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Naturdenkmal

Der Kalte Baum und das kalte Herz

Der Sagenbaum der Oberpfalz bei Vohenstrauß kränkelt: Für Peter Staniczek ist die 370 Jahre alte Linde dennoch ein Ort voller Kraft.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Um den Kalten Baum ranken sich viele Sagen, auch um eine kaltherzige Landgräfin.Fotos: Gabi Schönberger

Vohenstrauss.Dies ist die Geschichte von einem Baum und einem Menschen, die beide Kraft haben, aber auch Kraft brauchen. Das Schöne daran ist, dass sie sich tatsächlich gegenseitig Kraft geben. Die Geschichte beginnt auf dem höchsten Punkt eines Kammes bei Vohenstrauß, wo es – Zschuuuu – Zschuuuu – unaufhörlich braust. Zum Brausen des Böhmischen Windes ist vor sechs Jahren ein zweites Brausen hinzugekommen: wusch – wusch – wusch; das zackige Vorbeibrausen der Fahrzeuge auf der neuen A6 zwischen dem Kreuz Oberpfälzer Wald und dem Grenzübergang Waidhaus hat nun selbst dem ältesten und mächtigsten Anrainer des Höhenzugs das Fürchten gelehrt: Der Kalte Baum hat Angst.

Der Lindenbaum hat Angsttriebe

„Diese kleinen Triebe hier unten, die der Baum zur Seite hin ausbildet, das sind Angsttriebe. Der Baum versucht mit aller Kraft den Laubverlust zu assimilieren“, sagt Peter Staniczek. Der Kreisheimatpfleger aus Vohenstrauß schaut hinauf in die weit ausladende Krone der etwa 370 Jahre alten Winterlinde. Verstrebungen aus Stahl halten dort die gewaltigen Äste zusammen. Die Diagnose des Baumes lautet: Komplexerkrankung wegen hoher Chloridbelastung verbunden mit parasitischer Pilzerkrankung. Ob der Baum noch lange Kraft haben wird? Und ob die Kraft auch für ihn, Peter Staniczek, reicht? Kraft, die er in den vergangenen Jahren so oft aus der Natur in seiner Oberpfälzer Heimat im Landkreis Neustadt an der Waldnaab gezogen hat – und die ihm neuen Lebenswillen schenkte. Denn seine Diagnose lautet: Knochenmarkkrebs.

Schon drei Jahre nach Eröffnung der A6 hatte sich der Kalte Baum verändert: An der der Autobahn zugewandten Seite verlor er zusehends an Laub. Für Peter Staniczek ein Anblick, der Anlass zu Sorge gab. Schließlich war er es gewesen, der gegen die ursprünglichen Pläne der Autobahndirektion erfolgreich Einspruch erhoben hatte. Wäre die A6 so wie zunächst geplant auch gebaut worden, wäre sie direkt unter der Krone des Baums verlaufen. Peter Staniczek erreichte, dass die vierspurige Straße weiter nach Norden gelegt wurde. Außerdem errichtete die Autobahndirektion auf einer Länge von 400 Metern eine zwei Meter hohe Wand, die das Naturdenkmal schützen soll. Peter Staniczek war überrascht, dass seinem Einspruch stattgegeben worden war. Sollte nun alles umsonst gewesen sein?

