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Der „Chef“ ist das Maß aller Dinge

Erst lehrte sie Astrophysik, dann ging sie ins Kloster: Schwester Lydia la Dous hat sich mit 47 Jahren für ein Leben als Dominikanerin entschieden.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Blick in den Gemeinschaftsraum: Schwester Lydia vom Dominikanerinnenkloster Heiliges Kreuz in Regensburg. Foto: altrofoto.de

Regensburg. Ihr Lachen ist freundlich, dabei schaut sie prüfend. Vielleicht sorgt der Habit für eine gewisse Scheu, die helle Ordenstracht mit dem schwarzem Schleier. Oder es ist die ungewohnte Gesprächssituation: Die Unterhaltung wird durch eine fenstergroße Öffnung in einer Mauer geführt, die den Besucherraum vom Gemeinschaftszimmer der Klosterschwestern trennt. Mit 47 Jahren hat sich die habilitierte Astrophysikerin entschlossen ins Dominikanerinnenkloster Heiliges Kreuz in Regensburg einzutreten und sich damit hauptsächlich dem Gebet zu widmen, mindestens fünf Stunden am Tag. Mit zwölf anderen Schwestern lebt sie in Klausur, fernab vom Trubel der Welt. Auf die Frage, warum sie sich fürs Kloster entschieden hat, sagt Schwester Lydia mit einem Blick zum Kreuz an der Wand: „Da müssen Sie den Chef fragen.“

Als Constanze la Dous wird sie 1956 in Braunschweig geboren und evangelisch getauft. Noch als Schülerin tritt sie aus der Kirche aus. Ihr Elternhaus ist künstlerisch geprägt, der Vater Theaterschauspieler, die Mutter Kostümbildnerin. Wechselnde Engagements führen die Familie alle ein bis zwei Jahre in eine neue Stadt. Constanze verbringt viel Zeit mit ihrem Bruder. Für Kultur interessiert sich das Mädchen nicht, stattdessen entdeckt sie als 13-Jährige ihre Liebe zur Physik. Schon nach der zweiten Schulstunde sei ihr klar geworden: „Das wird mein Beruf.“ Ihr damaliger Lehrer fördert sie, auch die Eltern unterstützen die Tochter in ihrer Begeisterung für ein Fach, das ihnen selbst fremd ist. Nach dem Abitur in Aachen geht sie nach München, um Physik zu studieren. „Eigentlich wollte ich gleich in die Astrophysik, aber sie war damals nur ein Aufbaustudium“, erinnert sich Schwester Lydia. Mit dem Physik-Diplom in der Tasche landet sie schließlich als „Mädchen für alles“ am Institut für Astrophysik. Dort sei sie weit und breit die einzige Frau gewesen - mit Ausnahme der Sekretärin. Sie betreut Praktikanten, zeichnet Grafiken und putzt auch, wenn es nötig ist. „Das war eine nette Truppe“, erinnert sie sich. Damals sei es ihr nicht darum gegangen, mit einem Fernrohr ins Weltall zu schauen. Sie habe sich nur für die Frage interessiert: Was sind Sterne?

Karriere unter Männern

Die junge Frau macht Karriere: 1986 Promotion in München, 1993 Habilitation in Tübingen. Sie forscht und lehrt in England, Italien, den USA und in Spanien. „Je höher ich auf der Karriereleiter geklettert bin, desto schärfer war der Gegenwind“, sagt sie. Auf rund fünf Prozent schätzt sie den Frauenanteil in der Astrophysik damals. Trotz der vielen Männer um sie herum, ergibt sich keine Partnerschaft. „Ich hatte keine Zeit dafür“, sagt Schwester Lydia. Auch ein Kinderwunsch sei nicht entstanden. Zudem hätten Kollegen sie zwar als Gesprächspartnerin geschätzt, aber auch ihre Konkurrenz gefürchtet - schlechte Voraussetzungen für eine Beziehung. „Ich hatte Freunde in der ganzen Welt und wollte ohnehin nur forschen“, sagt die Klosterschwester. „Wie im Rausch“ habe sie gelebt.

