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Das Gruserl ist so gruserlgelb

Dialektwissen über Farben, Grammatik, Ähnlichkeiten mit dem Englischen: Leser fragen – der MZ-Dialektforscher Zehentner antwortet.

Hühnerkücken nennt man Singerl oder Gruserl. Daher kommt auch der Begriff „gruserlgelb“.Foto: dpa

Woher kommt „stockmauernfinster“?

Das Wortbildungselement „stock-“ ist ein Präfixoid, das der inhaltlichen Verstärkung dient. Es lässt sich nicht einheitlich erklären. Teilweise liegen Vergleiche zugrunde: „stocksteif“ = steif wie ein Stock; „stocktaub“ = so taub wie ein Stück Holz; „stockfinster, stocknacht“ = so dunkel wie in einem Heustock; „stocknàrrisch“ = so verrückt wie ein Verurteilter, der im Zuge früherer Strafpraxis in den Stock gelegt wurde. Verallgemeinernd kann man feststellen: „stock-“ steht im Sinne von ‚hochgradig, durch und durch‘: „stockbesoffen, stocknüchtern, stockdàmisch, stockdumm, stocksauer, stockverliebt“ usw. Anstelle von „erz-“ findet man es in „stockkonservativ, stockkatholisch“ usw. Eindringlicher als „finster“ allein wirkt „stockfinster“, weiter gesteigert zu „stockmauernfinster“. Dabei zeigt sich der Hang zur Bildung dreigliedriger Eigenschaftswörter, wie sie z. B. vorliegen mit „fuchsteufelswild, himmelhochjauchzend, mutterseelenallein, sternhagelbesoffen, mucksmäuschenstill, auf Bairisch „mucksmäuserlstàd“.

Die Frage stellte Elisabeth-Bettina Hurt

„Gruserl-“ als Steigerung bei Farbbezeichnungen

Bei der Bezeichnung von Farbtönen kann ein Vergleich mit herangezogen werden, z. B. „schneeweiß, grasgrün, pechschwarz“ (weiß wie Schnee, grün wie Gras, schwarz wie Pech). Gleiches liegt vor bei „gackerlgelb“. Gelb wie ein „(Ei-) Gackerl“ bezieht sich wohl auf den Eidotter. Ebenso kann bei „gruserlgelb“ ein Vergleich drinstecken, wenn „gelb wie Gruserl“ gemeint ist. „Gruserl“ sind Hühnerkücken, „Singerl“. Im Schwäbischen heißt eine junge Gans „Grusel“. Allerdings scheint sich „gruserl-, grusel-“ verselbstständigt zu haben als verstärkendes Erstglied von Adjektiven, so dass auch „gruserlschwarz“ vorkommt. Ein Zusammenhang mit gelbem Junggeflügel ist hier sicher nicht gegeben. Wahrscheinlich spielt „gruseln, gruselig“ mit herein, eventuell auch „Grus“ (Kohlenstaub).

Die Frage stellte Klaus Rötzer aus Regensburg

Warum heißen Gummistiefel Zischbm?

In bestimmten Regionen Altbayerns, vor allem in Ostbayern, kennt man das Wort „Zispen“ (ausgesprochen „Zischbm“ oder „Tschischbm“) für ‚Stiefel mit langem Schaft‘, speziell ‚Gummistiefel‘. Vielleicht handelt es sich um eine Entlehnung aus dem Ungarischen. In Schmellers Wörterbuch (Band II, Spalte 1158) findet sich der Eintrag: „Zischmen, (ungar.) Halbstiefeln, die im Schaft zwei Nähte haben“. Es könnte aber auch zusammenhängen mit dem dort erwähnten veralteten bairischen Verb „zispen, zaspen“ mit der Bedeutung ‚mit den Füßen schleifen‘.

