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Visionen

Das Mittelmeer ablassen, Afrika fluten

Der Regensburger Architekt Hermann Sörgel wollte Europa und Afrikazu einem neuen Kontinent „Atlantropa“ vereinen.
Von Thomas Dietz, MZ

Regensburg/München. Es wäre das monumentalste Bauprojekt des 20. Jahrhunderts geworden – mit Folgen von unvorstellbarem Ausmaß. Der in Regensburg geborene Geopolitiker, Architekt und Kulturphilosoph Hermann Sörgel (1885-1952) arbeitete mehr als 25 Jahre seines Lebens an Plänen, die Straße von Gibraltar mit einem gigantischen Staudamm zu verschließen und den Wasserspiegel des Mittelmeeres um 100 Meter abzusenken. Dadurch wären mindestens 575000 Quadratkilometer neuen fruchtbaren Landes entstanden – mehr als die Fläche von Frankreich plus Belgien.

Europa und Afrika würden so zu einem neuen Kontinent, den er „Atlantropa“ nannte, zusammenwachsen. Später dachte Sörgel auch daran, in ganz großem Stil Meerwasser in die Sahara zu leiten – das riesige, künstliche Binnenmeere bilden und „die Wüste fruchtbar machen“ würde. Das gesamte Kongobecken sollte sich in einen Stausee von 900000 Quadratkilometer verwandeln. Auch der Tschad und die heutigen Staaten Sambia und Simbabwe wären untergegangen. Afrikas einheimische Bevölkerung kam in diesen Phantasien erst gar nicht vor.

Flutungsdauer: etwa 120 Jahre

So abstrus und utopisch uns diese Ideen heute vorkommen – Sörgel hatte seinerzeit viele Anhänger und war der erklärte Liebling vieler Journalisten, die in ihm eine Art Fortschritts-Propheten sahen, der mal eben einen neuen Kontinent erfindet. Sein Buch „Mittelmeer-Senkung“ von 1929 wurde in der Öffentlichkeit heiß diskutiert und begeisterte prominente Architekten wie Peter Behrens, Erich Mendelsohn, Fritz Höger oder Hans Poelzig.

Die Idee, mit einem gigantischen Gibraltar-Wasserkraftwerk ganz Europa mit Strom zu versorgen, erschien verlockend. Sörgel gründete sein eigenes Atlantropa-Institut, ließ Machbarkeits-Gutachten erstellen, Filme drehen, Pläne, Bilder und Skizzen zeichnen. Mächtige Firmen wie Hochtief, Krupp, Mannesmann, RWE und Stinnes förderten ihn. Man sagt, Sörgel habe ein gewisses Talent besessen, Menschen von seinen Ideen zu begeistern.

Herman Sörgel wurde am 2. April 1885 in Regensburg geboren und studierte ab 1904 an der Münchner TU Architektur. Zunächst veröffentlichte der elegante junge Mann, der gern ein Monokel trug und Chefredakteur seiner eigenen Zeitschrift „Baukunst“ war, Schriften über Wohnhäuser und Baugeschichte. Bald machte er sich in der Schwabinger Künstler- und Intellektuellenszene als Visionär einen Namen. Schon sein Vater Hans Sörgel war ein Pionier der Wasserkraft, der als Leiter der bayerischen Baubehörde die Flussläufe von Inn und Salzach korrigierte und 1905 federführend das Walchenseekraftwerk plante – es ist bis heute das größte Hochdruckspeicherkraftwerk in Deutschland.

Ab 1928 stellte Sörgel sein Leben in den Dienst einer Idee: Atlantropa. Sörgel meinte, dass sich in Zukunft drei Wirtschafts-Machtblöcke herausbilden würden: Amerika, Europa und Asien. Afrika sei wegen seiner Rückständigkeit abgeschrieben und käme nur als Rohstofflieferant infrage – es sei denn, es vereinigte sich mit Europa!

Was die Holländer an der Nordsee mit ihrer Neulandgewinnung so erfolgreich vormachten, sollte nun durch die teilweise Trockenlegung des Mittelmeeres im großen Maßstab wiederholt werden: Es würde ein völlig neuer Kontinent entstehen, den man u.a. durchgängig von Berlin via Rom nach Kapstadt mit der Eisenbahn bereisen könne.

Sörgel traf den Nerv seiner Zeit. Er bediente in vollkommener Weise die Hoffnungen der vom Ersten Weltkrieg traumatisierten europäischen Völker auf „Frieden und Brot“ für Generationen. Atlantropa bedeutete ein gigantisches gemeinsames Aufbauwerk. Für den Gibraltar-Staudamm rechnete man mit zehn Jahren Bauzeit und Arbeit für 200000 Menschen – allein die Verfüllung mit Steinen hätte das Volumen von 3600 Cheops-Pyramiden gehabt. Neue Hafenstädte müssten errichtet werden – nach erfolgter Absenkung hätte Marseille 30 km hinter der jetzigen Küste gelegen. So wurden neue Städte – „Port-du-Rhône“ und „Neu-Genua“ – geplant.

Auf der einen Seite sollte das Atlantropa-Projekt einen Zweiten Weltkrieg unmöglich machen, weil alle Völker zusammen ihren Kontinent umbauen, andererseits sollte Afrika komplett kolonisiert und einverleibt werden. Mit der Flutung von Sahara und Kongobecken, die etwa 120 Jahre dauern sollte, gedachte man fruchtbare Flächen und Wohlstand zu erzielen. Sörgel biederte sich mit seinen Atlantropa-Plänen auch bei den zeitweise ganz Europa beherrschenden Nazis an – mit wenig Erfolg. Hitler wollte zunächst Lebensraum im Osten erobern und vielleicht später auf die Sache zurückkommen. Außerdem war Sörgel Pazifist, kein Parteimitglied, und eine arische Führungsrolle war im künftigen Atlantropa auch nicht vorgesehen. So erhielt Sörgel sogar noch Publikationsverbot im Dritten Reich.

„Das Projekt ist überholt“

Nach 1945 warb Herman Sörgel unermüdlich weiter für seine Ideen. 1948 bis 1950 erschienen allein 183 Presseartikel über Atlantropa. Am 4. Dezember 1952 wurde Sörgel in der Münchner Prinzregentenstraße von einem Auto getötet, der Fahrer nie ermittelt. 1957 fand in den Räumen der Handwerkskammer München die letzte Atlantropa-Konferenz statt. Ihr Ergebnis: „Das Atlantropa-Projekt ist überholt.“ Damit endete die größte technische Utopie des 20. Jahrhunderts.

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