MyMz

Medizin

Der elitäre Kreis der Organ-Spezialisten

Die deutschen Transplantationsmediziner sind eng miteinander verbunden – viele wussten angeblich von den Vorgängen am Regensburger Uniklinikum.
Von Wolfgang Ziegler, MZ

Transplantationschirurgen gleichen eher einem geschlossenen Zirkel als einer Berufsgruppe, heißt es. Foto: dpa

Regensburg/Göttingen. Noch ist der bundesdeutsche Transplantations-Skandal, der seinen Ausgang am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) hatte, nicht geklärt. Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft auf Hochtouren. Noch sind der früher in Regensburg tätige Göttinger Oberarzt Dr. O. (45) und der Direktor der Chirurgischen Klinik am UKR, Prof. Dr. Hans J. Schlitt (51), zumindest vorläufig ihrer Ämter enthoben. Da zeichnet sich ab, dass das Jordanien-Engagement der beiden Ärzte und dessen fragwürdige Umstände in der Szene durchaus bekannt waren. Das behauptete jetzt jedenfalls ein Transplantationsmediziner gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Und Dr. Michael Heise, Oberarzt und Transplanteur am Universitätsklinikum Mainz, pflichtet ihm bei: „Da kennt jeder jeden“, sagte er.

Dass trotzdem nichts nach außen drang, wird mit dem Stand und dem Anspruch der Transplantationschirurgen begründet. Sie verstünden sich als „Elite der Elite“ und glichen eher einem geschlossenen Zirkel als einer Berufsgruppe, schreibt das Blatt. Die enge Verbundenheit der Spezialisten in den bundesdeutschen Operationssälen rührt daher, dass ein großer Teil von ihnen aus den Schulen der berühmten Transplanteure Prof. Dr. Bruno Reichart vom Klinikum München-Großhadern und Prof. Dr. Rudolf Pichlmayr von der Medizinischen Hochschule Hannover stammt. Auch Schlitt war dort einst Mitarbeiter des Vorreiters für Leber-Transplantationen in Deutschland und soll 1997 dessen Team bei der ersten Leber-Lebendtransplantation angehört haben.

Nur zwei Jahre später setzte Schlitt selbst das Messer an – bei der bundesweit ersten sogenannten Split-Leber-Transplantation mit Leber-Lebendspende, bei der mit einem Organ zwei Patienten versorgt werden können. An seiner Seite: der damalige Assistenzarzt Dr. O.. Der Palästinenser mit israelischem Pass galt als strebsam und talentiert – und hatte zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit Pichlmayr bereits eine Abhandlung verfasst zum Thema „Liver Transplantation in aged Patients: Indications, Complications, and Outcome“ (dt. „Lebertransplantationen beim älteren Patienten: Indikationen, Risiken und Ergebnisse“). Co-Autor war Hans J. Schlitt. .

Kaum zum Direktor der Chirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Regensburg ernannt, holte Schlitt seine „rechte Hand“ nach – als Oberarzt. Ein Gutachter-Gremium wie bei der Berufung von Professoren gab es nicht, der Klinik-Chef hatte „das Hoheitsrecht, sein ärztliches Personal auszuwählen“, wie das UKR gegenüber unserer Zeitung bestätigte. Lediglich die formalen Voraussetzungen seien damals durch die Verwaltung geprüft worden – ein in allen Kliniken übliches Prozedere.

Frage nach den Konsequenzen

Als O. 2008 nach dem abrupten Ende seiner Jordanien-Aktivitäten habilitiert wurde, eine Professur der Uni Göttingen für Transplantationschirurgie annahm und dort zunächst unter Prof. Dr. Heinz Becker als leitender Oberarzt tätig wurde, war dies anders. Diesmal gab es eine aus renommierten Medizinern aus Mainz, Heidelberg und Magdeburg bestehende Berufungskommission. Einer der Professoren, die O. allesamt als hochqualifiziert einstuften, war Prof. Dr. Hans Lippert, inzwischen stellvertretender Leiter der Prüfungskommission der Bundesärztekammer – und Bekannter von Schlitt. Beide sitzen in Gremien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, beide sind für den medizinischen Fachverlag Thieme tätig, Lippert als Herausgeber des „Zentralblatts für Chirurgie“, Schlitt als Mitglied des Beirats. „Von O.s Tricksereien wusste ich nichts“, sagt Lippert.

Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Regensburg, Prof. Dr. Günter Riegger, hatte von den Unregelmäßigkeiten bei den Jordanien-Einsätzen seiner beiden leitenden Ärzte indes sehr wohl Kenntnis erlangt. Er war von der Prüfungskommission der Bundesärztekammer in einem persönlichen Schreiben mit Datum vom 7. Dezember 2006 auf den illegalen Leber-Transfer in das Jordan-Hospital in Amman aufmerksam gemacht worden. Kommissionsvorsitzender Prof. Dr. Heinz Angstwurm hatte damals mit dem Satz geendet: „Wir ersuchen um Verständnis für die Bitte, wissen zu lassen, welche Konsequenzen (...) gezogen worden sind.“

Die gab es jedoch bekanntlich nicht. Riegger steht dennoch nicht zur Disposition. „Der Ärztliche Direktor ist nicht für den täglichen medizinischen Ablauf der Kliniken des Universitätsklinikums Regensburg zuständig“, hieß es dazu von der Pressestelle des bayerischen Wissenschaftsministeriums. Auch die Beurlaubung Schlitts wollte Sprecher Rafael Freckmann nicht überbewertet wissen. Niemand habe den Chef-Chirurgen beschuldigt, die Suspendierung sei vielmehr „eine Vorsichtsmaßnahme und eine Art Selbstschutz“. Sollte Schlitt „freigesprochen werden“, sei klar, dass er seine Tätigkeit am Universitätsklinikum weiter ausüben könne.

Die Tatsache, dass die Klinikumsleitung vor wenigen Tagen den renommierten Arbeitsrechtler Prof. Dr. Georg Annuß engagiert hat, um „personalrechtliche Aspekte der Vorgänge zu untersuchen“, deutete Freckmann gegenüber unserer Zeitung als Absicherung. „Schließlich könnten durch die Beurlaubung Schlitts eventuell Entschädigungszahlungen gefordert werden“, sagte er.

Hand in Hand mit den Anklägern

Annuß (43), Sohn des langjährigen Regensburger Bürgermeisters Walter Annuß, der zu den deutschlandweit führenden Anwälten im Arbeitsrecht gehört und zudem an der Universität Regensburg lehrt, sieht seinen Auftrag offenbar etwas anders. Er werde mit der Staatsanwaltschaft „Hand in Hand arbeiten“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Die Dauer seines Engagements vermochte er nicht abzuschätzen. Dies hänge von der Anklagebehörde ab. Die wiederum steckt nach den Worten von Oberstaatsanwalt Dr. Wolfhard Meindl mitten in der Ermittlungsarbeit und braucht zunächst einen verlässlichen Sachverhalt. Ob und gegebenenfalls wann weitere Schritte erfolgen, ließ Meindl offen.

Wie bereits mehrfach berichtet, hatte das UKR Anfang des Monats der Staatsanwaltschaft Regensburg im Rahmen einer Selbstanzeige 23 zweifelhafte Fälle von Leber-Transplantationen vorgelegt, nachdem bekannt geworden war, dass der frühere Regensburger Oberarzt Dr. O. in Göttingen Patientendaten manipuliert haben soll. Im Zuge der internen Untersuchungen war auch der Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums, Prof. Dr. Schlitt, wegen der gemeinsamen Jordanien-Exkursionen mit Dr. O. ins Visier geraten. Am 2. August wurde er vom Ärztlichen Direktor des UKR, Prof. Dr. Riegger, wegen einer möglichen Aufsichtspflichtverletzung mit sofortiger Wirkung beurlaubt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht