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Bayern
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Solidarität

Zu Besuch bei den bösen Mädchen

Die Oberpfälzer Schriftstellerin und einstige Nonne Marianne Ach liest im Frauengefängnis Aichach – und wird auf Anhieb verstanden.
Von Florian Sendtner, MZ

Von Marianne Ach gefangen: Die Oberpfälzer Schriftstellerin fesselte ihre Zuhörerinnen. Fotos: Lankes

Aichach. Es ist ein ungemütlicher Winternachmittag, als Marianne Ach in der Justizvollzugsanstalt Aichach einrückt. Nächstes Jahr wird sie siebzig, und sie hat nichts getan. Naja, nichts getan stimmt nicht. Sie hat Bücher geschrieben, und sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie den Gefangenen in der JVA Aichach daraus vorlesen muss. Den gefangenen Frauen – Aichach ist das zentrale Frauengefängnis in Bayern. Und sie wollte, dass ein Reporter und ein Fotograf unserer Zeitung sie begleiten. Die Gefängnisleitung reagierte zunächst reserviert, dann interessiert: Eine pensionierte Lehrerin für Deutsch und Religion, die seit ihrer Pensionierung vier Bücher veröffentlicht hat, das kann eigentlich nur pädagogisch wertvoll sein für die Gefangenen. Die Schriftstellerin darf rein ins Gefängnis. Kontrolle an der Pforte, ein uniformierter Justizbeamter hinter schusssicherem Glas, Ausweis vorzeigen, Taschendurchsuchung, Handy und andere gefährliche Gegenstände im Schließfach ablegen, warten.

Nach ein paar Minuten erscheint eine vielleicht 50-jährige sympathische Frau, die uns abholt. Margrit Wucher ist Gefängnislehrerin, und sie hat auch die Schlüsselgewalt. An einem Ring führt sie mehrere ellenlange zweibärtige Schlüssel mit sich. Sie führt uns über einen Hof in den Zellentrakt, alle paar Meter muss sie wieder auf- und zusperren. Der Zellentrakt besteht aus vier kreuzförmig angeordneten Flügeln. Einen davon betreten wir vom äußeren Ende her, blicken nach oben: drei Etagen, zwei gegenüberliegende Zellenflure, in der Mitte Auffangnetze, damit man sich nicht herunterstürzen kann. Wir müssen gleich nach rechts abbiegen, doch zuvor geht es an zwei offenen Zellen vorbei, es ist gerade Aufschluss. Alles wie im Film. Nur viel kleiner. Die Zellen sind ja für Liliputaner! Eine normale Tür ist 90 Zentimeter breit, eine schmale 80 – die Zellentüren hier sind keine 60 Zentimeter breit. Ein breitschultriger Mann käme nur seitlich hinein. Dahinter: eine Zwergenzelle. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, aber alles derart komprimiert und zusammengestaucht, dass man schon vom flüchtigen Hineinschauen Platzangst kriegt.

Der Eindruck täuscht nicht. Margrit Wucher bestätigt: Die Zellen haben „mindestens sechs Quadratmeter“. Mein Bad hat 5,4 Quadratmeter. Aber die sechs Quadratmeter sind höchstrichterlich bestätigt: Am 9. März 2011 gab das Bundesverfassungsgericht der Klage eines Gefangenen statt, der 151Tage mit einem Mitgefangenen in einer acht Quadratmeter großen Zelle ohne separate Toilette eingesperrt war. Vier Quadratmeter pro Person, das verstoße gegen die Menschenwürde, befanden die Verfassungsrichter. Die übliche Mindestfläche von sechs bis sieben Quadratmetern dürfe nicht unterschritten werden.

Eine Lehrerin der alten Schule

Wir erreichen die schäbige Turnhalle, in der die Lesung stattfindet: ein Dutzend Stuhlreihen, vorn eine Bühne, an der Wand Gymnastikstangen, ein Klavier mit einem katholischen und einem evangelischen Gesangsbuch darauf, ein metergroßes Kruzifix darüber, zwei blaue Notrufmelder, ein roter Feuermelder an der abblätternden Wand. Weswegen sitzen die Frauen hier ein? Margrit Wucher: vor allem wegen Drogen. Nach und nach füllt sich die Turnhalle. Frauen jeden Alters, die jüngsten sind noch nicht volljährig, die ältesten gehen auf die 70 zu. Sie tragen keine Anstaltskleidung, aber sehr schlichte Sachen, Trainingshose und so. Ist Drogenabhängigkeit nicht eine medizinische Angelegenheit, wieso muss man Kranke einsperren?

