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Der Beschützer von Weidlwang

Auf einem Dolomitfelsen steht seit mehr als 350 Jahren ein Soldat mit Kanonenrohr und bayerischer Fahne. Ein einmaliges Denkmal in der Oberpfalz.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Etwa alle 40 Jahre muss der hölzerne Soldat auf dem Felsen erneuert werden.Fotos: Gabi Schönberger

Weidlwang.Unbekümmert grasen Ziegen am Fuß des mächtigen Dolomitfelsens, der sich 40 Meter hoch über Weidlwang erhebt. Die Ruhe der 14 Häuser zählenden Ortschaft bei Auerbach wird heute nur ab und zu von einem vorbeibrausenden Zug gestört. Doch nicht immer war es hier, direkt an der Grenze zwischen Oberfranken und der Oberpfalz, so ruhig: Im Jahr 1635, während des Dreißigjährigen Krieges, versetzten die anrückenden Schweden das Dorf in Angst und Schrecken. Aber der Zufall wollte es, dass ein von einem Überfall verletzter bayerischer Soldat, der in Weidlwang zurückgeblieben war, ein Täuschungsmanöver parat hatte: Auf seinen Rat hin schleppten die Weidlwanger einen Pflug, ein hölzernes Rohr und eine Strohpuppe in bayerischer Uniform auf den markanten Felsen mitten im Ort hinauf. Die vermeintliche Geschützstellung ließ die Schweden vermuten, der Ort sei gut bewacht – deshalb griffen sie nicht an. Während auf der anderen Seite der Pegnitz bereits die Häuser brannten, blieb Weidlwang verschont. Zur Erinnerung an diese List thront bereits seit mehr als 350 Jahren eine Soldatenfigur mit Kanone und Fahne auf dem Felsen.

Alle 40 Jahre eine neue Figur

Bereits in zweiter Generation kümmert sich Alfred Hümmer mit um das hölzerne Denkmal. „Mein Vater war auch schon im Verein und so bin ich auch dazugekommen“, sagt er. Hümmer ist Vorsitzender des so genannten Kanoniervereins, der sich 1913, genau vor 100 Jahren, gegründet hat. Nur „Burschen und Männer unbescholtenen Charakters“ durften damals Mitglied werden. Heute ist man froh, wenn überhaupt noch jemand Junges nachrückt. „Es wär halt schade, wenn keiner mehr da oben stünde“, sagt Alfred Hümmer und blickt an den Ziegen vorbei steil nach oben. Seit nunmehr fast elf Jahren steht die jetzige Figur aus Eichenholz an ihrem Platz. Sie ist gut drei Meter hoch und wiegt etwa eine Tonne. Mit einem privaten Hubschrauber und unter kräftiger Mithilfe der Bergwacht aus Pottenstein haben die Weidlwanger 2002 diese neue Soldatenfigur auf ihren Felsen gehievt. Die vorherige Figur war durch Wind und Wetter stark beschädigt worden und musste abmontiert werden. Genau 41 Jahre lang hatte sie gehalten.

Alfred Hümmer erinnert sich noch genau daran, als die Vorgänger-Figur 1961 mit einem Hubschrauber der Bundeswehr auf den Felsen hinaufgeflogen worden war. „Das war halt für uns Jungen damals etwas Besonderes“, sagt er. Und um ein Haar wäre damals bei der waghalsigen Montage der Schmied aus Nasnitz abgestürzt. Ganz so dramatisch ging es 2002 nicht zu. Doch feierlich auf jeden Fall: Ein großes Fest wurde zu Ehren des neuen hölzernen Bewachers von Weidlwang gefeiert.

Heuer wird es auch ein Fest geben. Im Sommer begeht der Kanonierverein sein 100-jähriges Bestehen. Alfred Hümmer blickt mit Freude, aber auch mit einer großen Portion Sorge auf das Jubiläum. „Die Jungen haben anscheinend Angst vor der Vereinsarbeit; die denken, dass da eine Menge auf sie zukommt“, sagt Alfred Hümmer. Aus seiner Erfahrung heraus kann er jedoch sagen, dass es immer irgendwie klappt, wenn nur alle zusammenhalten. Alle – das sind momentan noch etwa 50 Vereinsmitglieder. Sie organisieren es, wenn der Soldat auf dem Kanonierfelsen einen neuen Anstrich braucht, sie legen die Felsen frei, wenn Gestrüpp droht, ihn zu überwuchern. Und sie kontrollieren den Zustand des Denkmals, das bisher alle 30 bis 40 Jahre ausgetauscht werden musste.

Abgeschreckt wird der potentielle Vereinsnachwuchs auch von den immer zahlreicheren Vorschriften, vermutet Hümmer. Wurden alte Figuren noch standesgemäß am Fuß des Berges begraben, so ist das heutzutage verboten: Der Lack der Figuren darf nicht ins Grundwasser gelangen. Und rodet man den Felsen, dann darf man die Holzabfälle einerseits nicht einfach jederzeit verbrennen, andererseits darf man sie auch nicht einfach herumliegen lassen. Als weiteren Grund, warum es so schwer ist, Nachwuchs für den Kanonierverein zu finden, liegt nach Meinung Hümmers darin, dass die kirchlichen Feste, bei denen der Verein stets teilnimmt, teilweise mit Gottesdiensten oder Feiern um acht Uhr in der früh verbunden seien. „Da machen die Jungen nicht mit“, sagt Hümmer.

Der Felsen als Abenteuerspielplatz

Ein weiteres Thema mag auch sein, dass die Kinder aus dem Ort heutzutage nicht mehr so viel draußen spielen, wie das in Hümmers Kindheit noch der Fall war. „Für uns war der Felsen ein Abenteuerspielplatz“, sagt Hümmer. Riskante Klettertouren unternahmen sie als Kinder an der steilen, kantigen Felswand. Immer den Kanonier im Auge, immer von ihm bewacht. Die Richtung, in die der Soldat schaut, hat sich übrigens im Lauf der Zeit auch geändert: Auf einem Stich aus dem Jahr 1835 des Nürnberger Stahl- und Kupferstechers Christian Leonhard Daumerlang blickt die damalige Figur genau in die entgegengesetzte Richtung der heutigen. Darüber, aus welcher Richtung die feindlichen Truppen 1635 anrückten, streiten sich die Geschichtsschreiber noch heute. Für die Bewohner von Weidlwang macht das kaum einen Unterschied. Hauptsache, die Soldatenfigur hat sie damals beschützt. Und deshalb wäre es doch „irgendwie schade“, wie Alfred Hümmer sagt, wenn sich niemand mehr fände, das Symbol des Dorfes weiter zu pflegen und zu bewahren. Aber vielleicht finden sich ja doch noch Beschützer für den bayerischen Kanonier auf dem Felsen von Weidlwang, den einstigen Beschützer des Dorfes.

Allgemeine Infos: Kanonierfelsen Weidlwang

- Naturdenkmal seit 1939

- Dolomitfelsen über der Ortschaft Weidlwang

- Maße: Länge 30 Meter, Höhe 40 Meter, Breite 30 Meter

- Lage: 420 Meter ü. NN

- Die Soldatenfigur auf dem hoch aufragenden Felshang geht auf eine Begebenheit aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Damals schaffte es ein Soldat durch ein Ablenkungsmanöver mit einer als Soldat verkleideten Strohpuppe, die heranrückenden Schweden von einem Angriff abzuhalten. Seit 100 Jahren kümmert sich der Kanonierverein um den Erhalt des in der Oberpfalz einmaligen Soldatendenkmals.

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