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Studentenbünde

Burschenschaften und das rechte Zwielicht

Während beim Burschentag in Eisenach der rechte Rand mit dem „Ariernachweis“ provoziert, gehen Verbindungen wie Suevia zu Regensburg auf Distanz.
Von Pascal Durain, Christine Strasser, MZ, und unseren Agentur-Korrespondenten

Jakob Kerler ist Jura-Student, Burschenschafter und Antifaschist: Er wirbt für Toleranz und fordert auch andere Verbindungen zu mehr Transparenz auf. Foto: Durain

Regensburg/Eisenach. Jakob Kerler sieht aus wie das Abziehbild eines Burschenschafters: Adrette Frisur, den Kragen des Poloshirts nach oben gestellt, Seglerschuhe, Markenklamotten. Die guten Manieren sieht man ihm förmlich an. Nur das Band, neben der klassischen Studentenmütze Markenzeichen von studentischen Verbindungen, fehlt. Ob er nun aussieht wie ein Burschenschafter, ein Jura- oder BWL-Student ist ihm egal, sagt er. Kerler ist 22 Jahre alt, studiert tatsächlich Rechtswissenschaft im vierten Semester – und er ist Sprecher der ältesten Studentenverbindung Regensburgs, der Alten Brünner Burschenschaft Suevia zu Regensburg, der Sätze sagt wie: „Ich bin expliziter Antifaschist.“ Wenn er in keiner Verbindung wäre, wäre er jetzt wahrscheinlich nur einer dieser „schnöseligen Jurastudenten“, die nur untereinander abhängen.

Kerler ist jemand, der oft mit dem Klischee konfrontiert wird, dass Burschenschaften nichts weiter als ein elitärer Kreis von saufenden Männern seien, die mit Nazi-Parolen nur so um sich werfen würden. Dabei würden die Mitglieder längst aus allen Studienfächern und politischen Lagern stammen. Zwar werde Tradition immer noch sehr groß bei der Suevia geschrieben – auf der Homepage wird man außerdem mit schwarz-rot-goldener Flagge und den Worten Ehre, Freiheit, Vaterland begrüßt –, aber da müsse man einen differenzierteren Blick drauf werfen. Ehre, das stehe jetzt mehr für „Anstand, gutes Benehmen“; Vaterland für die „Liebe zur Heimat, zur Region“ – und „Freiheit“ stünde für die Freiheit jedes Menschen, Presse- und Meinungsfreiheit. „Aber die hört für uns bei rassistischen Parolen auf.“ Frauen könnten zwar nicht Mitglied bei der Suevia werden, allerdings habe sich im Haus die „Akademische Damenverbindung Aurelia“ gegründet, die allen Frauen offen stehe. Dennoch musste sich Kerler gerade in den vergangen Tagen wieder viele Vorwürfe anhören. Denn im thüringischen Eisenach findet gerade der Burschentag statt, ausgerichtet von einem der größten Dachverbände studentischer Verbindungen, der Deutschen Burschenschaft (DB). Und die sorgt gerade für viele Schlagzeilen, weil innerhalb der Organisation heftig über die Aufnahmekriterien von Studentenverbindungen gestritten wird. In der DB werde nach wie vor diskutiert, wer ein „deutscher Student“ sei, sagte der amtierende Sprecher Burkhard Mötz am Donnerstag in Eisenach. Eine Kommission habe einen Antrag vorgelegt, der sich bei der Definition des Deutschseins eng an das Bundesvertriebenengesetz anlehne. Kritiker werfen den Verbindungen jedoch einen Rechtsruck vor.

Kritik am „Ariernachweis“

Laut einem Bericht von „Spiegel Online“ wurde ein Antrag auf dem Burschentag gestellt, der Verbindungen vorschreiben sollte, künftige Bewerber nicht mehr nur nach „deutscher“ und „nicht-deutscher“ Herkunft zu unterscheiden, – sondern zwischen „deutscher“, „abendländisch-europäischer“ und „nicht-abendländisch-europäischer“ Abstammung. Für Kritiker sind diese Kriterien nichts weiter als ein „Ariernachweis“. Erst am Freitagnachmittag und nach öffentlichem Druck erklärten die DB-Sprecher, dass der Antrag zurückgezogen worden sei.