Marianne Ach besteigt die Bühne. Ohne große Einleitung beginnt sie zu lesen, sie hat eine laute, deutliche Stimme, man merkt sofort, die Frau war Lehrerin, sie ist eine von der alten Schule. Nicht eine von denen, die sich zuerst bei ihren Zuhörern anwanzt und einschleimt. Und prompt weist sie zwei Zuhörerinnen in der letzten Reihe zurecht, die keine Ruhe geben. Aber das wäre nicht mal nötig gewesen, denn es wird auch so immer stiller, die Frauen hören immer aufmerksamer zu. Obwohl Marianne Ach zuerst aus ihrem Buch „Winterherzen“ liest, in dem es um die Nachkriegsjahre geht, um einen Frauenhaushalt in einem Dorf in der hintersten Oberpfalz, an der tschechischen Grenze – für eine Zwanzigjährige ist das vermutlich Lichtjahre entfernt. Zwischendurch erzählt Marianne Ach von dem realen Dorf an der tschechischen Grenze, in dem sie aufgewachsen ist: Eslarn. Wo die Tschechen heute noch die Feinde sind, die einem ins Essen spucken: „Die Grenze im Kopf, die ist immer noch da, so wie vor 50, 60 Jahren: Da drüben, das sind die ganz anderen, da ist der Wachtturm, da wirst erschossen.“

Streng sitzt Marianne Ach am Podium. Distanziert horcht ihr die Turnhalle voller Frauen zu. Erst als sie ein Foto von sich hochhält, das sie mit dreizehn Jahren zeigt, lachen die ersten: Das Foto zeigt eine streng frisierte Gefangene, eine Gefangene der Zeitumstände, gefesselt von den unerbittlichen katholischen Konventionen der 50er Jahre. Es war Marianne Achs „Bewerbungsfoto“ für die Klosterschule. Da ihre Mutter als Soldatenwitwe nicht das nötige Kleingeld hatte, um der Tochter eine anständige Schulbildung zukommen zu lassen, blieb nur die Klosterschule, sprich: der Schleier. Marianne Ach: „Ich war da in der Pubertät, ich hab da keine Ahnung ghabt, was das heißt: Klosterfrau.“

Das erste Lachen, das Eis beginnt zu tauen. Marianne Ach liest jetzt aus ihrem letzten Buch: „Glück ist ein seltener Vogel“, das erste Kapitel: „Ich gelobe“. Es handelt von ihren Jahren im Kloster, vom Eingeschlossensein eines Mädchens: „Ich gehe immer wieder nahe an die Mauer heran, klopfe sie ab nach einer undichten Stelle“ – jetzt wachen die letzten Zuhörerinnen auf. „In der Mauer finde ich winzige Schlupflöcher. Sie werden im Laufe der Jahre größer werden.“ Und: verbotenes nächtliches Flüstern im Klosterschlafsaal – da geht die Türe auf: „Diejenigen, die über das Internat geklagt haben, melden sich morgen bei mir!“ Das Mädchen Marianne Ach zuckt zusammen: „Ich verkrieche mich unter der Bettdecke: alles wegzaubern, unsichtbar werden, Flügel bekommen.“ Spätestens jetzt gibt es niemand mehr in dieser schäbigen Turnhalle, der nicht bei der Sache wäre.

Marianne Ach liest und erzählt von seelischen Grausamkeiten, von sinn- und grundlosen Bestrafungen, und nach jedem Satz kommt aus dem Publikum nur ein: „Ja, genau!“ oder ein „Wie bei uns!“ Die Frauen sind jetzt ziemlich lebendig, sie berichten von kindischer Maßregelung wie der „Freizeitsperre“ (man darf nicht aus der Zelle raus) oder – das schlimmste – dem „Bunker“: „Da isch fast nix drin, nur so kleine Mückenlöchle“ – soll wohl heißen: so winzige Fenster, dass kaum Licht hereinkommt. Zwischen einer und drei Wochen soll diese Bestrafung im Bunker dauern. Die Zellen würden sowieso dauernd durchsucht. Marianne Ach versteht das nicht: „Sie schauen doch so herzerfrischend aus!“ Wer sollte vor diesen Frauen Angst haben? Die Frauen widersprechen: „Nein, wir sind böse Mädchen!“ Das meinen sie natürlich nicht ernst. Ernst meinen sie dafür das: „Die bayerische Justiz ist auf dem Stand der 50er Jahre! Es geht rückwärts!“

Mit geballter Faust

Auf die Frage, woher Marianne Ach ihre Kraft hernehme, antwortet sie: „Ich bin ein ganz sturer Mensch, ich bin sehr eigensinnig. Die Schulleiterin wollt mich auch immer knechten, wollt meinen Willen brechen. Das ist ihr nicht gelungen.“ „Sehr gut!“ kommt es von den Gefangenen, und jetzt ist der Damm endgültig gebrochen. Auf einmal sitzt Marianne Ach mit geballter Faust auf der Bühne und ruft den Frauen zu: „Lassen Sie sich nicht brechen!“ Und das Echo ist vielleicht nicht so wie bei Johnny Cash in San Quentin, weil halt die Turnhalle nicht so groß ist, aber es geht einem durch und durch, und auch die seitlich sitzenden Wärterinnen sind völlig wehrlos und lassen sich mitreißen.

Wie soll das gehen, sich nicht brechen lassen? Eine Gefangene erzählt von ihrem „Trick 18“: „In der Früh sich immer aufrichten. Und: Tagebuch schreiben. Des mach ich. Des kann ich nur empfehlen.“ Und Marianne Ach, die Freie, pflichtet ihr bei: „Es würd’ fürchterlich mit mir ausschauen, wenn ich nicht schreiben tät.“

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