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Der Seelenarzt mit dem Säbelzahntiger

Dr. Reinhart Schüppel aus Furth im Wald holt das Stofftier gerne heraus. Es hilft ihm, die größte Gefahr zu beschreiben.
Von Marion Koller

  • Psychosomatiker Dr. Reinhart Schüppel und sein kleiner Helfer, der Säbelzahntiger Foto: Koller
  • „Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne auch höhern Flug versuchen, ja sie muß...“ Diese Worte hängen im Behandlungszimmer. Der Mediziner liebt Schillers Sprache, die kräftig und differenziert sei. Foto: Koller

Furth im Wald.Auf dem Weg zu Professor Reinhart Schüppels Behandlungszimmer in der Johannesbad-Klinik Furth im Wald begegnen einem Menschen mit leeren Gesichtern. Sie sitzen am Cafeteria-Tisch und stützen den Kopf auf die Hände oder starren in den Hof hinaus. Die Räume des Stressexperten Schüppel empfangen mit rot bezogenen Sesseln und dunkelbraunen Antikmöbeln. Unter der Behandlungsliege sitzt ein pelziger Säbelzahntiger, daneben reihen sich Gartenzwerge. Der Arzt (61) erzählt ruhig und humorvoll – ein Mensch, der mit sich im Reinen ist.

Herr Professor Schüppel, was machen Stofftier und Zwerge unter Ihrer Behandlungsliege?

Das ist eine Marotte von mir. Sie dienen dazu, mit den Patienten ins Gespräch zu kommen. In der Psychotherapie geht es darum, eine Tür zu öffnen. Der Säbelzahntiger symbolisiert die Gefahr, der war hinter Ihren Urgroßeltern her.

Und heute?

Was uns heute Schwierigkeiten macht, ist das moderne Leben mit Termindruck, Akkordtätigkeit und Projektarbeit. Diesen Problemen kann ich nicht mit Muskelkraft begegnen. Der innere Druck ist völlig sinnlos. Was haben Sie davon, wenn Sie um 4 Uhr morgens aufwachen und denken, ich hätte noch einen wichtigen Menschen anrufen müssen. Das ist Ihr Säbelzahntiger.

Wie bekämpft man ihn?

Schalten Sie das Hirn ein! Wenn ich wach werde wegen eines versäumten Anrufs, notiere ich das auf einen Zettel. Ich stelle mir die Frage: Ist es wirklich mein persönlicher Weltuntergang, wenn das nicht klappt? Jeder muss sich um seinen persönlichen Säbelzahntiger kümmern. Die einen sind Perfektionisten, die anderen Schlamper. Runterkommen kann man mit Struktur und Ritualen.

Im Video erfahren Sie, warum Psychosomatiker Dr. Reinhart Schüppel mit dem Säbelzahntiger arbeitet.

Sie selbst arbeiten sicherlich mit wirksamen Ritualen.

Ich kann mir abends gedankenlos ein Getränk reinschütten oder eine spezielle Teemischung machen, in einer schönen Tasse. Dann habe ich mich entschieden, ich gebe mir für mich selber Mühe. Meditation wäre gut. Die Vorstufe heißt Achtsamkeit. Das bedeutet, sich zwei Minuten auf etwas zu konzentrieren, das ich sowieso mache. Dann kann ich zwei Minuten nicht an den Säbelzahntiger denken.

Wir arbeiten weniger und genießen mehr Freizeit als frühere Generationen. Trotzdem leiden mehr Menschen an Burn-out.

Wir haben eine kürzere Arbeitszeit, aber die Intensität hat sich verdichtet. Es ist unklarer, wann der Feierabend beginnt. Im Privatleben sind die meisten Menschen immer auf dem Sprung. Sie müssen die Kinder abholen, zum VHS-Kurs, den Hund ausführen oder das E-Bike warten. Das beste Beispiel ist für mich eine neue App am Handy. Ich will mit der Errungenschaft Zeit sparen, brauche aber eine ganze Weile, um mich einzuarbeiten. Es springt nur ein kleiner Nettonutzen heraus. Oder der Kurzurlaub übers Wochenende. Sie sind so lange in Flieger und Bus, wie Sie am Meer Cappuccino trinken. Die nettoverfügbare Zeit hat nicht zugenommen, sondern wird aufgefressen.

