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Der Paradiesvogel

Josef R. Mulzer schätzt ausgefallene Kleidung. Das hat er von seiner Mutter geerbt, die am spanischen Hof arbeitete.
Von Marion Koller

Josef R. Mulzer fühlt sich „höchstens wie 50“. Foto: altrofoto.de
Josef R. Mulzer fühlt sich „höchstens wie 50“. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Für den Interviewtermin hat sich Josef R. Mulzer in Schale geworfen. Der 69-Jährige öffnet die Wohnungstür in einem weißen Hemd mit Punkten und bunten Plastikpistolen. Die Hose ist mit Blütengirlanden bedruckt. In schriller Mode und zwischen Designmöbeln fühlt sich der Exzentriker wohl. Ein Stuhl aus Pappe von Frank Gehry und ein herzförmiges Sitzmöbel von Charles Eames markieren sein Wohnzimmer. Darauf niederlassen darf man sich nicht. Mulzer holt eine Flasche Moët & Chandon und schießt den Korken zur Balkontüre hinaus – das Gespräch kann beginnen.

Herr Mulzer, warum sind Sie so braun gebrannt?

Ich bin furchtbar viel in der Sonne. Ich laufe, fahre Mountainbike oder Rennrad und wandere. Jede freie Minute verbringe ich im Wöhrdbad.

Ihre Lieblingsstrecke?

Am liebsten laufe ich am Schwammerl vorbei durch den Fürst-Anselm-Park, zur Donau runter und manchmal zur Walba. Mit dem Rennrad fahre ich gerne das Timmelsjoch in Sölden oder das Stilfser Joch in Südtirol. Sport war ja mein Beruf.

Sie haben an der Hans-Herrmann-Schule, heute Willi-Ulfig-Mittelschule, unterrichtet.

1969 bin ich an die Hans-Herrmann-Schule gekommen. Am Anfang war es Hobby und Beruf. Zum Schluss hatte sich das Verhalten der Kinder so verändert, dass es stressig wurde. Sie hatten keine Disziplin und keinen Respekt. Sie wollten sich nicht bewegen. Leider wurden alle kontroversen Themen unter den Teppich gekehrt. Ich habe vor dem Sport Wertsachen eingesammelt, weil sich die Schüler gegenseitig bestohlen hätten. Einer wurde Zuhälterkönig. Wenn ich ins Dultbierzelt trat, rief er: „Hey, Mulzer, zahlst a Halbe?“

„Meine Devise lautet im Augenblick: Das Hässliche ist schön. Je schriller, desto besser.“

Modefan, pensionierter Lehrer

Sie stammen aus einer Lehrerfamilie.

Mein Sohn, ein Konrektor, ist die 13. Lehrergeneration in der Familie. Der einzige Ausbrecher war mein Vater. Er arbeitete am Landratsamt in Neunburg vorm Wald und ist als Oberregierungsdirektor an die Regierung der Oberpfalz nach Regensburg gewechselt. Ich wollte Design machen. Dass befreundete Künstler, die bekannt waren, wenig verdienten und Lehrer werden wollten, hat mich abgeschreckt.

Auf Instagram haben Sie Fotos von der Dult gepostet. Sie sind, umringt von Damen, in Lederhose und Trachtenweste zu sehen.

Wir gehen nur in Artmanns Herzl. Ich wurde von einer befreundeten Frauenrunde eingeladen. Ich bin ein Gaudibursch. Wenn ich irgendwo hinkomme, reiße ich die Party. Meine Lebensgefährtin hat sich beschwert, dass ich immer den Kasperl spiele. Aber sie ist auch eine Lustige.

Diese Lederhose und Weste wirken wie historische Tracht.

Die sind 150 Jahre alt. Ich war mit dem Rennrad in Sölden und habe mir dort eine wunderbare Ledertrachtenjacke gekauft. Zuhause wollte ich unbedingt eine Hose, da bin ich wie a legende Henn. Auf der Dult habe ich die alte Firmlingslederhose entdeckt und konnte den Verkäufer runterhandeln. Er glaubte nicht, dass sie mir passt.

Sie reisen häufig nach Berlin.

Ich bin Berlinfan, weil ich Mode liebe. Regensburg ist mir viel zu langweilig und München zu spießig. Die Regensburger sind konservativ, keiner traut sich. Die haben keine Ahnung von Mode. In Berlin kann ich leben, wie ich möchte, und meine Kleidung tragen. In Regensburg werde ich belächelt. Ich fahre auf die Berliner Jungdesigner ab, aber auch auf Koreaner wie Byungmun Seo und Mika Toekgoezoglue von Senso Unico – zurzeit mein großer Favorit. Ich mag Rick Owens, aber auch Esther Perbandt. Viele kenne ich und bekomme die Mode günstiger. Wenn meine Lebensgefährtin und ich in Kreuzberg ausgehen, sind wir anders gekleidet als am Kurfürstendamm. Dort liegt unser Lieblingscafé, das „Grosz“ – mit vielen C-Promis.

Warum sind Sie auf Instagram?

Mir kommt es darauf an, meine ausgefallene Mode auf künstlerische Art zu präsentieren und mit anderen Designelementen – Stühlen, Lampen, Möbeln – zu kombinieren. Meine Devise lautet im Augenblick: Das Hässliche ist schön. Je schriller, desto besser. Meine Lebensgefährtin fotografiert. Sie muss viel aushalten bei mir, deshalb liebe ich sie sehr. Ich bin ein Perfektionist. Aber ich bin auch lieb. So wie es im Augenblick auf Instagram abläuft, kann es jedoch nicht weitergehen, das nimmt mich zu sehr in Anspruch.

Woher stammt das Mode-Faible?

Meine Mutter war so verrückt wie ich. Sie trug Häkelhandschuhe, auch im Café Rosarium. Sie war Schneiderin und hat sich Sachen genäht. Als junge Frau hatte sie im spanischen Königshaus gearbeitet. Sie war für die Ausstattung des Palasts zuständig. In Regensburg hat sie nur im früheren „Italy“ in der Gesandtenstraße eingekauft, ansonsten sind wir nach München gefahren, in die Maximilianstraße.

Sie haben zehn Kilo verloren.

Ich habe mich auf 55 Kilo runtergehungert. In meinem jugendlichen Alter wollte ich es noch einmal wissen. Ich habe nur gefrühstückt, dann Krafttraining, Autogenes Training, Gleichgewichtsübungen. Dann einen Eiweißtrunk und aufs Fahrrad. Abends gab es Salat und Fisch, aber als ich ins Wöhrdbad kam, sagten die Damen: Um Gottes Willen, der Josef ist krank!

Mögen Sie die Oberpfalz?

Die ist toll, da gibt es gar nichts. Die Natur, das Leben, die Leute. Die Oberpfälzer sind urig. Am liebsten bin ich mit dem Radl im Labertal.

Haben Sie kein schlechtes Konsumgewissen, wenn Sie teure Mode, 160 Brillen und 200 Paar limitierte Schuhe anhäufen?

Ich will leben und habe kein schlechtes Gewissen. Ich habe ein Leben lang im harten Lehrerberuf gestanden. Ich mache mir ohnehin zu viele Gedanken über die Welt.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marion Koller ist über die Social-Media-Plattform Instagram auf den Regensburger Josef Mulzer aufmerksam geworden. Dort führt er seinen sehr eigenwilligen Stil vor. Mehr als 3000 folgen ihm.

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