MyMz

Menschen

Die Mama mit drei Berufen

Beate Weichs lernt einen Job, den niemand machen will. Die 41-Jährige wird Altenpflegerin. Davon träumt sie seit 20 Jahren.
Von Marion Koller

Halten ihrer Mutter den Rücken frei: Beate Weichs mit Lukas und Jakob Foto: Anna-Maria Ascherl
Halten ihrer Mutter den Rücken frei: Beate Weichs mit Lukas und Jakob Foto: Anna-Maria Ascherl

Arnschwang.Beate Weichs färbt ihr Haar rot. Der auffallende Ton passt besser zu der zupackenden 41-Jährigen als die ersten grauen Strähnen. Das Alter aber fürchtet sie nicht. Seit der Schulzeit beschäftigt sie sich damit. Damals erlebte Weichs im Krankenhaus-Praktikum eine hochbetagte Frau im Gitterbett, die sie um Hilfe anflehte. Das ging ihr nie mehr aus dem Kopf.

Frau Weichs, was hat die alte Dame gesagt?

Bitte hilf mir, nimm mich mit! Die ist im Gitterbett gesessen wie in einem Käfig. Das war entsetzlich. Eine Katastrophe. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie war dement und wäre aus dem Further Krankenhaus weggelaufen. Das war der Punkt, wo ich gesagt habe, ich will etwas verändern. Damals, Anfang der 90er-Jahre, habe ich mich entschlossen, in die Pflege zu gehen.

Seit September 2016 lassen Sie sich zur Altenpflegerin ausbilden.

Es wäre nach der Hauptschule mein Ziel gewesen. Aber ich hätte ein Jahr überbrücken müssen, weil man erst mit 16 anfangen konnte. Ich wollte Geld verdienen und unabhängig sein. Schließlich habe ich drei Geschwister, mein Vater musste mit seinem Gehalt als Dreher alles finanzieren. Ich wurde Metzgereiverkäuferin und Hauswirtschafterin. Danach wollte ich auf die Altenpflegeschule wechseln. Aber als Gesellin war ich froh, mehr Geld zu verdienen. Ich brauchte ein Auto, wollte ausgehen, dachte übers Heiraten nach. Die Altenpflege hatte ich immer im Hinterkopf.

Heute pflegen Sie beim BRK ambulant und im Seniorenheim Furth im Wald. Was erleben Sie?

Ich erlebe schöne, aber auch erschreckende Dinge. Die Leute freuen sich auf mich. Man sagt, ambulant vor stationär, aber wenn man die alten Menschen erlebt, die den ganzen Tag allein sind und nur ich bin zehn oder 20 Minuten dort, ist das erschreckend.

Im Bayerwald kümmern sich die Generationen nicht umeinander?

Der Großteil geht heute in die Arbeit.

„Diese Menschen haben ihr Leben gelebt, die letzten Tage sollten wir ihnen so schön wie möglich machen.“

Beate Weichs

Aber demente Patienten können nicht allein bleiben.

Doch, es gibt einige, die allein leben. Ich würde das Seniorenheim vorziehen, das bietet einen strukturierten Ablauf. Dort gehen wir mit biografischer Arbeit auf jeden Bewohner ein. Wenn eine Frau früher viel im Garten gearbeitet hat, kann ich nicht mit ihr stricken. Ich zeige ihr Fotos von alten Arbeitsgeräten und Bauerngärten. Da ist sie in ihrem Element, blüht auf, geht mit. Durch die Demenz weiß sie nichts mehr von heute, aber im Langzeitgedächtnis ist vieles gespeichert.

Haben Sie so viel Zeit?

Eigentlich nicht, es ist Pflegenotstand. Aber wir reden ja immer wieder und tragen alles in den Biografiebogen ein.

Wie beurteilen Sie den Pflegenotstand?
In meinen Augen ist er sehr schlimm. Es wird die Grundpflege gemacht, du hast ja sonst keine Zeit, sondern hetzt von einem Patienten zum anderen. Die Bewohner möchten gerne reden, aber du musst sie abwimmeln. Das ist traurig. Denn für mich ist Altenpflege der schönste Beruf. Er ist vielseitig, man lernt ständig dazu. Natürlich gibt es auch Schwieriges, zum Beispiel das Wechseln der Inkontinenz-Windeln. Der Tod ist bedrückend, aber er gehört dazu. Ich denke, diese Menschen haben ihr Leben gelebt, die letzten Tage sollten wir ihnen so schön machen wie möglich. Sie hätten es verdient, dass man sich zu ihnen setzt und sich mit ihnen unterhält. Aber durch den Pflegenotstand ist es eine Katastrophe.



Was muss sich ändern?

Die Arbeitszeiten und die Personalknappheit. Auch die Bezahlung. Aber für mich spielt die keine Rolle, obwohl ich in der Ausbildung nur 1100 Euro brutto verdiene. Für mich wäre es wichtiger, mehr Zeit für die Patienten zu haben.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Nein, aber davor, dass ich selbst ins Heim muss – falls sich bis dahin nichts ändert. Meine Söhne werden nicht für mich da sein. Eine Alten-Wohngemeinschaft wäre vielleicht etwas. Die Gemeinde Arnschwang plant das. 2019 oder 2020 wird gebaut. Darauf freue ich mich. Eine Wohngemeinschaft ist vielleicht besser als alleine zu leben. Bei uns stehen so viele alte Gebäude im Dorfkern leer, die könnte man dafür nutzen.

Sie waren immer berufstätig. Wer kümmert sich um ihre Söhne Lukas (15) und Jakob (12)?

Meine Schwiegerleute und meine Mama haben viel aufgepasst. Mein Mann, ein Systemelektroniker, arbeitet Dauernachtschicht bei der Zollner AG und hat nachmittags Zeit. Ich musste nie die Hausaufgaben anschauen. Er sagt immer, er hat seine Kinder aufwachsen sehen.

Wer kocht?

Ich habe eine super Schwiegermama.

In Ihrer Familie halten die Generationen zusammen. Und im Dorf?

Der Zusammenhalt ist da. Jeder kennt jeden. Wenn ich Hilfe brauche, ist immer jemand da. Das ist das Schöne.

Das 1200 Jahre alte Arnschwang wurde als schönstes Oberpfälzer Dorf ausgezeichnet.

Mein Mann und ich möchten nirgendwo anders leben. Wir haben Freunde und die ganze Verwandtschaft hier. Das Dorfleben finden wir wunderbar.

Es gehört zum Bayerischen Wald.

Der hat schöne Fleckerl. Wir brauchen nicht zu verreisen, sondern nur vor die Tür gehen. Wir können am Osser und Arber wandern, in Bodenmais das Silberbergwerk und die Glasbläsereien besichtigen.

Man muss für jede Erledigung ins Auto steigen.

Aber schauen Sie nach Furth im Wald. Ist in der Stadt irgendwo ein Supermarkt? Das liegt alles außerhalb. Meine Kinder nehmen den Zug zum Chamer Gymnasium. Lukas macht den Mopedführerschein, weil er eine Ausbildung zum Technischen Produktdesigner bei Maschinenbau Rädlinger in Windischbergerdorf anfängt.

2017 erstach ein Flüchtling, der eine elektronische Fußfessel trug, in der Arnschwanger Asylunterkunft einen Fünfjährigen.

Jetzt war der Jahrtag, der Kindergarten hat des Jungen gedacht. Die Mutter lebt nicht mehr hier. In das alte Hotel am Waldrand, wo der Täter untergebracht war, kommen keine Einzelpersonen mehr. Dort wohnt eine irakische Familie.

Weitere Interviews lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht