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Der Bizeps muss zittern

Im Job montiert Michael Wenkmann Fenster. Doch eigentlich ringt der Sulzbach-Rosenberger Tag und Nacht mit dem Waller.
Von Marion Koller

Triumph nach stundenlangem Kampf: Michael Wenkmann mit einem seiner größten Fänge Foto: Wenkmann
Triumph nach stundenlangem Kampf: Michael Wenkmann mit einem seiner größten Fänge Foto: Wenkmann

Sulzbach-Rosenberg.Michael Wenkmann ist ein muskelbepackter Hüne mit 85 Kilo. Seine Kraft braucht er jedes Wochenende, um mit dem Flusswaller zu ringen. Dieser Kampf beherrscht sein Leben. Der 30-Jährige nutzt weder E-Mail noch soziale Netzwerke. Er erlaubt sich nur eine Ausnahme. Auf der Facebook-Seite „Fishing by Sammy Silure“ – Silurus heißt der Wels – sucht er Sponsoren für ein Angeljahr auf dem italienischen Fluss Po. Er möchte aussteigen. Den Waller grillt der Fenstermonteur gerne. Seinem kranken Hund dagegen rettet er jeden Tag das Leben.

Herr Wenkmann, warum haben Sie einen zweiten Job angenommen?

Weil mein Husky-Labrador-Mischling Sammy eine Autoimmunkrankheit hat. Er braucht spezielle Tabletten und spezielles Futter. Mit den Tabletten vom Tierarzt geht es ihm gut, aber sie kosten 130 Euro im Monat. Auch das Futter ist sehr teuer. Sammy ist vom Tierheim. Ich habe die Verantwortung übernommen und nur, weil es schwierig wird im Leben, gebe ich meinen süßen Sammy nicht her. Ich würde für ihn drei Jobs annehmen, wenn nötig.

Das Problem sind die Krankheitsschübe, die öfter kommen. Die Behandlung geht richtig ins Geld. Da bin ich gleich im vierstelligen Bereich – und das seit fünf Jahren. Für Standecker montiere ich Fenster, Haustüren, Garagentore und Wintergärten. Wenn ich im Hauptjob Feierabend habe, fahre ich anschließend gleich zum Nebenjob im Logistikzentrum Stahlgruber in Sulzbach-Rosenberg und bewege zwei Stunden den Gabelstapler.

„Wenn mein Angelschein weg wäre, gäbe es für mich keinen Lebenssinn mehr. Wenn eine Frau sagen würde: ich oder das Angeln, sage ich tschüss und gehe zum Angeln.“

Sie verbringen die Wochenenden an der Naab, auch im Winter. Was fasziniert Sie am Wallerangeln?

Nur wenn sich ein Date mit einer hübschen Frau auftut, bin ich nicht beim Angeln. Mich faszinieren die Natur, das Draußensein, die Ruhe. Ich will die Welt erleben, wie sie ist, mit Pflanzen und Tieren. Ich will die Natur genießen, weil ich sonst von früh bis spät arbeite. Ich beobachte lieber den Eisvogel als fernzusehen. Vogelgezwitscher höre ich lieber als das Radio. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein, da reicht ein Boot mit Zelt. Ich habe ein kleines Boot – zum Auslegen der Wallerrute. Im letzten Winter haben mich minus 15 Grad nicht abgeschreckt.

Der geliebte Sammy, Wenkmanns ständiger Begleiter Foto: Wenkmann
Der geliebte Sammy, Wenkmanns ständiger Begleiter Foto: Wenkmann

Übernachten Sie am Fluss?

Ja, natürlich. Ich habe das Zelt dabei, Karpfen-Liegen, das Boot, jede Menge Kleinkram, Essen, den Grill, im Winter die Zeltheizung, im Sommer eine Decke zum Sonnen – und die Wallerrute. Sammy wacht natürlich stets an meiner Seite.

Gibt es eine Frau, die ihr Steckenpferd teilt?

Noch nicht. Schwierig beim Angeln.

Eigentlich ist es eine Leidenschaft.

