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Naturdenkmäler

Das Zuhause der Steinzeit-Familie

Als 1930 ein Salesianerpater an der Steinbergwand bei Ensdorf den Spaten ansetzte, stieß er auf Fundstücke, die über 12.000 Jahre zurückdatiert wurden.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Hier, unter diesem Felsvorsprung im Vilstal, lebten einst Steinzeitmenschen.Foto: Gabi Schönberger

Ensdorf.Nasskalt kriecht die Feuchtigkeit der Wiese am Hang 15 Meter über der Vils in ihre Gummistiefel: Isabel Lautenschlager hat an diesem neblig-trüben Tag wieder einmal allen Grund hier, unterhalb des großen Felsüberhangs aus Dolomit, gehörig zu staunen. Wie konnten sich die Menschen vor 12.000 Jahren hier überhaupt warm halten? Wie war ihr Leben, unter diesem Dach aus Kalksteinfels, nur geschützt durch Äste und Zweige, die sie mit lianenartigen Pflanzen zusammengeflochten hatten? Wie konnten diese Menschen, die keine Neandertaler mehr waren, sondern schon Homo sapiens, ohne Getreide, ohne Metalle, ohne das Rad auskommen? So viele Male hat Isabel Lautenschlager versucht, sich dieses Szenario vorzustellen, so viele Male war sie fasziniert von einem Vilstal ohne Verkehrslärm, in dem sich rings um die Steinbergwand ein lichter Wald erstreckte und hier ein Lagerplatz für ungefähr 20 Menschen ein Zuhause auf Zeit bedeutete.

Besiedelung in vier Zeiträumen

Im Jahr 1930 ist Salesianerpater Dr. Pils vom örtlichen Kloster bei Grabungen an dieser Stelle auf eine kleine Sensation gestoßen: Seine Novizen und er förderten Werkzeuge aus Feuerstein und Tierknochen zutage. Sie fanden Überreste von Auerochs, Elch, Wildschwein, Dachs, Fledermaus und Maulwurf. Damit war klar: Der Felsvorsprung wurde einst als provisorischer Unterstand genutzt. Durch Grabungen in verschiedenen Schichten konnte eine Besiedelung in vier unterschiedlichen Zeiträumen festgestellt werden – die älteste aus der Nacheiszeit vor etwa 12000 Jahren, die jüngste aus der Hallstattzeit, die bis 750 vor Christus zurückreicht. „Die Hauptfunde sind aber aus der Mittelsteinzeit“, erklärt Isabel Lautenschlager, die sich im Heimat- und Kulturverein Ensdorf intensiv mit der Steinbergwand auseinandergesetzt hat und Führungen zu diesem Naturdenkmal anbietet. Dem Verein ist es zu verdanken, dass die Steinbergwand seit zweieinhalb Jahren beschildert ist und die vorbeiziehenden Wanderer und Radler informiert. So können sie hier lesen, dass die Menschen in der Mittelsteinzeit – circa 7500 vor Christus – als Jäger und Sammler lebten. Die erjagten Tiere zerlegten sie mit Werkzeugen, deren Speerspitzen aus Silicium hergestellt waren. Auch Fische standen auf ihrem Speisezettel; diese fingen sie mit Harpunen aus der Vils. Die Technik der Werkzeuge hatte sich im Vergleich zur Nacheiszeit merklich verfeinert: Salesianerpater Pils fand winzig kleine Bohrer, Messerspitzen, Kratzer und Nadeln. Während die Männer der Jagd nachgingen, sammelten die Frauen Beeren, Früchte, Kräuter, Vogeleier und Nüsse. Bekleidet waren die Menschen mit Fellen und Lederstücken.

