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Menschen

Der Mann der vielen Talente

Angelo Pollak singt betörend schön, spielt meisterhaft Cello und Klavier. Er hat viel Energie. Damit zähmt er auch Dämonen.
Von Marianne Sperb

Er hat gerade einen Lauf: Angelo Pollak Foto: Taro Morikawa
Er hat gerade einen Lauf: Angelo Pollak Foto: Taro Morikawa

Regensburg. .Der Tenor Angelo Pollak sitzt Punkt 15 Uhr und wie aus dem Ei gepellt vor dem „Hotel Goliath“. Der Tenor singt betörend schön. Er hat einen bei Tennisgegnern gefürchteten Aufschlag und er beherrscht meisterhaft Cello und Klavier. Der Sänger spielt beim Interview kurze Videos aus Wettbewerben ab, die er gewonnen hat. Zu sehen ist ein frühreifen 13-Jähriger, der hingebungsvoll und irgendwie ritterlich über die Saiten streicht. Der 29-Jährige spricht geradezu rückhaltlos offen. Um 20 Uhr, nach zwei Kaffee und drei alkoholfreien Eistee, verabschieden wir uns. Die fünf Stunden sind wie im Rausch vergangen.

Herr Pollak, Sie haben gerade einen Lauf. Aktuell sind Sie in Regensburg in „Die Banalität der Liebe“ und im „Holländer“ zu hören. Sie proben für „Don Giovanni“. Was steht sonst an?

Ich freue mich auf Dezember 2018 und den „Figaro“ in Tokio, mit einer wirklich exzellenten Besetzung. 2019 steht ein Liederabend im Musikverein Wien an, mit meiner Schwester Fiona am Klavier. Sie begleitet mich seit 20 Jahren. Unser erstes Benefizkonzert gaben wir beide am Klavier; da war sie acht und ich fünf. Ja, und 2020 singe ich bei der Mozartwoche in Salzburg. Außerdem würde ich nächstes Jahr zu gern eine Schubertiade in Regensburg organisieren. Ich bin ja ein großer Verfechter des Lieds. Lieder erzählen Geschichten auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Das fasziniert mich.

Ihre Karriere haben Sie ganz anders begonnen: an Klavier und Cello, mit Heinrich Schiff als einem Ihrer Lehrer. Wie kam das?

Ich komme aus einer musikalischen Familie. Als meine Schwester Klavier anfing, Klavier zu lernen, wollte ich natürlich auch spielen. Fiona war ein Wunderkind an der Orgel. Unser Vater hat uns beide sehr gefördert. Er hat uns mit unterrichtet, sich ganz und gar in unsere Musik hineingekniet. Mit sieben hab’ ich begonnen, Klavier und Cello an der Musikhochschule Wien zu studieren.

Sie haben als Einziger in einem Jahrgang den Wettbewerb Prima la Musica zwei Mal gewonnen, für Klavier und für Cello. Heute schwärmen Musikkritiker von Ihrer Stimme. Warum haben zum Gesang gewechselt?

Das ergab sich eher zufällig. Fiona hat in Wien Kirchenmusik studiert und kannte die Gesangsprofessorin Margit Klaushofer. Der sang ich eines Tages vor und sie fand meine Stimme gut. Natürlich hätte ich mit dem Cello weiter machen können. Ich liebe es, mit anderen zu musizieren. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich wollte nie in einem Orchester spielen. Ich will oben auf der Bühne stehen, in der Mitte.

Aus unserer Serie: „Der Paradiesvogel“

Ich hab' nachgelesen: Sie haben elf 1. Preise und etliche Sonderauszeichnungen als Instrumentalist erhalten. Nach einer unbeschwerten Kindheit klingt das nicht.

Wissen Sie, ich wurde streng erzogen. Alte Schule. Aufstehen, wenn eine Frau an den Tisch kommt, und so. Vielleicht hab' ich deshalb manchmal das Gefühl, ich lebe in der falschen Zeit. Aber ich habe viel Liebe bekommen. Die Beziehung zu meinem Vater war so eng, wie sie nur sein konnte. Andererseits: Es stimmt schon. Als Bub habe ich oft acht Stunden am Tag geübt. Monatelang nur Cello, nur mit der rechten Hand. Eine Kamera zeichnete die Bogengeschwindigkeit auf. Nach ein paar Monaten hatte ich dafür eine perfekte rechte Hand.

Herr Pollak, Sie haben viele Talente. Aber Künstler verdienen wenig. Wie geht‘ Ihnen damit?

Geld ist natürlich wichtig. Obwohl Künstlern ja immer versichert wird, sie bekämen schließlich die Anerkennung, den Applaus. Aber würde mehr Geld die Qualität schmälern? Ich denke nicht.

Trotzdem haben Sie gerade Ihren Vertrag am Theater Regensburg um ein Jahr verlängert. Warum?

