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Web 2.0

Follow me: Politiker im Web 2.0

Immer mehr Politiker aus Ostbayern wagen sich ins Social Web. Die MZ nimmt in einer interaktiven Grafik die Präsenzen der Politiker unter die Lupe.
Von Bettina Mehltretter, MZ

Ob Social-Media-affin oder nicht: Kaum ein Politiker aus der Region kommt mittlerweile ohne Facebook & Co. aus. Foto: dpa

Regensburg.Der Hamburger Politikblogger Martin Fuchs hat nachgerechnet: Ginge es nur um die Präsenz der deutschen Politiker in Sozialen Netzwerken, hätte das rot-grüne Lager die Bundestagswahl schon gewonnen. Auch in Bayern kommen viele Landräte und Abgeordnete aus Landtag, Bundestag und Europaparlament nicht mehr ohne das Social Web aus. Die MZ hat unter die Lupe genommen, wie aktiv ostbayerische Politiker in den sozialen Netzwerken sind und dies in einer interaktiven Grafik aufgeschlüsselt.

Michael Adam (SPD), der „gläserne Landrat“

Deutschlands jüngster Landrat, Michael Adam (SPD), hat auf Facebook mehr als dreimal so viele Fans wie Bayerns Finanzminister Markus Söder (CDU). Mehr als 8000 Menschen (Stand 03.04.2013, 13 Uhr) lesen mit, wenn er von einer Tagung der Regener Kreisräte erzählt oder über Drohbriefe an einen Homosexuellen schimpft. „Mit einem Post erreiche ich oft mehr Leute als mit einer Pressemitteilung“, sagt er. So vergeht kein Tag, an dem Adam keine Anfrage via Web 2.0 erhält. Er ist Teil der Generation Facebook – und einer, der gar nicht mehr sagen kann, ob sein Leben ohne Facebook nicht weniger stressig wäre.

Fast alles, was auf seinen Facebook-Seiten erscheint, schreibt der 28-Jährige selbst. So auch passiert, als er im öffentlich sichtbaren Bereich über die Altvorderen der SPD lästerte: Wütend schrieb er von „Ja-Sagern und Speichelleckern“. Adam stört es nicht, ehrlich zu sein. Auf seiner Homepage www.glaeserner-landrat.de legt er seine Einkünfte offen (7,943,63 Euro Besoldung pro Monat plus Dienstaufwandsentschädigung). „Ich werde von den Bürgern bezahlt“, betont er. „Die sollten auch sagen können, ob meine Arbeit das wert ist.“ Nachahmer in Sachen Ehrlichkeit im Netz hat Adam unter seinen Parteikollegen jedoch noch nicht ausgemacht.

Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der Fettnäpfchen-Treter im Web

Im Internet bleibt nichts lange geheim. Schon gar nicht, wenn einer wie Hubert Aiwanger (42) Blondinenwitze twittert. Zunächst fragte noch jemand verwundert, „Der @AiwangerHubert mit seinen Blondinenwitzen ist ein Fake-Account, oder?“. Aber bald war klar: Der Account gehört tatsächlich dem Landeschef der Freien Wähler. Aiwanger ließ die Scherze löschen und sprach von technischen Fehlern. „Wenn das so weitergeht, schalte ich den Mist ab“, sagte der Landwirt. Ein gefundenes Fressen für die CSU (@CSU_net): „Der @AiwangerHubert ist mit Twitter überfordert. Damit er’s noch lernt, brauchen wir Breitband bis auf den letzten Hof in Bayern.“

Drei Wochen später war @AiwangerHubert gelöscht. Seine Follower hatten ein Bildchen („Saufen ersetzt Yoga“) zu sehen bekommen. Zurzeit postet Aiwanger nur auf Facebook.

Annette Karl (SPD), die, die lieber auf Nummer sicher geht

Die Politikerinnen stehen den Männern in den Parlamenten in der Nutzung von Social Media in nichts nach: „Ich bin kein privater Mensch“, sagt Annette Karl (53), SPD-Landtagsabgeordnete aus Neustadt a. d. Waldnaab. Auf Facebook und Twitter hat sie knapp 2500 Freunde, Fans und Follower (ihre vier Kinder sind nicht dabei), an die sie ausschließlich politische Botschaften versendet. Nur einmal, als sie krank im Bett lag und eigentlich Tschechiens Premier Petr Necas im Landtag sprechen hören wollte, postete sie das auf Facebook. Einen Fehltritt, wie ihn sich Michael Adam dort leistete, glaubt Karl verhindern zu können: „Alles, was da steht, müsste ich auch plakatieren können“, erklärt sie. Alles andere klärt sie im persönlichen Gespräch oder schickt eine SMS.

