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Bärenstark und sehr feinfühlig

Der rechte Bizeps von Sergey Kuzmentsov ist dick wie ein Schenkel. Beruflich setzt er seine Kraft sensibel ein: als Chirurg.
Von Marianne Sperb

Arzt und Armringer: Sergey Kuzmentsov aus Kelheim. Sein rechter Bizeps hat 45 Zentimeter Umfang, der Unterarm 43 Zentimeter. Foto: Sperb
Arzt und Armringer: Sergey Kuzmentsov aus Kelheim. Sein rechter Bizeps hat 45 Zentimeter Umfang, der Unterarm 43 Zentimeter. Foto: Sperb

Kelheim.Sergey Kuzmentsov schaut aus den ersten Blick auf wie ein Bodybuilder: 1,90 Meter groß, rund 100 Kilo schwer und ein Modellathlet von Kopf bis Fuß. Der 35-Jährige rangiert unter den besten Armdrückern im Land. Beruflich setzt er seine Kraft sehr behutsam ein: Als Assistenzarzt für Viszeralchirurgie hat er es mit feinstes Blut- und Nervengefäßen im Bauchraum zu tun. Der Chirurg an der Goldberg-Klinik erzählt im Foyer der Goldberg-Klinik vom Adrenalin am OP-Tisch und beim Armwrestling. Seine Hände sind weich und gepflegt, sein Bizeps imposant. Er spricht mit dunkler, rauchiger Stimme und überlegt lange.

Dr. Kuzmentsov, ihr Händedruck eben hat sich zart angefühlt. Dabei könnten Sie mir ganz leicht die Knochen brechen, oder?

Ich habe darauf geachtet, nur leichten Druck auszuüben. Das mache ich automatisch so. Ich möchte ja niemandem wehtun.

Sie waren Anfang 2018 Dritter bei der Deutschen Meisterschaft im Armdrücken. Was macht Sie so erfolgreich?

Ich habe eine spezielle Technik, die Top-Roll, das heißt: Ich versuche, die Hand weit nach oben zu bringen und die Hand des Gegners nach unten zu drücken. Mein Unterarm ist überdurchschnittlich lang, deshalb liegt mir diese Technik. Beim Armwrestling kommt es außerdem nicht nur auf Kraft an, sondern auch auf Schnelligkeit und auf Dynamik.

Wie stark könnten Sie drücken?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt Maschinen, die den seitlichen Druck messen, aber sie sind relativ kostspielig. In meinem Fitnessstudio würde man das Gerät bestellen – aber ich wäre dann der Einzige, der es nutzt. Um eine Vorstellung zu geben von der Kraft, die beim Handdruck möglich ist: Bei Armwrestling-Weltmeisterschaften bringen die beiden besten Teilnehmer mehr als 500 Kilo Druck zustande. Das ist Wahnsinn!

Müssen Sie viel trainieren?

Falls es sich mit meinem Dienst vereinbaren lässt, bin ich drei Mal die Woche rund 90 Minuten im Fitnessstudio. Ich mache Ganzkörpertraining, das ist sehr wichtig, und spezielle Übungen für Finger, Hand und Unterarm. Es gibt ein Gerät, das ich mir bestellt habe, es ist oval, liegt in der Hand und man drückt es mit den Fingerspitzen. Der Bizeps ist übrigens gar nicht so wichtig bei meiner Technik.

Trotzdem: Ihre Oberarme sehen beeindruckend aus. Welchen Umfang hat der rechte?

45 Zentimeter Durchmesser. Nach dem Training. Der Unterarm 43 Zentimeter. Auch nach dem Training. Mit aufgelegtem Unterarm schaffe ich eine Hantel von 60 Kilo, also: mit der Kraft aus der Hand. Früher waren es 85 Kilo.

Sie haben 2017 pausiert und sich auf den Beruf konzentriert.

Ja, genau. Ich kam 2016 an die Klinik, bin seit Februar 2017 in Festanstellung.

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Sie beenden gerade Ihren Dienst in der Klinik. Was war heute Ihr Programm?

Der Tage war vielseitig, wie meistens. Unter anderem habe ich Patienten behandelt. Und operiert. Fisteln am Steißbein mussten entfernt werden. Dazu braucht man Konzentration, Geduld und eine ruhige Hand. Man operiert in der Nähe des Anus, dort verlaufen sehr viele Nerven.

Warum Medizin?

Teilweise ging ich schon bei meiner Erstausbildung in diese Richtung. Ich war in der Ukraine im Rettungswesen und in der Erstbehandlung von Patienten tätig. Bei einem Praktikum erlebte ich dann das erste Mal, was in einem Operationssaal abläuft. Ich hab’ eine Art inneres Zittern gespürt. Ich wusste sofort: Genau das möchte ich machen.

Warum in Deutschland?

Ich las zu Hause in der Ukraine einen Artikel über einen ukrainischen Facharzt in Deutschland. Das hat mich beeindruckt. Das war der Auslöser. In Deutschland hat man als Arzt einfach viele Möglichkeiten. Ich habe damals sofort einen Deutsch-Lehrer gesucht. Und jetzt bin ich hier.

Wie reagieren die Kollegen in der Klinik auf ihren Sport?

Einige haben sich nach der Deutschen Meisterschaft in Hessen im April lustig gemacht und gefrotzelt: Nur dritter Platz! Aber das geht in Ordnung.

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Armdrücken: War das schon immer eine Leidenschaft?

Ich war in der Schule nicht der Stärkste. Aber im Armdrücken schon. Bei den ersten Wettkämpfen während meines Studiums in Zaporozhje, das liegt ungefähr 150 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt, merkte ich, wie gut mir das gefällt, der Adrenalinschub, wenn ich an den Tisch gehe. Beim Wettbewerb steht man sich gegenüber, an einem Stehtisch. Dann kommt das Kommando „stop – ready – go!“. Das ist ein toller Moment, wenn das Signal ertönt: „Go!“

Was ist Ihr aktuelles Ziel?

Ich möchte im September in Wolfsburg beim Wettbewerb „Over the Top“ vorn dabei sein. Das ist eine sehr gut besetzte Veranstaltung. Es treten Spitzenathleten an, die besten Armwrestler aus der ehemaligen UdSSR sind vertreten. Das wird anspruchsvoll.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb hätte gern die Kraft von Dr. Kuzmentsov. Dann könnte sie den schweren Sonnenschirm neu platzieren und ihre wöchentlichen zwei Getränkekisten auf ein Mal ins Haus tragen.

Hat Ihnen Ihre Kraft schon einmal großen Nutzen erwiesen?

Vielleicht beim Reifenwechsel oder beim Anschieben eines Autos, meinen Sie? Ja, das eine oder andere Mal vielleicht. Aber ich bevorzuge es, meine Kraft nicht einzusetzen – außerhalb des Wettkampfs, versteht sich.

Sie gehen sehr konsequent Ihren Weg: Studium, Sprachunterricht, beruflicher Neustart in einem fremden Land. Was gibt Ihnen Kraft?

Es klingt vielleicht arrogant, aber: Wenn du etwas erreichen möchtest, musst du anfangen, es zu tun. Ich sage mir: Schau’ nicht zurück, schau’ nach vorn und mache es.

Hier geht es zum Bayern-Teil.

Lesen Sie alle Teile unserer Serie „Alles außer gewöhnlich“

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