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Menschen

Der Bestsellerautor fing als Putzmann an

Ein Satz hat das Leben des Münchners Tiki Küstenmacher verändert. Er spricht über Aufräumen, Glück und die Oberpfalz-Liebe.
Von Marion Koller

  • Den Zeichenstift trägt er stets bei sich: Werner Tiki Küstenmacher, Theologe, Bestsellerautor und Karikaturist aus Gröbenzell Foto: Koller
  • Seine Bücher signiert der Autor gerne, oft auch mit einer heiteren Karikatur. Foto: Koller

Regensburg.Für einen Vortrag ist Autor Werner Tiki Küstenmacher nach Regensburg gereist. Viele Menschen wollen seine Ratschläge für ein einfaches, zufriedenes Leben hören. Mit dem Buch „Simplify Your Life“ hat er 2001 ein Millionenpublikum erreicht. Der 65-Jährige nimmt sich Zeit für ein Mittagsinterview beim Italiener an der Kumpfmühler Brücke. Obwohl er häufig vor Publikum spricht, haftet ihm nichts von einem Selbstdarsteller an. Der Münchner erzählt heiter, flicht Anekdoten und das Weltgeschehen ein. Er wirkt zufrieden – nur nicht mit seinem Gewicht.

Herr Küstenmacher, der Satz „Simplify Your Life“ hat ihr Leben verändert.

Ja, ich habe ihn vor 20 Jahren in der New Yorker Buchhandlung Barnes & Noble gelesen. Er stammt von der Autorin Elaine St. James, die ich später in Santa Barbara/USA getroffen habe. Es steckt drin, dein Leben ist kompliziert, du kannst es vereinfachen.

War Ihr Leben schwierig?

Ja, ich war 44, wir hatten zwei Kinder. Meine Frau war schwanger und wollte Vollzeit als Verlagslektorin arbeiten. Ich wurde Hausmann. Das war wirklich kompliziert. Oje, jetzt musst du putzen und Kinder erziehen, dachte ich mir. Ich habe mir ein Buch übers Putzen gekauft, weil ich wissen wollte, wie die Profis saubermachen.

„Ich habe keine Forderungen ans Leben. Die Wünsche haben sich verlegt auf die Kinder, dass alles gut geht. Jetzt warte ich dringend auf Enkel.“

Tiki Küstenmacher, Ratgeber-Autor und Redner

Wie geht es denn?

Man muss oben anfangen und nach unten putzen, sonst bröselt alles runter. Ich habe mir einen Putzkorb gebaut und umgehängt, zum Beispiel mit gebrauchter Zahnbürste. Hinterm Wasserhahn kannst du nur damit putzen. Ein altes T-Shirt hatte ich auch dabei. Das ist toll zum Polieren. Das Putzen war die Keimzelle meines Buches.

Warum?

Es gibt so viele Dinge, die wir nicht lernen. Die kommen in der Schule nicht vor. Unsere Kinder etwa haben zu Hause das Aufräumen nicht gelernt, aber in ihren Wohngemeinschaften setzen sie das in die Tat um. Ich habe das sehr konsequent durchgezogen. Schriftstellerin Elaine hat mich beeindruckt. In ihrem Auto hatte sie nichts drin. Sie hatte keine Handtasche, nur Handy und Geldbeutel in der Jacke.

In Ihrem Bestseller „Simplify Your Life“ raten Sie, alles Überflüssige wegzuwerfen. Ist der Slogan nicht zu einfach?

Mich hat verblüfft, wie das reingehauen hat. 14 Tage nach 9/11 (Anschlag auf das World Trade Center) kam das Buch heraus. Ich glaube, das Erscheinungsdatum war ein Grund für den Erfolg, weil sich die Leute gefragt haben, mit was für einem Kleinkram sie ihr Leben verbringen und was wirklich zählt. Indem man seine Umgebung aufräumt, macht man auch etwas für sich selbst. Man erreicht Autonomie, ist wieder Chef der Sachen. Die „Für Sie“ riet zum Vereinfachen. Ikea gab einen Prospekt „Vereinfachen Sie Ihren Alltag“ heraus und der Tchiboversand bot Kisten und Regale an, in die man den Kleinkram sortieren kann.

Im Video stellt Tiki Küstenmacher seine Figur „Limbi“ vor.

Warum soll Sortieren wichtig sein?

Wenn man sortiert, spart man Lebenszeit. Küchen zum Beispiel sind immer so organisiert, dass jedes Ding einen Platz hat. Die Vereinfachung ist heute ein Trend. Wir müssen immer weniger besitzen, wir nutzen es nur. Meine drei Kinder haben alle kein Auto.

Wie hat der Bestseller Ihr Familienleben verändert?

