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Der Vordenker von Google

Christian Baudis, einst deutscher Chef des Internet-Riesen, lotet die Zukunft aus. Er spricht über Hierarchien, Autos, Tiere.
Von Marion Koller

Warnt davor, dass Talente abwandern: Christian Baudis Foto: Baudis
Warnt davor, dass Talente abwandern: Christian Baudis Foto: Baudis

Regensburg.Der Digital-Unternehmer Christian Baudis wirkt unkompliziert und offen. In seinem Job muss er das sein. Der 53-Jährige sucht weltweit vielversprechende Start-ups und bringt sie mit Finanziers zusammen. Er hat mehrmals erfolgreich gegründet, etwa Tremor Media, einen Videostream-Vermarkter. Bis 2008 leitete der Münchner einige Jahre lang die Deutschland-Geschäfte von Google. Der begehrte Redner warnt davor, dass Unternehmen die digitale Revolution verschlafen. Im September kommt er nach Regensburg.

Herr Baudis, was haben Sie bei Google gelernt?

Das war natürlich die technologische Seite, aber vor allem die Art und Weise, wie das Gründerteam, 20 bis 30 Leute, das Unternehmen geleitet hat. Das war ein ganz anderer Führungsstil. Die wollten mit der U-Bahn fahren, nicht mit der Limousine. Das hat mir imponiert, dieses Selbstlose, Zurückgenommene. Es gab den Spruch „Don‘t be evil“ (Tue nichts Böses). Das haben die Gründer Larry Page und Sergey Brin ernst gemeint – und ein Großteil des Unternehmens auch. Es ging nicht um den Status, vom großen Büro über die Visitenkarte bis zum Dienstwagen.

Die flachen Hierarchien haben Sie fasziniert.

Ja, ich konnte Larry Page tatsächlich anrufen, ohne über eine Assistentin gehen zu müssen. Das hat mich unglaublich motiviert. In Europa muss man sich erst einmal hocharbeiten und es gibt vielfältige Hierarchien, die Nahbarkeit und Natürlichkeit des Führungspersonals verhindern. Dadurch wird viel Innovation unterdrückt. Nur wenn ich das Gefühl habe, meine Führungskraft zu erreichen, kann ich innovativ sein. Jeder Mitarbeiter hat gute Ideen. Aber wenn ich glaube, mein Chef profiliert sich damit, gebe ich ihm das nicht. Wir können von Google, Amazon, Apple etc. lernen.

Zurzeit werden die Online-Giganten wegen Datenskandalen und Steuervermeidung kritisiert.

Natürlich gibt es Fälle, wo sich diese falsch verhalten, oft ist es aber Neid, der zur Kritik verleitet. Ich finde die Dieselaffäre viel schlimmer als den Datenskandal von Facebook. Da werden die Konsumenten direkt geschädigt.

Sie sorgen sich, dass deutsche Unternehmen die Digitalisierung verschlafen und Talente in die USA oder nach Asien abwandern.

Die Digitalisierung geschieht vornehmlich in den USA und Asien. Unsere deutsche Attitüde lautet: Wir haben 50 Jahre alles richtig gemacht, also werden wir auch künftig erfolgreich arbeiten. In der Zwischenzeit werden viele gute digitale Ideen außer Landes verkauft, die eigentlich unsere Zukunft sichern sollten. Der Augsburger Roboterhersteller Kuka ging an China. Viele ausgezeichnete Entwickler, die heute bei Facebook oder Google arbeiten, sind Deutsche. Es gibt sehr gute Informatikexperten, die beim maschinellen Lernen führend sind. Auch bei der Feinmechanik sind wir weit. Aber Talente werden schnell abgeworben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Kohleabbau für uns einen höheren Stellenwert hat als die Digitalisierung. Deshalb wandern Begabte ab.

„Ich konnte Larry Page tatsächlich direkt anrufen. Das hat mich unglaublich motiviert.“

Christian Baudis, Digital-Unternehmer

Was sollen junge Leute studieren, um sich für die Zukunft zu wappnen?