Der SPD-Europaabgeordnete Ismail Ertug vertrat dazu schon im Vorfeld auf seiner Facebook-Seite einen klaren Standpunkt. „Mal sehen, was die Zukunft bringt, aber erfreulich ist das ganze absolut nicht!“, schrieb er über den Link zum Spiegel-Artikel. Zur MZ sagte er, dass er zwar Verständnis dafür habe, dass junge Leute ein Netzwerk bilden, es aber dann problematisch wird, wenn man einen Nachweis über seine Herkunft erbringen soll. „Gerade wenn das die Leute sind, die später unsere Elite sein sollen.“ Dennoch hätten es revisionistische Gruppierungen nicht verhindert, „dass wir in den vergangenen 25 Jahren ein offeneres Land geworden sind“.

Dem gebürtigen Regensburger Jakob Kerler und seiner Verbindung Suevia ist inzwischen egal, dass die DB von ihren Plänen abgerückt ist. Sie habe sich bereits vorher nicht deutlich genug gegen rechtsradikale Strömungen in der Organisation eingesetzt. Der Austritt aus der DB sei daher schon vor Wochen entschieden worden. Das geht ebenfalls aus einem Brief der Regensburger Verbindung hervor, der der MZ vorliegt. Kerler: „Wir hätten das eigentlich schon viel früher tun sollen.“ Schließlich verstehe sich die Suevia als liberaler Bund – die Herkunft eines Studenten spiele für die Aufnahme überhaupt keine Rolle. Und jemand, der in ihr Verbindungshaus in der Heimbergstraße komme und mir rechtsextremen Aussagen auffalle, werde umgehend des Hauses verwiesen. Kerler wirbt stattdessen für Toleranz und Transparenz; dazu fordert er auch andere Verbindungen auf, sich der Öffentlichkeit zu stellen, damit diese Klischees verschwinden.

Das sieht auch ein Mitglied der Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg so, der seinen Namen aber nicht veröffentlicht sehen will. „Hautfarbe und Nationalität spielen für uns keine Rolle.“ Diese Verbindung sei ohnehin nie in der DB gewesen, aber er sehe die Entwicklungen in diesem Verband mit Sorge. Wegen einiger weniger Ewiggestriger werde eine hohe Zahl von völlig unbescholtenen Bundesbrüdern in Misskredit gebracht. Außerdem sei seine Burschenschaft im „Cartell Christlicher Burschenschaften“ – und mit diesem Bekenntnis gebe es ohnehin keinen Platz für Extremismus.

Im Visier der Staatsschützer

Einen der in der DB verbliebenen Bünde listet der bayerische Verfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht im Abschnitt „Sonstige rechtsextremistische Organisationen“: die Aktivitas der Münchner Burschenschaft Danubia, die etwa zehn Mitglieder haben soll. Die Verfassungsschützer notieren, dass Mitglieder „Beziehungen zur rechtsextremistischen Szene unterhalten oder in der Vergangenheit unterhalten haben“. Der Sprecher des Landesamtes für Verfassungsschutz Markus Schäfert sagt, dass sich bei der Aktivitas der Danubia die Erkenntnisse zu Bezügen in die rechtsextreme Szene verdichtet haben, so dass 2001 mit der Beobachtung, die bis heute anhält, begonnen wurde.

Im Jahr 2006 lud die Danubia zur „Kleinen Deutschen Kunstausstellung“ ins Burschenschaftshaus. Der Titel erinnert an die „Große Deutsche Kunstausstellung“, die 1937 von Adolf Hitler eröffnet wurde und bis 1944 jährlich in München stattfand. In der Ausstellung der Danubia waren unter anderem Werke von Künstlern zu sehen, die von Adolf Hitler verehrt wurden. Schäfert zufolge steht deshalb zumindest die Frage im Raum, ob jenseits des Bezugs zur Kunst der Nationalsozialismus auch politisch für vorbildlich gehalten wird.

Burschenschaften, denen eine Verbindung zum rechten Rand nachgesagt wird, gab es auch in Regensburg, bestätigt Jakob Kerler. Doch das sei schon lange vor seiner Zeit gewesen. Die „Teutonia Prag zu Regensburg“ siedelte im Jahr 2009 nach Würzburg um, sei aber sehr bekannt gewesen. Die Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg, so erklärt der befragte Bundesbruder, habe zu dieser Truppe ein einseitiges Kontaktverbot ausgesprochen. Auch Thomas Witzgall von „Endstation Rechts“ bestätigte der MZ, dass hier unter anderem der Neonazi-Liedermacher Michael Müller oder Markus Wiener, der sich heute für die umstrittene „Bürgerbewegung“ Pro Köln engagiert, Mitglieder dieser Verbindung waren. Ansonsten sei es in den vergangenen Jahren ruhig geworden um die Burschenschaftsszene.

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