayse Yozgat. „Als Mutter fordere ich Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!“ Und der Vater Ismail Yozgat erinnert daran, wie „mein Sohn in meinen Armen gestorben ist“.

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