Franz Schindler (SPD), der Facebook-Fast-Verweigerer

Weniger Social-Media-affin ist Franz Schindler. „Facebook ist doch albern“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete aus Schwandorf. „Ich bin da nur aus Gruppenzwang.“ 90 Prozent der Botschaften dort seien „Informationsmüll und Oberflächlichkeiten“. Schindler kennt alle seiner 95 Freunde persönlich, mit denen er sich mit seinem Profil vernetzt hat; und um die 125 Fans seiner „offiziellen“ Fanseite kümmern sich seine Schwandorfer Mitarbeiter. Übermäßig intensivieren will der 57-Jährige seine Social-Media-Aktivitäten nicht. Deshalb kommt so bald kein Twitter-Account @SchindlerFranz, obwohl das die Landtags-SPD vermutlich gerne so hätte. An deren Schulungen nimmt Schindler nicht teil – „dafür ist mir die Zeit zu schade“. Er macht lieber Straßenwahlkampf.

Horst Meierhofer (FDP), der, der sogar eine Parodie-Fanseite hat

Der Regensburger Horst Meierhofer, Vorsitzender der bayerischen FDP-Landesgruppe im Bundestag, nutzt Facebook mehrmals täglich. Knapp 2700 Freunde hat der 40-Jährige, Dreiviertel davon kennt er persönlich. Darunter sind auch solche, die zu keinem politischen Frühschoppen kommen würden. Wer allerdings nur stört, dem kündigt Meierhofer die Facebook-Freundschaft.

Freunde sind auf Facebook das eine, Fans das andere. 198 davon versammeln sich mittlerweile auf Meierhofers höchstpersönlicher Parodie-Fanseite „Horst Meierhofer Facts“. Wer dort Fan ist, weiß inzwischen, dass Papst Benedikt XVI. nicht zurückgetreten ist, sondern nur Platz für Horst Meierhofer gemacht hat. Und auch sonst bekommen Fans allerhand übermenschliche Fähigkeiten Meierhofers präsentiert.

Erstellt hat die Fanseite Florian Zeiml, Bezirksvorsitzender der Jungen Liberalen, nachdem er einen Fauxpas in der Mittelbayerischen Zeitung entdeckt hatte. Die schrieb einmal: „Meierhofer sitzt für die Liberalen seit 1975 in Berlin.“ Zeiml amüsierte sich prächtig: „Da Horst zu dieser Zeit noch a bisserl jung war – genaugenommen drei Jahre – haben wir Witze drüber gemacht, was er noch erreicht hat: zum Beispiel, dass sein erster Kongress der Wiener Kongress war.“ Oder, dass „er machen kann, dass Schalke Meister wird...“ Auch das hat Zeiml gepostet, und rasch ergänzt: „Nee, Spaß! Sooo mächtig ist selbst der Horst nicht!“

Philipp Graf von und zu Lerchenfeld (CSU), der Bastler

Philipp Graf von und zu Lerchenfeld (CSU) postet oft mehrmals am Tag auf Facebook. „Mit EDV bin ich ja nicht ganz unbedarft“, sagt der 60-Jährige. Eine spezielle „Bedienerschulung“ für Facebook & Co. gab es bislang aber nicht für ihn und den Rest der CSU-Fraktion. Das braucht’s auch nicht, erklärt deren Sprecher Franz Stangl. Viele der Abgeordneten hätten sich selbst mit den Sozialen Netzwerken befasst. „Wir von der CSU wurschteln ja nicht – wir regieren.“ Inzwischen wüssten die Abgeordneten, dass im Web 2.0 die Uhren schneller ticken. Lerchenfelds 567 Facebook-Freunde kommentieren in rasender Geschwindigkeit die Neuigkeiten aus der CSU-Deligiertenversammlung genauso wie Lerchenfelds Lobeshymnen auf den FC Bayern. Noch schnellere Netzwerke wie Twitter nutzt Graf Lerchenfeld jedoch nicht. In Köfering im Landkreis Regensburg zwitschere eh kaum einer.

Eberhard Sinner (CSU), der Visionär und „@bavarianrebel“

Im Landkreis Main-Spessart wohnt das Musterbeispiel der CSU in Sachen Web 2.0: Eberhard Sinner (68) ist medienpolitischer Sprecher der CSU im Landtag und weiß deshalb: „Facebook ist wie ein Stammtisch, Twitter ist ernsthafter.“ Seine Fraktion habe auf Facebook sogar eine eigene Diskussionsgruppe gegründet. Doch für viele CSUler bleibe Facebook ein rotes Tuch, klagt Sinner. Für ihn ist klar, wo der Weg hingeht: Ein Politiker aus seinem Landkreis habe in einer Facebook-Gruppe bereits quasi eine ständige Bürgerversammlung einberufen.

Sinner selbst twittert @bavarianrebel und postet, als hätte er nie etwas anderes getan. Manchmal lädt er einen selbst gedrehten Videoclip hoch. Da stört es ihn riesig, dass ihm Franz Maget, der Vizepräsident des Präsidiums, verboten hat, mit seinem iPad in der Hand im Maximilianeum zu sprechen, zum Beispiel, um einen Tweet zu zitieren. Doch die Zeiten werden sich ändern. Da ist sich Sinner sicher.

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