Der Verdienst ist mager, das stimmt. Das ist schon ein Wahnsinn in Relation zur Beanspruchung an einem städtischen Haus. Von den 31 Tagen im Januar zum Beispiel hatte ich an 30 Tagen Vorstellungen oder Proben bzw. Einstudierungen. Und trotzdem gibt es Bewerber, die das auch für weniger Geld machen würden. Aber ich bin so dankbar, dass ich singen darf. An einem kleineren Haus wie in Regensburg hat man die Möglichkeit, die größeren Schritte zu machen, die interessanteren Rollen singen. Das ist wunderbar. Wissen Sie: Ich bin überzeugt, dass Kunst das ist, was das Menschsein ausmacht. Wenn Sie Kunst als Beruf ausüben, können Sie Ihre ganze Persönlichkeit einbringen. Dieser Aspekt steht ganz oben.

Vermissen Sie Wien?

Und wie! Ich bin ein richtiger Wiener. Als ich nach Regensburg kam, war ich das erste Mal im Leben länger von zu Hause weg. Familie ist für mich das Allerwichtigste. Sehen Sie hier, das Tattoo in meiner Armbeuge: Das ist Hebräisch und heißt Familie, tätowiert in der Handschrift meiner Schwester und meiner Mutter. Meiner Mutter verdanke ich alles. Jede hat drei Buchstaben geschrieben. Ich hab' die Tätowierung nach meinem Umzug nach Regensburg machen lassen.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“. 

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb würde beim Singen sogar die Wiener Philharmoniker aus dem Takt bringen. Dass jemand mit so viel Talent beschenkt ist, wie Angelo Pollak, findet sie faszinierend.

Bei „Die Banalität der Liebe“ geht es um das Thema NS-Ideologie. Sie haben einen ganz persönlichen Bezug dazu.

Die Familie meines Vaters ist jüdisch. Schauen Sie, dieses Geld aus dem KZ Theresienstadt: Diese bunten Scheine beschreiben den ganzen Zynismus der Konzentrationslager. Mein Großvater hat Theresienstadt überlebt. Er war 14, als er an der Rampe stand, wo es entweder ins Gas ging oder ins Leben. Er sagte, er sei 16 und Elektriker. Mein Urgroßvater wurde in Auschwitz umgebracht. Als ihn die Nazis zuhause abholten, gab es Mohnnudeln. Deshalb kamen bei uns niemals Mohnnudeln auf den Tisch. Mein Vater hat an dieser Familiengeschichte gelitten. Er war außerdem tumorkrank. Er hat sich erhängt, auf dem Weg zwischen dem Katholischen und dem alten Jüdischen Friedhof in Wien. In der Tasche hatte er ein Buch über Witze von Friedrich Torberg. Er war 54, ich war damals 20.

Hat die Vergangenheit Ihre politische Einstellung geprägt?

Unbedingt! Ich fühle mich diesem Volk sehr nahe. Ich fühle mich auch aufgefordert, initiativ zu werden. Was ich vermisse, ist der Mut zum offenen Wort. Es wird gerade wieder vieles salonfähig, was schon überwunden geglaubt war. Die Hemmschwelle sinkt, das sieht man an vielen Äußerungen, auch in intellektuellen Kreisen. Das sind lauter kleine Schritte, die zu großen Schritten werden. Aber wenn heute die FPÖ in Österreich Wahlen gewinnt, können wir nicht sagen, wir haben es nicht gewusst. Wir wissen es! Deshalb darf man nicht schweigen. Gerade als Künstler nicht.

Aus unserer Serie: Sattelfester Chef im Land-Paradies

András Schiff ist Ihr Vorbild, auch wegen seiner klaren politischen Haltung.

András Schiff ist ein Vorbild in jeder Beziehung und ein wunderbarer Pianist. Er holte mich 2017 zu einem Schubert-Liederabend nach Vicenza. Eine große Ehre, ein großes Erlebnis! 2017 war überhaupt ein interessantes Jahr: Da war mein Debüt im Goldenen Saal im Musikverein Wien, des Fest zur Festspieleröffnung in Salzburg und ein Liederabend im Rachmaninov-Saal in Moskau.

Wofür fühlen Sie mehr Leidenschaft: für das Singen oder das Cellospielen?

Für das Singen! Allerdings fordert die Stimme sicherlich mehr Disziplin. Beim Singen ist mein Körper mein Instrument, das heißt: Gesund leben. Kein Alkohol. Wenn ich viele Vorstellungen habe, spreche ich tagelang nicht. Dazu kommt: Wenn Sie am Cello mal daneben greifen, ist das nicht so schlimm. Aber beim Singen muss das hohe C sitzen.

Sie wirken, als hätten Sie endlos Energie. Woher nehmen Sie die?

Ich habe einen großen Energiepool mitbekommen. Das ist ein Geschenk! Zur Zeit lässt mich die Idee für ein Restaurant nicht los. Konzept, Logo, Karte: Ich hab’ schon Entwürfe gezeichnet. Ich bin jemand, der kaum stillsitzen kann. Bei Schwimmen und Tennis gab es früher gute Ansätze. Gerade hab’ ich eine Tennisball-Maschine bestellt. Mit ihr kann ich trainieren, auch wenn keiner Zeit für ein Match hat.

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