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Interview

„Zu viel Aufwand für ein Zufallsopfer“

Der bekannte deutsche Profiler Axel Petermann hat mit MZ-Autorin Isolde Stöcker-Gietl den mysteriösen Fall Baumer analysiert.

Axel Petermann: Mordermittler, Profiler, Buchautor
Axel Petermann: Mordermittler, Profiler, Buchautor

Regensburg.Maria Baumer war 16 Monate verschwunden. Drei weiter Oberpfälzerinnen werden vermisst, in allen Fällen wird von einem Tötungsdelikt ausgegangen. Warum lassen Täter Opfer verschwinden?

Das Verschwindenlassen bedeutet für den Täter den Transport des Opfers, also Zeitaufwand, Risiko, Planung, Vorbereitung. Ein Täter, der keine Beziehung zum Opfer hatte, muss keinen so großen Aufwand betreiben, er muss sich keine Legenden für das Verschwinden überlegen. Er muss nicht erklären, warum die Person nicht mehr da ist und warum sie alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, um ein neues Leben zu beginnen. Ein Täter, der das Opfer nicht kannte, versteckt es vielleicht unter Zweigen im Wald oder wirft es in einen Fluss. Serientäter, die ihr Opfer an einer bestimmten Stelle ablegen, um es immer wieder aufzusuchen, sind äußerst selten. Ganz allgemein lässt sich deshalb sagen: Je aufwändiger ein Täter plant, das Opfer unauffindbar zu machen, desto häufiger kann man eine gewisse Nähe zum Opfer erkennen.

Je aufwändiger ein Täter plant, das Opfer unauffindbar zu machen, desto häufiger kann man eine gewisse Nähe zum Opfer erkennen.

Axel Petermann

Warum wird ein Verschwinden inszeniert?

Bei einer Beziehungstat ist es für den Täter insbesondere dann von Vorteil, wenn das Opfer zurückgezogen lebte. Er hat Zeit und Ruhe zum Handeln. Anders ist es bei einem aktiven Umfeld, wenn es Familie gibt und Freunde. Die Vermisstenanzeige wird dann meist schnell erstattet, es findet eine intensive Suche statt. Das erzeugt Druck beim Täter. Denn sein Verhalten wird beobachtet. Ich habe Fälle erlebt, in denen Täter sich selbst intensiv an der Suche beteiligt haben, aber eben dafür sorgten, dass an ganz bestimmten Punkten nicht nachgeschaut wurde. Häufig auch, dass es keine Vermisstenanzeige geben sollte, da dann die Täter ihre Hoheit über die Suche nach dem Opfer verlieren, da die Polizei den Gang der Ermittlungen bestimmt und nach dem Opfer recherchiert.

Todesursache, Todeszeitpunkt sowie der Tatort sind im Fall Maria Baumer ungeklärt. Lässt sich unter so schwierigen Voraussetzungen eine Tat aufklären?

Wenn die Todesursache fehlt, dann ist das immer schwierig für die Ermittler. Man muss sehr genau hineingehen in den Alltag des Opfers und des vermeintlichen Täters. Gab es Streit in der Beziehung? Stand eine Trennung bevor oder war diese bereits ausgesprochen? Es wird mit Hypothesen gearbeitet, man versucht sich dem zu nähern, was zum Tod des Opfers führte. Es wird nach einem möglichen Motiv gesucht. Nachdem im Fall Maria Baumer der Verlobte als Tatverdächtiger gilt, könnte man dessen Medizinstudium, das wohl – wie es heißt – nicht so intensiv betrieben worden sein soll, wie es von der jungen Frau möglicherweise gefordert wurde, als ein mögliches Motiv sehen. Es kann einen Streit gegeben haben und dann gab es eine Reaktion, ohne dass vielleicht die Tötung gewollt wurde. Das wäre ein mögliches Szenario. Ein natürlicher Tod der Frau erscheint mir jedenfalls unwahrscheinlich, denn warum wurde dann keine Hilfe geholt, sondern die Leiche in einen Wald gebracht, vergraben und mit Löschkalk bestreut?

Ist das ohne Todesursache aufklärbar?

Eine intensive Spurensuche ist in solchen Fällen besonders wichtig. Mögliche Tatorte, wie die Wohnung oder das Auto, müssen untersucht werden. Gibt es Blutspuren, lassen die sich mit einer möglichen Tötungshandlung in Verbindung bringen? Im Fall Maria Baumer bedeutet das für die Ermittler auch herauszufinden, wo das Löschkalk-Gemisch gekauft wurde und in welchen Mengen. Und natürlich ist die Frage interessant, wer überhaupt weiß, welche Wirkung man mit so einem Gemisch erzielen kann. Andererseits: Jeder der schon einmal mit Kalk zum Beispiel auf dem Bau gearbeitet hat weiß, dass Kalk die Haut zerfrisst. Da sich die Ermittlungen gegen den Verlobten richten, muss man schauen, ob man ihn mit dem Löschkalk in Verbindung bringen kann. Für die Ermittler ist diese Arbeit jedenfalls sehr, sehr mühsam.

„Dass ein Täter eine Örtlichkeit wählt, die ihm fremd ist, das ist ungewöhnlich.“

Axel Petermann

Der Leichnam von Maria Baumer wurde in einem Waldstück gefunden, das nur zehn Kilometer von ihrem letzten Aufenthaltsort entfernt lag. Was sagt das über den Täter aus?

Ein Täter agiert in der Regel dort, wo er sich einigermaßen gut auskennt. Der Ablageort des Opfers liegt meist in einem bestimmten Radius um den Wohn- oder Arbeitsbereich. Vielleicht ist es auch ein Ort, den der Täter aus Kindertagen kennt. Er muss die möglichen Störungen, die bei der Ablage des Opfers stattfinden könnten, gut einschätzen können. Dass ein Täter eine Örtlichkeit wählt, die ihm fremd ist, das ist ungewöhnlich.

Persönliche Gegenstände sowie die Bekleidung von Maria Baumer fehlten.

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich ein Täter entschließt, die Kleidung verschwinden zu lassen, sofern das Opfer zum Todeszeitpunkt nicht schon nackt war. Kleidung nehmen Täter zum Beispiel mit, wenn sie ein Motiv – etwa ein Sexualdelikt – vortäuschen wollen. Da in diesem Fall der Täter möglicherweise wollte, dass der Körper des Opfers verschwindet, könnte die Leiche entkleidet worden sein, um eine bessere Wirkung des Löschkalk-Gemischs zu erzielen. Möglich ist natürlich auch, dass die Kleidung Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt der Frau ermöglichen würde.

Gibt es das perfekte Verbrechen?

Von einem perfekten Verbrechen würde ich nur dann sprechen, wenn ein Mensch getötet wurde ohne dass dies bekannt wird. In allen anderen Fällen haben die Täter Fehler gemacht. Im Fall Baumer hat ein Täter Vieles getan, um eine Aufklärung zu verhindern. Ob es ihm gelungen ist, wissen wir noch nicht.

Alles zum Fall Maria Baumer lesen Sie in unserem MZ-Spezial.

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