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Naturdenkmäler-Serie

Der Bistumspatron und seine Eiche

Die Wolfgangseiche in Neueglofsheim hat über die Jahrhunderte mehrere Brände überlebt. Für Gemeinde und Bistum ist sie ein besonderes Wahrzeichen.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Aus dem hohlen Stamm der Wolfgangseiche lugt Bürgermeister Alfons Kiendl hervor. Foto: Gabi Schönberger

Neueglofsheim.Auf dieses Motiv hat Alfons Kiendl sechs Jahrzehnte lang gewartet. Und so klettert Thalmassings erster Bürgermeister bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ohne Jacke und ohne Hut hinauf zum bekanntesten Passepartout des ganzen Landkreises: dem von Moos bekrönten Loch in geschätzt zwei bis drei Metern Höhe im hohlen Stamm der Wolfgangseiche. Schon als Kind ist der heute 63-Jährige hier herumgekraxelt, hat sich rittlings auf den quer vom Stamm weggehenden Ast gesetzt und nach Herzenslust darauf herumgeturnt. „Der Baum liegt mir persönlich schon sehr am Herzen“, sagt Alfons Kiendl. Die 1000-jährige Eiche im Ortsteil Neueglofsheim bei Schloss Haus ist ein Wahrzeichen seiner Gemeinde. Und mehr noch: Sie ist ein Symbol für das ganze Bistum Regensburg mit seinem Hauptpatron, dem Heiligen Wolfgang, der unter der Krone der Eiche vor 1000 Jahren gepredigt haben soll.

Legenden ranken sich um den Baum

Seit wann die Eiche deshalb „Wolfgangseiche“ genannt wird, ist nicht überliefert. Nur die Legende, die auf die Ursprünge des Baumveteranen hinweist, ist bekannt: Als Bischof von Regensburg schickte Wolfgang eines Tages einen Boten aus, um die Menschen zur Verkündung des Evangeliums zusammenzurufen. Der getreue Bote rief allerorts die Ankunft des Oberhirten aus. Nun stahlen ihm aber Diebe das Pferd. Der Weg zu Fuß war sehr beschwerlich und so fiel er ermattet in einen unruhigen Schlaf. Da weckte ihn das Wiehern eines Pferdes: Es war eine herrenlose feurige Schimmelstute mit prächtigem Saum- und Sattelzeug. Als er sich der Stute näherte, vernahm er eine Stimme, die ihn an seinen Auftrag erinnerte: „Nimm, reite Tag und Nacht und hole Christen und Heiden für Wolfgang zusammen!“ Der Bote tat wie ihm befohlen und konnte noch zur rechten Zeit eine große Volksmenge zum Hügel beim heutigen Schloss Haus bringen. Dorthin kam auch Wolfgang, um zu predigen und zu taufen. Zum Dank dafür pflanzte man ein Bäumchen, aus dem schon bald eine mächtige Eiche erwuchs.

Eine Eiche mit Schutzengel

Heute nimmt man an, dass der Baum nicht von Menschenhand gepflanzt wurde, sondern aus der Wildnis entsprungen ist. Dass er tatsächlich schon zu Lebzeiten des Heiligen Wolfgangs (924-994 n. Chr.) stand, ist umstritten. Fest steht, dass der Baum seit jeher einen besonderen Schutzengel hatte. In den ältesten vorhandenen Unterlagen aus dem Jahr 1878 ist von einem Innenbrand die Rede. Die Wolfgangseiche überlebte diesen genauso wie den Brand vom 31. Oktober 1909: Ausgerechnet am Namenstag des heiligen Wolfgang drang abermals Rauch aus dem Inneren des Baumes. Georg Ruckdäschel, damals Gendarm, meldete an das Königliche Bezirksamt: „Das Feuer wurde alsbald entdeckt und von den fürstlich von Thurn- und Taxis’schen Gärtnern und anderen Bewohnern von Neueglofsheim und durch das Eingreifen der zuverlässigen Feuerwehr von Thalmassing bald gelöscht.“

„Es war lange nicht klar, auf wessen Grund die Eiche eigentlich steht“, sagt Alfons Kiendl. „Man nahm lange an, dass sie zu Schloss Haus und damit zu Thurn und Taxis gehörte.“ Bis 1971 lebte auf Schloss Haus Erbprinz Franz Joseph von Thurn und Taxis, ein Großonkel des jetzigen Fürsten Albert, mit seiner Frau und fünf Kindern während der Sommermonate auf Schloss Haus. Im Jahr 2008 ging das Gut in Privatbesitz über, nachdem es 37 Jahre lang leer gestanden hatte.

Im Zuge dessen ergaben neue Vermessungen, dass die Wolfgangseiche doch auf Gemeindegebiet steht. Deshalb kümmern sich nun Gemeinde und örtlicher Obst- und Gartenbauverein (OGV) um das Naturdenkmal. Aufwändige Sanierungen wie im Jahr 1972 stehen derzeit aber nicht mehr an. Damals investierten Landkreis, Bezirkstag und Gemeinde 8000 D-Mark, um Aststümpfe und morsche Holzteile zu entfernen, die Krone auszuschneiden, Verschraubungen und Stahlseile zum Stützen anzubringen. Einige Seile sind inzwischen wieder abmontiert worden. Aus dem fast waagrecht verlaufenden Seitenast ragen kleine Rohre, die als Wasserabfluss dienen. Holzständer stützen den gewaltigen Ast ab, dicke Schrauben halten ihn zusammen.

Freilich ist das Überleben weiterhin dem Schicksal unterstellt. Sollte die uralte Eiche irgendwann doch das Zeitliche segnen, hat man bereits vorgesorgt: Einige Meter abseits des knorrigen Stammes wächst bescheiden ein von junges Eichenbäumchen – der Nachfolger wurde im Zuge der Wanderwege-Ausschilderung vor einigen Jahren gepflanzt. Dass die Wolfgangseiche noch lange weiterleben wird, davon ist Alfons Kiendl überzeugt. Die Eiche ist von Leben erfüllt: Eine Eule hat sich in ihr häuslich niedergelassen, jedes Jahr treibt der Baum aufs Neue wunderbar aus. Einmal im Jahr richtet der OGV einen Gottesdienst unter der Krone der Wolfgangseiche aus, der sehr gut angenommen wird.

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