Man kann nicht vorhersagen, was in den nächsten 20 Jahren passiert. Deshalb sollten sie eine breite Ausbildung wählen, Biologie etwa mit Elektronik kombinieren. Jeder sollte Verständnis für Künstliche Intelligenz und Programmierung haben. Überhaupt sollte das digitale Know-how stärker in Schulunterricht, Studium und betriebliche Weiterbildung einfließen.

Sie nennen sich Futurist und schärfen das Bewusstsein der Menschen für neue Möglichkeiten. Woher kommt das Wissen?

Aus dem Internet. Ich habe mehrere Quellen. Etwa den MIT Technology Review, ein Magazin des Massachusetts Institute of Technology, oder TechCrunch, ein Online-Nachrichtenportal für Technologie- und Internetunternehmen. Investoren fragen mich etwa: Finde ein Start-up, das mein Geschäftsmodell in fünf bis zehn Jahren infrage stellt. Dann gehe ich auf die Suche.

Wird die Digitalisierung viele Unternehmen gefährden?

Ja, weil wir die Geschwindigkeit unterschätzen. Ich weiß nicht, ob von den fünf großen deutschen Autoherstellern in zehn Jahren noch drei existieren werden. Die Batterien werden in Asien produziert, autonom fahrende Autos kommen aus den USA und Asien. Die Kerntechnologien der Mobilität liegen nicht mehr in unseren Händen. Das haben die deutschen Autobauer verschlafen. Wenn sie nicht aufwachen, geht es ihnen wie Kodak. Irgendwann kaufte keiner mehr analoge Kameras. Wir könnten in fünf bis zehn Jahren vor allem billige, hochwertige chinesische E-Autos fahren.

Gibt es einheimische Unternehmen, die die Digitalisierung mutig anpacken?

Das Voith-Werk in Crailsheim, ein klassischer Mittelständler, digitalisiert den Produktionsprozess und sucht Zukunftsmärkte. Er entwickelt Antriebe für E-Busse und nutzt die Digitalisierung, um seine Werke weltweit effizient miteinander zu vernetzen.

Fahren Sie ein E-Auto?

Nein, aber bald. Noch steuere ich einen kleinen Stadtflitzer, den Citroën C3 – mit Verbrennungsmotor, den Rest mache ich mit dem Zug, manchmal fliege ich. Ich möchte das erste selbstfahrende E-Auto kaufen. Der Tesla gefällt mir, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis passt noch nicht.

Was halten Sie vom Smarthome, dem digital gesteuerten Haus?

Wir bewohnen ein Null-Energie-Haus. Natürlich gibt es überall Internet, aber es ist kein Smarthome. Da ist viel Schnickschnack dabei, den wir nicht brauchen. Viel sinnvoller finde ich Sensoren für Weinbauern am Rebstock, die Wasserhaushalt, Düngestand und Reblausbefall messen und aufs Handy liefern. Wenn die Landwirtschaft mehr mit Sensorik arbeiten würde, könnte sie mindestens 50 Prozent des Grundwassers einsparen helfen und die Bodenqualität erhöhen, weil sie weniger Dünger bräuchte.

Womit befassen sie sich zurzeit?

Mit Plastik in den Weltmeeren. Das muss reduziert werden. Wir haben so viel Kunststoff im Mittelmeer wie Fische. Gerade gründen wir ein Start-up, das sich damit beschäftigen wird.

Als Taucher kennen Sie das.

Als Taucher habe ich eine besondere Verbindung zur Unterwasserwelt, komme mit Haien, Delfinen und Walen gut aus und bewundere die See. Aber was der Mensch dem Meer antut, ist erschreckend. Korallenriffe sterben, Überfischung und Plastik sind ebenso schwerwiegend. Im Südpazifik, Französisch-Polynesien, ist die Meeresqualität einigermaßen intakt. Die restlichen Gewässer sind in großer Gefahr.

Weitere Interviews lesen Sie hier.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die auf spezielle Weise leben oder die Dinge auf ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marion Koller war überrascht, wie liebevoll Christian Baudis von Katze Masli erzählt. Am 13. September um 19 Uhr im Wirtschaftszeitung Businessclub in der Regensburger Continental Arena geht es aber um knallharte „Megatrends der Zukunft“; einige Plätze sind noch frei beim Vortrag von Christian Baudis. Anmeldung bitte an businessclub@die-wirtschaftszeitung.de.

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