Doch in diesen Jahren voller Arbeit meldet sich eine innere Stimme. In der Wissenschaftlerin wird die Ahnung zur Gewissheit, dass es noch andere, höhere Ziele in ihrem Leben gibt. Durch Zufall kreuzt ein begabter und zugleich sehr katholischer Fachkollege ihren Weg. „Gläubig zu sein, war in der Astrophysik damals sehr unpopulär“ erinnert sie sich. Doch dieser junge Mann habe seinen Glauben unbeirrt gelebt, und zwar mehr als oberflächlich. Das habe sie berührt und beeindruckt. Schließlich nimmt sie Kontakt zur katholischen Gemeinde auf, besucht den Katechismusunterricht und wird 1989 in Washington in die katholische Kirche aufgenommen. „Ich begann nach den zehn Geboten zu leben“, erinnert sie sich. Sie passt ihre Sprache an ein „gottgefälliges Leben“ an, mustert unpassende Bücher aus. „Bei den Klamotten musste ich mich nicht umstellen“, erzählt sie. Tiefe Ausschnitte trägt sie ohnehin nicht.

Ende 1995 übernimmt sie die Leitung der Sternwarte Sonneberg in Thüringen. Doch politische Rangeleien überschatten die wissenschaftliche Arbeit. Nach fünf Jahren hat die Physikerin die Nase voll und schmeißt hin. „Zeitgleich wurde die Frage, ob ich ins Kloster gehen soll, akut“, erzählt sie. Sie fängt an, sich über verschiedene Orden zu informieren. Durch eine Postkarte wird sie auf die Dominikanerinnen in Regensburg aufmerksam. Sie ruft an, bekommt einen Besuchstermin. „Als ich durchs Tor gegangen bin, war mir klar: Wenn ich ins Kloster gehe, dann hier.“ 2003 ist es so weit: Aus Constanze la Douz wird Schwester Lydia. Welches konkrete Erlebnis zu diesem Schritt führt, will die Klosterschwester nicht erzählen. „Das ist eine Sache zwischen ihm und mir“, sagt sie und nickt in Richtung Kreuz. Nur so viel verrät sie: Es sei „keine Entscheidung“ von ihr gewesen, sondern „eine Berufung“. Der Eintritt ins Kloster habe viele Freunde und ihre Familie irritiert. „Meine Mutter versteht es bis heute nicht.“ Ihr Bruder habe aber sehr gelassen reagiert: „Bist ja über 18“, so sein Kommentar.

„Kein Zuckerschlecken“

Der kontemplative Orden ist jetzt ihre Welt. Es wird wenig gesprochen, dafür viel gebetet. Das Leben im Kloster sei „kein Zuckerschlecken“, aber es sei schön, in der Nähe Gottes zu sein, sagt Schwester Lydia und schaut dabei auf ihren goldenen Ring am Finger. Sie ist als Prokuratorin für die Finanzen des Klosters zuständig. „Versicherungen und Bankangelegenheiten regeln wir hier online“, sagt sie. Das alte Gemäuer verlässt sie nur, wenn es sein muss, für Arztbesuche oder um Schuhe zu kaufen. Bei Bedarf hält sie aber Vorträge zum Thema Glaube und Naturwissenschaften. Inzwischen hat sie nämlich auch noch Theologie studiert.

„Gott kann man nicht beweisen“, sagt die Klosterschwester, „aber ich bin überzeugt, es gibt ihn“. Gerade der Blick in die Natur zeige, dass nicht alles „aus Zufall“ entstanden sein könne. „Da steckt eine Intelligenz dahinter, für mich ist das Gott.“ So seien zum Beispiel die Naturkonstanten in ihren Augen ein Argument für die Existenz Gottes. Schwester Lydia steht fest im Glauben, Zweifel lässt sie nicht erkennen. Den klassischen Einwand, warum Gott schreckliche Dinge zulasse, wie zum Beispiel Kriege oder Kindesmissbrauch, wehrt sie mit dem Hinweis ab, dies hätten Menschen zu verantworten, die nicht nach den Geboten Gottes lebten. Auf den „Chef“ lässt die loyale Gottesdienerin nichts kommen.

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