Ja. Das Angeln ist mein Leben, mein Rückzugsort und vor allem sammle ich dabei Energie für die nächste Woche. Wenn mein Angelschein weg wäre, gäbe es für mich keinen Lebenssinn mehr. Wenn eine Frau sagen würde: ich oder das Angeln, sage ich tschüss und gehe zum Angeln. Klingt hart, aber das wird sie teilen müssen, wenn sie mit mir zusammen sein möchte. Natürlich darf sie gern mitgehen. Mit einer Frau werde ich aber nicht jedes Wochenende an der Naab sitzen. Den einen kleinen Angler und damit eine Familie hätte ich schon gerne.

Warum stellen Sie gerade dem Waller nach?

Weil er der größte Süßwasserfisch Europas ist. Weil das ein brachialer Kampf ist. Der Bizeps muss zittern, dann ist es genau das richtige Gefühl. Die Arme müssen schmerzen.

Überwältigt Foto: Wenkmann
Überwältigt Foto: Wenkmann

Sie sind 1,85 Meter groß und wiegen 85 Kilo. Ein Waller kann drei Meter lang und 170 Kilo schwer werden. Wie lang war Ihr größter Fang?

Der Weltrekord liegt bei 2,74 Metern. Mein größter Waller aus der Naab war 1,77 Meter lang. Da sind aber viel Größere drin. Das Leben sieht wohl vor, dass meine Leidenschaft und Erfahrung noch wachsen sollen, ehe ich ein Exemplar mit zwei Metern plus erwische.

Ihr Waller hat mindestens 45 Kilo gewogen. Woher nehmen Sie die Kraft?

Ich rudere viel. Und bei 1,77 Metern muss die Kraft noch nicht so groß sein. Es kommt auch auf Technik und Erfahrung an. Ich meine, jeden Waller in ganz Europa besiegen zu können.

Essen Sie die Beute?

Ab und zu. Der Wels ist ein guter Speisefisch, am besten vom Grill und mit Kartoffelsalat. Er darf aber nicht größer als einen Meter sein.

Was ist Ihr Traum?

Ein Jahr nur zu angeln und der Natur komplett ausgesetzt zu sein. An schönen und schlechten Tagen. Ich will diese Lebenserfahrung sammeln, damit ich im Alter sagen kann, ich habe etwas erlebt. Ich möchte einfach die Leidenschaft ausleben und meine Träume nie aufgeben.

Und Ihr Alptraum?

Mein schlimmster Alptraum ist, dass die Leute meinen Angelplatz entdecken.

Auf Facebook geben Sie Ihre Angelwelt ein wenig preis.

Da schreiben mich viele Leute an, fragen nach Tipps und ob sie mitgehen dürfen für ein Wochenende. Jeder, der fragt und mir sympathisch ist, den nehme ich gerne mit. Es gibt viele interessante Leute auf dem Planeten.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf ganz eigene Art anpacken. Sie sind „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marion Koller hat immer einen großen Bogen um Zelte jeder Art gemacht. Dass jemand jedes Wochenende im Zelt verbringt, erscheint ihr erstaunlich.

  • Die Menschen:

    Möchten Sie jemanden vorschlagen? Schreiben Sie uns: redaktion@mittelbayerische.de

Bleibt Ihnen Zeit für Freunde?

Natürlich, aber von meiner Clique geht keiner angeln. Mein bester Kumpel ist mein Arbeitskollege, der auch bei meinen Outdoor-Abenteuerreisen immer dabei ist. Wir sehen uns jeden Tag, und manchmal begleitet er mich beim Angeln. Einige Anglerkollegen sind Freunde geworden.

Wohin reisen Sie?

Ich war acht Wochen im tiefsten Winter in den amerikanischen Rocky Mountains. Gewohnt haben wir in einem schönen Holzhaus mitten in den Bergen. Wir haben uns beim Wandern durch zwei Meter hohen Schnee gekämpft und sind mit dem Kanadier durch einen Bergsee gerudert.

Kommen Sie nach Regensburg?

Zum Fischen am Geislinger Wehr und zweimal im Jahr zum Shoppen. Da schlendere ich durch die Arcaden und kaufe Klamotten, das war’s.

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