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Freizeit

Zu Besuch beim schlafenden Waldemar

Jetzt wird wieder gewandert: Touren mit Kindern stehen dieses Jahr im Mittelpunkt. Familie Sigel testet schöne Routen.
Von Heike Sigel, MZ

  • Lucy flüstert Waldgeist Waldemar ein Geheimnis ins Ohr.

Burglengenfeld. Leise flüstert Lucy dem schlafenden Waldgeist Waldemar ein Geheimnis ins spitze Riesen-Holzohr. Mächtig und dennoch friedlich liegt er auf dem bemoosten Waldboden. Sein Körper besteht aus mit Gras, Moos und ersten Frühlingsblühern bewachsener Erde. Braune, vertrocknete Blätter decken ihn zu. Sie haben ihn im Winter gewärmt. Auch der geschnitzte, ein wenig an eine Buddha-Statue erinnernde Kopf scheint mit dem Untergrund zu verschmelzen. Wenn man den Waldgeist so anschaut, möchte man sich am liebsten dazulegen, in die Frühlingssonne blinzeln und alle Viere gerade sein lassen. Die entgegenkommende Seniorengruppe würde das sicher eigenartig finden. Außerdem wollen die Kinder weiter. Waldemar ist das erste Kunstwerk, das dem Wanderer im „Kunstwaldgarten“ zwischen Burglengenfeld und Holzheim am Forst begegnet. Der Riese macht neugierig auf mehr.

Jeder macht sich seinen Reim

Das unauffällige Schild „Kunstwaldgarten“ ist leicht zu übersehen. Wie alles hier fügt es sich in die Natur ein. Knallige Hinweisschilder, ellenlange Beschreibungen der Objekte oder pädagogische Erklärungen sucht man in dem lichten Nadelwald, im Volksmund „Raffa“ genannt, vergeblich. Wie schön! So wird die Wanderung zu einem individuellen Naturerlebnis für Erwachsene und Kinder. Jeder kann sich seinen eigenen Reim auf alles machen und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Neben den „Kunstwald“-Lettern befindet sich der Parkplatz. Waldemars Schlafstätte liegt ein paar Meter geradeaus. Einfach dem schmalen Pfad hinter dem Schild (nicht dem breiten Fahrweg!) folgen. Nach ein paar Gehminuten auf dem flachen Waldweg kündigt eine Glasvitrine an: „Hier beginnt der Kunstwaldgarten.“ Ein Tor aus gebogenen Eichen- und Kiefernstämmen bildet die Tür hinein in den „Zauberwald“.

Um es vorwegzunehmen: Spätestens ab dann werden Eltern von ihren Kindern nur noch „Schau mal, schau mal …“ zu hören bekommen! Alle paar Meter trifft der Wanderer (oder doch besser Ausstellungsbesucher?) auf Skulpturen vorwiegend aus Holz, Metall und Steinen. Die Objekte können angefasst, teilweise auch erklettert werden. Winzige Metallschildchen an den angrenzenden Bäumen verraten Titel und Künstler. Fast alle der knapp zwanzig Werke stammen aus dem Jahr 2003. Damals gründeten der Objektkünstler Florian Zeitler, der Bildhauer Stefan Preisl sowie der gelernte Zimmerer und selbsternannte „Zeug“-Macher Andreas Hoffmann-Kuhnt die Künstlergruppe „Dünger“. Die drei haben fast alles hier konzipiert und aufgebaut.

Im September 2003 wurde der Kunstwaldgarten eröffnet. Er gilt als Geheimtipp. Der Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ erhält im „Raffa“ eine ganz neue Bedeutung: Der Wald, die natürlichen Gegebenheiten und die Jahreszeiten sind unverzichtbarer Teil des Gesamtprojektes.

Solche Überlegungen sind den Kindern egal. Lucy versteckt sich hinter einem Pfahlgesicht der Installation „Monokultur“. Die Achtjährige nennt die Gesichter „Zwergenstadt“, obwohl sie auf großen Eichenstämmen angebracht sind.

Die nächste Überraschung: Ein umgeknickter Baum bildet ein natürliches Tor, an dem ein grün-weißes Noteingang-Schild hängt. Die Erwachsenen wären daran vorbeigelaufen, David (10) und Lucy dagegen übertreffen sich schier im „Kunstwerke entdecken“. Der Titel des nächsten – eine strahlenförmige Skulptur aus Stein, Stahl und Holz – ist nicht zu erraten. Krone, Sonnenstrahlen, Stachelschwein oder Igel sind jedenfalls falsch. „Virus“ hat Florian Zeitler sein Werk genannt. Es folgt „… dann leben sie noch heute“, ein stilisierter Dinosaurier aus Metall. David testet die Schärfe der spitzen Zähne. So geht es immer weiter: „Menschenbaum“, „Element“, „Blitzlicht“, „Baumteppich“, „Die zweite Hand“ oder „Ein Bildstock lehnt am Baum“… -– jedes Objekt weckt auf seine Weise die Gefühle des Betrachters.

Eine Brotzeit am Jägerhäusl

Etwa in der Mitte des Weges befindet sich das alte, aber schmucke „Jägerhäusl“. Vor Jahrzehnten hat hier wirklich der Revierjäger gewohnt. Auf der kleinen Lichtung davor stehen Bänke. Zeit für eine kleine Brotzeit. David und Lucy bleiben nicht lange auf dem bemoosten Felsen mit der Jägerhaus-Aufschrift sitzen. Die Türchen der „Baumtruhe“ müssen schließlich unbedingt geöffnet werden – der Inhalt soll der Spannung halber an dieser Stelle geheim bleiben. An einem Stamm erinnert ein uraltes Bild an die Heilige Rita. Wie zufällig lehnt am Zaun vor dem Jägerhaus der Querschnitt einer Specht-Nisthöhle. Fast kitschig, aber wahr: An diesem sonnigen Tag klopft tatsächlich ein kleiner Specht an die Kiefer nebenan.

Nach dem Jägerhaus geht es dem roten Pfeil folgend nach links weiter, vorbei an einer überdimensionalen Holz-Hollywood-Schaukel, bis man an der nächsten Kreuzung (roter Pfeil!) wieder nach links abbiegt. Schulkinder haben am Wegesrand Steine und Granittafeln bunt bemalt. Unmittelbar nach dem Objekt „Blitzlicht“ hält man sich wieder links. Neben einem großen Ameisenhaufen sind noch drei imposante Kunstwerke. David gefällt der „Baumteppich“ aus Stahlblech besonders gut.

Unvermittelt kommen wir wieder bei Waldemar vorbei. Was, der Weg ist schon zu Ende? Weil es so viel zu entdecken gibt, ist die Zeit wie im Flug vergangen. Auch die gehfaulsten Kinder werden im Kunstwaldgarten nicht nörgeln, garantiert!

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