Die Frage stellte Renate Wittmann aus Obertraubling

Es geead – gàng – gàngad –

dàd geh

Der Konjunktiv I (Präsens) spielt auch in der heute gebräuchlichen Standardsprache kaum mehr eine Rolle. Im Bairischen ist er als lebendige Form gänzlich verschwunden und hat sich nur resthaft erhalten in formelhaften Wendungen wie „Gottseidank, Helf dir Gott, Vergelt’s Gott, Segn’s Gott“ sowie in den Grußformeln „Griaß (di) / Griaß God, / Pfiat (di) / Pfia God“ (Gott segne, behüte dich). Ganz anders steht es um den Konjunktiv II, der aus dem Präteritum abgeleitet ist, aber keine Vergangenheit bezeichnet, sondern auftritt als Irrealis, Konditionalis, als Konjunktiv des Wunsches (Optativ), der Möglichkeit (Potentialis), der Wahrscheinlichkeit, der Hypothese, des Zweifels, der Unsicherheit, der Ablehnung, des erreichten Resultats, der Bescheidenheit, der höflichen Bitte usw. Den vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten entspricht der Formenreichtum des Bairischen. Zu (fast) jedem Verb kann eine unverwechselbare Konjunktiv-II-Form gebildet werden mittels der Endung „-ad“, die entweder an den Präsens- oder an den Präteritum-Stamm tritt: „er machad, essad, geead, gewad“ bzw. „gàngad, gàwad“ (würde machen, essen, gehen, geben). Gerade bei schwachen Verben erweist sich dies als sehr bequem und übertrifft eindeutig die Standardsprache. In dem hochdeutschen Satz „Es machte uns nichts aus“ kann die Form „machte“ entweder Vergangenheit oder Konjunktiv sein. Letzteres ist im Bairischen eindeutig: „Es machad uns nix aus“ (würde uns nichts ausmachen). Bei einer schrumpfenden Zahl von starken Verben existiert noch die endungslose Variante, die sich durch Ablaut und Umlaut auszeichnet: „er ààß, gààb, fànt, des gàng“ (er äße, gäbe, fände, das ginge). Anstelle der standarddeutschen Umschreibung des Konjunktivs II mit „würde“ setzt das Bairische ausnahmslos „täte“, ausgesprochen „dàd“, z. B. „Dàdst mir du helfn? Des dàd scho geh.“ Auf diese Weise verfügt das Bairische bei manchen Verben über vier Varianten des Konjunktivs: „er kàm – kàmad – kemmad – dàd kemma“ gegenüber nur zweien in der Hochsprache: „er käme – würde kommen“.

Regina Lohde stellte diese Frage

Warum wird aus Garten Gartne oder aus machen machne?

Das „Nachklappen“ einer Endung „-na“ bei Wortformen auf „-(e)n“ ist weit verbreitet, anscheinend vor allem in Regionen nördlich der Donau. Ein Lehrer fragt den anderen: „Hast deine Notna scho eidrong in de Listna?“ (statt „Notn, Listn“). Man hört „Gartna, hintna“ für ‚Garten, hinten‘. Silbisches „-na“ statt einfachem „-n“ zu sprechen, scheint dem Bedürfnis nachzukommen, die schriftsprachliche Silbenzahl zu erhalten.

Zur Mundart bestehen gewisse Parallelen, wenn z. B. statt der Mehrzahlformen „Wiesn, Fraun, Buam“ basisdialektal die Erweiterungen „Wiesna, Frauna, Buama“ auftreten; hier handelt es sich um ‚gedoppelte Pluralendungen‘ (tiefenstrukturell „Wiesenen, Frauenen, Bubenen“).

Diese Frage schickte Ulrich Autenrieth

Wie verwandt ist das Bairische mit dem Englischen?

Die Schreibung von englischen Wörtern wie „sun, drum, trumpet“ usw. deckt sich mit den bairischen Dialektformen „Sunn, Drumml, Drumpättn“. Das ist kein Zufall, sondern verweist auf die Sprachgeschichte. Sowohl Deutsch als auch Englisch sind (west-) germanische Sprachen (vgl. „Kuh, Ochse, Henne, Haus, hören, leben, rot“ – „cow, ox, hen, house, hear, live, red“). Das Altenglische hat sich aus den (niederdeutschen) Dialekten der auf die Britischen Inseln ausgewanderten Angeln und Sachsen entwickelt. Ab 1066 brachten die Normannen (aus der Normandie) das Französische mit, und so entstand das Mittel- und Neuenglische als Mischung aus germanischen und romanischen Elementen.

Der Vokal „u“ ist historisch. Im Englischen bewahrt ihn die Schreibung, während sich die Aussprache verändert hat (great vowel shift). Im älteren Deutsch hieß es „sunne, trummel, trumpete“. Speziell vor „m, n“ senkten die mitteldeutschen Dialekte altes „u“ zu „o“ und „ü“ zu „ö“. Und da sich unsere neuhochdeutsche Schriftsprache großenteils am Ostmitteldeutschen orientiert, heißt es heute „Sonne, Sohn, Trommel, Trompete, versöhnen, gönnen“ (aus „versühnen, gunnen“; vgl. „Sühne, Gunst“). Der bairische Dialekt hingegen hat den alten Vokalismus bewahrt: „Sunn(a), Suh (veraltet), (va-) guna“. Die Formen „a“ und „an“ für den unbestimmten Artikel kennt sowohl das Englische (dort obligatorisch „an“) als auch das Bairische.

Gefragt hat Andreas Brandl aus Abensberg

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