Wie merkt man, dass man sich an der Burn-out-Grenze bewegt?

Wer gut schläft, nicht gleich ausflippt, etwas genießen kann und das Gefühl hat, er kriegt das Leben auf die Reihe, hat sicher eine ordentliche Resilienz. Andere brauchen ein Gegenüber, das sie spiegelt. Der Partner, der sich beklagt, dass seine Frau nicht mehr zuhört. Die Freunde, die sagen: Du hast dich aber verändert. Es geht darum, die psychische Widerstandsfähigkeit zu fördern.

Über 90 Prozent der jungen Generation fühlen sich laut Studien gestresst. Warum?

Es ist zunächst einmal gut, eine Herausforderung zuzulassen, damit man daran wachsen kann. Junge Leute fühlen sich oft gestresst, weil ihnen die Erfahrung fehlt, eine Situation einzuschätzen. Im Arbeitsleben kommt es vor, dass Ziele vereinbart und dann vielleicht geändert werden. Für manche Berufsanfänger geht dann die Welt unter. Bei Studierenden und Schülern hängt der Stress oft mit einem hohen Leistungsideal zusammen. Ich erlebe in Klinik und Praxis, dass die oft cooler als der Durchschnitt sein wollen. Viele erleben auch an Schule und Uni erstmals Druck. Von den Eltern sind sie das nicht gewöhnt.

Wie bleiben Sie seelisch gesund?

Wenn ich einen Vortrag über Burn-out gehalten habe, ist der härteste Test für mich: Und was betrifft mich davon? Ich denke nach, wie viele Ratschläge ich beherzige. Ich bemühe mich, dass die Diskrepanz zwischen dem, was ich anderen rate und selbst umsetze, nicht zu groß wird.

„Sport klingt nach Turnbeutel.“

Und konkret?

Ich esse viel Obst, Gemüse und Fisch. Ich bewege mich, auch wenn ich eher ein kultureller als ein sportlicher Typ bin. Sport klingt nach Turnbeutel. (Zieht einen Schrittzähler vom Gürtel) Heute bin ich 5377 Schritte gegangen, 10 000 sollten es sein. Ich mache Nordic Walking. Viermal pro Woche gehe ich eine halbe Stunde lang flott. Mein Klapprad liegt im Kofferraum. Ich parke bei Terminen außerhalb und strample in die Stadt rein. Im Winter packe ich Langlaufski ein und laufe bei Flutlicht in Neurittsteig. Für mich ist ein Wochenende, an dem ich auf einen Bayerwaldberg gewandert bin, ganz anders als wenn ich es versandle.

Sie entspannen mit Musik.

Ich spiele Gitarre – Barock und moderne Musik, von Greensleeves bis zum Lagerfeuerklassiker. Ich höre gerne Musik, vom Mittelalter bis zu aktuellen Charts. Musik ist so erholsam für mich, weil ich zu dieser Kunstform den besten Zugang habe. Ich kann in Emotionen eintauchen. Im Theater schaue ich mir gerne Klassiker an, vor allem Schiller. Er war auch Arzt und seine Sprache gefällt mir. Sie ist kräftig und differenziert. Das kommt der Therapie zugute. Wir arbeiten viel mit Sprache. Friedrich Schillers Figuren sind ambivalent angelegt, selten nur gut oder böse – wie im richtigen Leben.

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MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marion Koller hörte von Psychosomatiker Reinhart Schüppel, weil er bei den Eckert-Schulen in Regenstauf über Burn-out sprach und die Zuhörer glänzend unterhielt.

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