Ob sie sich schon Haustiere hielten? „Nutztiere jedenfalls nicht“, sagt Isabel Lautenschlager. Wie das Leben auf dem nur etwa fünf Quadratmeter großen Unterstand funktionierte, weiß heute niemand mehr zu sagen. „Näher am Felsen, geschützt durch den Vorhang aus Ästen und Zweigen, lagerten sie im Winter. Deshalb heißt diese Stelle der Winterherd“, erklärt Isabel Lautenschlager. Belegt ist das durch eine aufgefundene Feuerstelle und Sitzgelegenheiten. Im Sommer hingegen war der Lagerplatz nicht direkt unter dem Felsvorsprung, sondern einige Meter davor. So hatten die Menschen mehr Platz, und der Rauch ihrer Feuerstelle konnte ungehindert abziehen.

Mehr als 2000 Fundstücke gruben die Salesianer unter fachkundiger Hilfe des Ansbacher Heimatforschers Karl Gumpert noch im Jahr der Entdeckung 1930 aus. Zunächst richteten sie eine eigene Sammlung im Kloster ein. Doch schon bald konnten sie sie nicht mehr betreuen und so sind die Fundstücke heute in alle Welt verstreut; wenige Fundstücke sind an der neuen Info-Tafel hinter Glas zu besichtigen, einige Dinge sind noch in der prähistorischen Staatssammlung in München ausgestellt.

Jagdgeräte aus Stein und Knochen

Der Erdhügel direkt neben der Felswand zeugt noch von der Grabung. Und eine hölzerne Tafel, die die Salesianer nach ihrer Entdeckung anbringen ließen: „Hier lebte einst vor altersgrauer Zeit der Mensch. Das Felsdach bot ihm Schutz und Schirm, des Urwalds Tierwelt Biber, Bär und Ur bereitet er nach harter Jagd zum Mahle. Des Urwalds Früchte, Beeren, Kräuter - sie dienten ihm zum Stillen ihres Hungers. Aus Stein und Knochen ward sein Jagdgeräte, mit ihm bestand er kühn den Kampf ums Dasein. Die Geisteskraft, die Gott ihm hat verliehen, führt sieghaft ihn empor zum Herrn der Welt!“

Die pathetische Inschrift verrät nicht wirklich etwas über das Leben der Steinzeitmenschen an der Vils. Wenn Isabel Lautenschlager hier mit einer Schulklasse steht, dann sagen die Kinder oft, dass sie am liebsten Spaghetti mit Tomatensoße oder Kartoffelbrei essen. Dass die Menschen vor 7500 Jahren noch keine Pflanzen kultivierten, dass sie noch keine Kartoffeln kannten, das können sich die Schüler oftmals überhaupt nicht vorstellen. „Aber ein Spiegelei hätten sie schon braten können“, sagt Isabel Lautenschlager. Ob sie das taten – niemand weiß das. Deshalb bleibt die Steinbergwand ein Ort, an dem man seine Phantasie einschalten muss. „Für mich ist es spannend, mir vorzustellen, wie die Menschen damals überleben konnten“, sagt Isabel Lautenschlager. Damit die Vorstellung etwas greifbarer wird, hat ein Künstler aus Ensdorf eine Steinzeitfamilie auf Glas gebannt. Schaut man durch das Glas hindurch, kann man die Familie quasi am historischen Lagerplatz vor der Steinbergwand sehen – ein Hauch von Familie Feuerstein weht dann über den Hang an der Vils, fast hört man das abgebildete Lagerfeuer prasseln und knistern. Die Steinzeit scheint plötzlich nicht mehr ganz so fern zu sein, an diesem grau-nassen Spätherbsttag an der Steinbergwand in Ensdorf.

Allgemeine Infos:

- Naturdenkmal seit 1939

- Felsgruppe mit Spalthöhle und vorgeschichtliche Fundstelle

- Größe: 120 Quadratmeter

- Lage: Am rechten Vilshang, ca. 300 Meter nordwestlich des ehemaligen Bahnhofs Ensdorf

- Die Steinbergwand gehört zu einem der jüngsten Naturparks Bayerns, dem Naturpark Hirschwald. Ihre Beschilderung im Jahr 2010 war das erste Infoschild für den Naturpark überhaupt. Unterstützt wird das Projekt Steinbergwand zusätzlich vom Umweltministerium und der Gemeinde Ensdorf.

www.ensdorf.de/tourismus

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