Der große Erfolg hat uns anfangs belastet, weil man außengesteuert ist. Heute bin ich zufrieden. Wenn ich doppelt so viel verdienen würde wie jetzt, hätte ich auch doppelt so viel Stress.

Warum hat ihre Mutter Sie Tiki genannt?

Das verdanke ich dem Abenteurer Thor Heyerdahl. Sein Boot hieß Kon-Tiki. Meine Mutter fand ihn toll. Sie hat immer gesagt: Eigentlich heißt du Tiki. Ich habe Heyerdahl 2000 in München getroffen.

Als Redner führen sie kein einfaches Leben – oder?

Das ist eigentlich ein Traumleben. Ich variiere ein wenig, habe verschiedene Vorträge, muss sie aber im wesentlichen nicht neu erfinden. Ich bekomme viel zurück – Applaus, Aufmerksamkeit und ganz viel Bestätigung vom Publikum. Was mich vor allem fasziniert, ist, in andere Welten reinzukommen.

Kritisieren die Zuhörer nicht die doch simple Aufforderung „Vereinfachen Sie Ihr Leben“?

Ich habe erwartet, dass viele motzen, wenn ich so steile Thesen vertrete. Aber die sagen: Es geht mir genauso. Bis zu Leuten, die sagen, „Simplify hat mein Leben verändert“. Ich glaube nicht, weil das Buch so toll ist, sondern weil ich der Katalysator bin. Eine Frau sagte zu mir: „In Ihrem Buch werde ich gemocht.“ Es gibt ja so viele Redner, die sagen, das und das musst du schaffen. Ich bin ganz normal und habe auch Probleme, etwa mit der Zeiteinteilung.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marion Koller versucht schon lange, ihr Leben zu vereinfachen, es ist aber bisher nicht gelungen. Wie Tiki Küstenmacher kommt sie beim Putzen auf die besten Ideen, auch ohne Putzkorb und Zahnbürste.

Was macht Sie glücklich?

Ich glaube, ich habe von meiner Mutter ein Grundlevel des Glücklichseins geerbt. Sie hat gesagt, dass du auf der Welt bist, ist schon mal gut – nach zwei schweren Lungenentzündungen, und Penicillin war damals auch nicht selbstverständlich. Daher finde ich es grundsätzlich gut, dass ich da bin. Ich habe keine Forderungen ans Leben. Die Wünsche haben sich ganz schnell verlegt auf die Kinder, dass alles gut geht. Jetzt warte ich dringend auf Enkel. Mit dem ersten Enkel kommt ein anderes Lebensgefühl. Das ist etwas nur Biologisches in uns Menschen.

Sie pflegen ein besonderes Verhältnis zur Oberpfalz.

Mein Vater, ein Elektro-Ingenieur, fand nach dem Krieg Unterschlupf in Kötzting. Ein Kollege hatte sich dort mit einer Radiowerkstatt angesiedelt. In der Ortsmitte gab es ein Kaufhaus mit Rolltreppe. Das fand ich großartig. Der Kunstmaler Philipp Henneberger lebte in Kötzting. Mein Bruder riet seinem russischen Freund, dessen schöne Tochter zu heiraten. Das machte er.

Das weltweit einzigartige Schmetterlingsreliquiar aus dem 14. Jahrhundert wird im Regensburger Domschatzmuseum verwahrt. Es stammt aus Paris und war lange im Kopf einer Christusfigur in der Schottenkirche St. Jakob verborgen. Foto: Kunstsammlungen Bistum Regensburg
Das weltweit einzigartige Schmetterlingsreliquiar aus dem 14. Jahrhundert wird im Regensburger Domschatzmuseum verwahrt. Es stammt aus Paris und war lange im Kopf einer Christusfigur in der Schottenkirche St. Jakob verborgen. Foto: Kunstsammlungen Bistum Regensburg

Ihr Lieblingskleinod in Regensburg ist ein Emaille-Schmetterling.

Das Schmetterlingsreliquiar aus dem 14. Jahrhundert steckte bis 1991 in einem Christuskopf in der Schottenkirche St. Jakob. Es ist ein Auferstehungssymbol aus Paris. Heute zeigt ihn das Domschatzmuseum.

Die Welt ist viel besser, als wir denken: Davon ist Küstenmacher überzeugt. Hier zeigt er eine Statistik des Forschers Max Roser, die er mit einer typischen Küstenmacher-Figur illustriert hat. Foto: Koller
Die Welt ist viel besser, als wir denken: Davon ist Küstenmacher überzeugt. Hier zeigt er eine Statistik des Forschers Max Roser, die er mit einer typischen Küstenmacher-Figur illustriert hat. Foto: Koller

Sie halten die Welt für besser, als sie oft beschrieben wird.

Unsere Welt ist wesentlich besser, als wir denken. Es gibt viel weniger Kriegstote, arme Länder und Einbrüche als früher.

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