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Landtagswahl

Zwei Robin Hoods für Bayern

Das Linken-Duo Eva Bulling-Schröter und Ates Gürpinar will im Landtag die CSU aufmischen. Es bleibt eine Hürde.
Von Christine Schröpf

Die Linken-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl: Eva Bulling-Schröter und Ates Gürpinar Foto: Constanze Fruth
Die Linken-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl: Eva Bulling-Schröter und Ates Gürpinar Foto: Constanze Fruth

München.Für ihr Wahlkampffoto rückten Eva Bulling-Schröter und Ates Gürpinar ihrem Ziel ziemlich nah. Die Spitzenkandidaten der Linken für die Landtagswahl nahmen auf einem Mäuerchen an der Auffahrt zum Maximilianeum Platz und ließen die Füße baumeln. Noch nie zuvor sei der Einzug in das Parlament wahrscheinlicher gewesen als 2018, betonen beide. Gürpinar verweist auf die Bundestagswahl im vergangenen Jahr, bei der seine Partei in Bayern rund 450 000 Zweitstimmen und damit ein Ergebnis von 6,1 Prozent geholt hatte. Dieses Mal würden nach seinen Berechnungen 350 000 Wähler genügen, sofern sie der Linken sowohl Erst- als auch Zweitstimme geben – nach den Besonderheiten des Landtagswahlrechts wird nämlich beides zusammengezählt, auch die Stimmen unterlegener Direktkandidaten gehen damit nicht verloren.

Klappt das Projekt 2018, versprechen Bulling-Schröter und Gürpinar eine Oppositionspolitik, die den Landtag im Zusammenspiel mit außerparlamentarischen Kräften kräftig aufmischt. „Es muss viel passieren. Das hat auch die Ausgehetzt-Demo in München gezeigt“, sagt Bulling-Schröter. Menschen auszugrenzen, sei wieder salonfähig geworden. „Gefördert auch durch die CSU“, sagt sie mit Blick auf verbale Entgleisungen in der Flüchtlingsdebatte. Im reichen Bayern gebe es zudem viel Kinderarmut. „In München liegt sie bei zehn Prozent.“ Es fehle in vielen Orten an bezahlbaren Wohnungen. Gürpinar wünscht sich eine Strukturpolitik, die Druck von den Großstädten nimmt und das Leben im ganzen Land gleichermaßen attraktiv macht. Bisher seien die Chancen unterschiedlich verteilt. Als Beleg sieht er auch die auseinanderklaffende Sterblichkeitsrate. Im reichen Starnberg würden Männer im Schnitt acht Jahre älter als in der fränkischen Stadt Hof.

Zwei Generationen, eine Mission

Das Linken-Spitzenduo verkörpert zwei Generationen der Partei: Bulling-Schröter ist 62 Jahre alt und eine linke Vorkämpferin. Anfangs, in den 1970er Jahren, war das in Bayern schwer. Das politische Spektrum links von der SPD galt als verpönt, erzählt sie in ihrem Lieblingscafé, daheim in Ingolstadt. Bei öffentlichen Veranstaltungen blieb der Platz neben ihr öfters leer. Mit den Jahren hätten sich die Berührungsängste verflüchtigt. „Eva, wie geht‘s“, höre sie jetzt auch von Politikern der CSU.

Das liegt auch daran, dass Bulling-Schröter insgesamt 20 Jahre lang Bayern im Bundestag vertreten hat – erst für die PDS, dann für die Linken. Sie machte sich als erste Linken-Vorsitzende im Umweltausschuss einen Namen. Sie profitierte dabei davon, dass sie in ihrer Jugend bei Audi in Ingolstadt eine Ausbildung als Betriebsschlosserin absolvierte hatte – übrigens als damals erste Frau. Fachkundig spricht sie über die Recycling-Quote in der Automobilindustrie und andere Themen der Branche. „Ich habe ja selbst am Fließband Autos gebaut.“ Bulling-Schröter fiel auch als Kämpferin für Tierrechte auf. Gescheitert ist sie mit dem Vorstoß, Hunden offiziell Zutritt zu den Bundestagsgebäuden zu verschaffen. Ihr Hund „Chico“, ein wilder Mix mit spanischen Wurzeln, sonst ihr ständiger Begleiter, blieb dort verboten, was bei ihr bis heute Kopfschütteln auslöst. Selbst in den USA sei man fortschrittlicher.

Ates Gürpinar ist mit seinen 33 Jahren ein Vertreter der jungen Linken. 2016 wurde er zum bayerischen Landessprecher gewählt. In München ist er Kreissprecher. An sein linkes Handgelenk hat er zwei Stoffbänder geknotet: Eines wirbt für die „Linke“, das andere erinnert an 200 Jahre Karl Marx. Linke Politik zu verkörpern gelte in vielen Gesellschaftskreisen längst als cool, erzählt Ates Gürpinar im Münchner Linken-Bürgerbüro, das in einem einst reinen Arbeiterviertel liegt.

„Wir sind wie Robin Hood. Wir nehmen den Reichen und geben den Armen.“

Ates Gürpinar, Linken-Landessprecher

Politisch sozialisiert wurde Ates Gürpinar in seinem Elternhaus, in dem es viel Sympathie für SPD und Grüne gab. Der Vater mit Wurzeln in der Türkei war zum Studieren nach Deutschland gekommen, hatte sich hier verliebt und war geblieben. Ates Gürpinar hat wegen dieses Hintergrunds auch eine Sensibilität für Ausgrenzung. In Erinnerung ist ihm eine WG-Absage knapp vor dem Einzug, nachdem er kurz davor in der Selbstauskunft seinen Namen angegeben hatte. Das bescherte ihm einen kalten Winter in einem provisorischen Ersatzquartier.

Sein aktives politisches Engagement bei den Linken begann mit dem Kampf gegen Studiengebühren, die in Bayern 2007 eingeführt und 2013 nach einem Volksbegehren wieder abgeschafft worden waren. Gürpinar hatte in Erlangen Theaterwissenschaften studiert. Er wirkte an kleinen, freien Produktionen mit. Am meisten interessierten ihn schon da Projekte mit politischer Note – wie dieses eine, bei dem Schauspieler unterschiedlichster Herkunft zusammenarbeiteten: eine Vollwaisin, eine Tochter aus bürgerlichem Haus, ein Junge mit spastischer Lähmung. Dabei sei wie von selbst etwas gutes Gemeinsames entstanden.

Politik - auch im Wohnzimmer

Es ist ein Miteinander, dass das Linken-Duo im Bayern des Jahres 2018 sehr oft vermisst. „Obwohl es viel zu reden gibt“, sagt Gürpinar, „gerade auch über Politik“. In Mietshäusern kenne oft Keiner den Anderen und wisse nicht, hinter welcher Tür das Geld zum Leben fehlt. Das Zerfallen der Gesellschaft ist für die Linken einer der Gründe für das Erstarken der AfD. „Es gibt eine Reihe von Menschen, die fühlen sich benachteiligt - und sie sind es auch“, sagt Bulling-Schröter. Ein Kreuz für die AfD am Wahltag sei aber ein fataler Irrtum. „Sie meinen, damit Opposition zu wählen, aber sie haben nie das Parteiprogramm gelesen.“ Die AfD mache sich nicht für die Benachteiligten in der Gesellschaft stark. Die Strategie sei vielmehr, „die Armen gegen die Ärmsten auszuspielen“. Die Linken-Wähler in Bayern hätten sich gegen diese Taktik allerdings als vergleichsweise immun erwiesen.

Tanzdemos bereitet Eva Bulling-Schröter selbst Vergnügen. Foto: Linke/Bulling-Schröter
Tanzdemos bereitet Eva Bulling-Schröter selbst Vergnügen. Foto: Linke/Bulling-Schröter

Gürpinar versucht, potenzielle Wähler in diesen Wochen auf unüblichen Wegen zu erreichen. Beim Format „Wohnzimmergespräch“ laden Freunde aus dem linken Spektrum Interessierte zu sich nach Hause ein. Gürpinar kommt dazu und diskutiert mit. Bulling-Schröter setzt auf politisches Speed-Dating und auf fröhliche Tanz-Demos, die ihr auch selbst gute Laune machen. Wenn die 62-Jährige davon erzählt, swingt sie selbst ein wenig mit. Die Lust auf ein neues politisches Kapitel im Landtag ist dabei zu spüren. „Mir würde es sehr viel Spaß machen, die CSU im Landtag zu ärgern“, sagt sie.

Zum CSU-Spitzenpersonal hat Bulling-Schröter eine harsche Meinung: Ministerpräsident und Spitzenkandidat Markus Söder ist für sie ein „gnadenloser Populist“. Bundesinnenminister und CSU-Chef Horst Seehofer ist nach ihrer Einschätzung, und das sei noch freundlich formuliert, ein „alter verzweifelter Mann“, der für den Wahlerfolg in Kauf nehme, dass die Gesellschaft nach rechts drifte. Gürpinar sieht das ähnlich. Seehofer, der früher im Vergleich zu Söder immerhin ein soziales Gespür gezeigt habe, hat seinen Bonus mit strikter Flüchtlingspolitik inzwischen komplett aufgebraucht.

Wahlkampfziele

  • Wohnungsbau:

    Die Linken fordern, dass in Bayern jährlich 40 000 Sozialwohnungen gebaut werden. Die Politik soll auch die nötigen Instrumentarien schaffen, damit Eigentümer ihre Immobilien nicht aus Spekulationsgründen leer stehen lassen können.

  • Pflegenotstand:

    In Bayern sollen 15 000 zusätzliche Pflegekräfte eingestellt werden – und zwar zu einem Pflegemindestlohn von 14,50 Euro. Die Linke unterstützt das Pflegevolksbegehren gegen den Personalmangel an bayerischen Krankenhäusern.

  • Flughafenausbau:

    Die Linken lehnen die geplante und hoch umstrittene dritte Startbahn am München Flughafen kategorisch ab – und das nicht nur aus ökologischen Gründen. Neue Jobs entstünden dort vor allem im Niedriglohnsektor. Das sei nicht sozial.

Bis zur Landtagswahl bleiben neun Wochen. Was Bulling-Schröter bei einem Erfolg als Erstes durchsetzen würde? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, sagt sie ohne eine Sekunde zu zögern. Das Gefälle zwischen Männern und Frauen müsse endlich beseitigt werden. Gürpinar würde zum Start eine eine Wettschuld einlösen. Für die erste Plenarsitzung will er in eine bayerische Lederhose schlüpfen – ein Kleidungsstück, in dem er sonst nicht zu sehen ist. „Oder gibt‘s da Kleidervorschriften?“, fragt er.

Daran wird es nicht scheitern. Im bayerischen Landtag gibt es kein Lederhosen-Verbot. Nur die Fünf-Prozent-Hürde bei der Landtagswahl bleibt von den Linken damit zu nehmen. Es bleibt noch Arbeit. Aktuell liegt die Partei in Umfragen bei drei bis vier Prozent.

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