Der Kalte Baum gilt als der Sagenbaum der Oberpfalz. Um ihn ranken sich Geschichten, Mythen und Sagen, die Peter Staniczek in akribischen Recherchen unermüdlich gesammelt hat. Auch eine Landkarte aus dem Jahr 1623 hat der pensionierte Lehrer in seinem umfangreichen Archiv: „Kaldt Peumel“ steht dort neben der Zeichnung eines kleinen Bäumchens an eben jener höchsten Stelle im Land, die damals die Grenze zwischen der Landgrafschaft Leuchtenberg und dem Fürstentum der Obern Pfalz Vohenstrauß markierte. Um eine Landgräfin von Leuchtenberg rankt sich denn auch eine der bekanntesten Sagen: Bereits jung verwitwet verliebte sich die Mutter zweier Kinder in den Grafen von Sulzberg. Dieser wollte ihre Liebe jedoch wegen der beiden Kinder nicht erwidern. Deshalb entschied sich die Landgräfin dazu, ihre Kinder umzubringen, indem sie ihnen verzauberte Nesteln an die Kleidung anheftete. Als die Kinder gestorben waren, traf sie sich mit dem Grafen, um ihm mitzuteilen, dass ihrer Liebe nun nichts mehr im Wege stünde. Als der Graf jedoch erfuhr, dass die beiden Kinder keines natürlichen Todes gestorben waren, sondern seinetwegen, zog er in Zorn entbrannt sein Schwert und stieß es der Landgräfin mit den Worten „So stirb denn du deiner Kinder wegen!“ mitten ins Herz. An der Stelle, wo die Landgräfin begraben liegt, ist dann aus ihrem kalten Herz der Kalte Baum erwachsen. Noch heute wandert der Geist der Gräfin um das Grab – daher der kalte Wind auf dieser Höhe.

Der kalte Wind jedenfalls ist geblieben. Er war es auch, der die jüngsten Rettungsversuche für den Kalten Baum zunichte gemacht hat. Bei Peter Staniczek und seinen Mitstreitern vom Oberpfälzer Waldverein kam der Verdacht auf, dass die Stresssymptome, die die Winterlinde zeigte, vom Streusalz der Autobahn herrühren könnten.

Rettungsaktion ist gescheitert

Tatsächlich bestätigten Bodenproben eine erhöhte Salzkonzentration im Boden. Deshalb griff die Autobahndirektion Südbayern vor drei Jahren zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Maßnahme: Sie ließ die Krone des Kalten Baumes in eine Folie einhüllen. Im November 2009 zurrten also Baumkletterer in einer spektakulären Aktion 2500 Quadratmeter Gewebefolie in der luftigen Höhe von 22 Metern fest. Doch es blieb nicht bei dem Lüftchen, das in den Anfangstagen der Aktion wehte; die ersten richtigen Böen des Böhmischen Winds zerfetzten die Hülle vollständig; die Rettungsaktion war gescheitert. Nach Angaben der Autobahndirektion sind nun keine weiteren baulichen Rettungsmaßnahmen für den Kalten Baum geplant. Peter Staniczek muss sich also weiter sorgen um den Gesundheitszustand des einstigen Wahrzeichens der Oberpfalz. „Der Kalte Baum ist ein Wahrzeichen, das ins Hintertreffen geraten ist“, sagt er. „Dabei ist es ein so wertvoller Baum, gerade auch für die Gesundheit.“ Lindenblütentee wird bereits sehr lange bei Erkältungskrankheiten eingesetzt. Aber Peter Staniczek meint damit noch viel mehr. Seit er an Krebs erkrankte, gab es häufig Zeiten, in denen er nicht nach draußen konnte. „Was mir wieder Lebenswillen gegeben hat, war der Gedanke, wieder raus zu können, in die Natur.“ Momentan geht es Peter Staniczek verhältnismäßig gut; zwei bis drei Stunden täglich kann er dort sein, wo er am liebsten ist: in der Natur. Und wenn er dann unter dem Kalten Baum steht, dann umgibt auch ihn das immerwährende Brausen. Aber das Rauschen des Laubes ist für ihn auch mit Hoffnung verbunden. „Das ist ein Baum im besten Mannesalter; Linden können 800 Jahre alt werden“, sagt er. Hat der Kalte Baum die Kraft dafür?

Die wichtigsten Fakten:

- Naturdenkmal seit 1937

- Gattung: Steinlinde oder Winterlinde (wissenschaftlicher Name: Tilia cordata)

- Alter: mindestens 370 Jahre

- Höhe: 22 Meter

- Stammumfang: 5,25 Meter (in 1 Meter Höhe gemessen)

- Eigentümer: Franz Wittmann

- Gepflanzt als Grenzbaum, Sanierung 1982: u.a. Stahlseile zur Kronensicherung, baumchirurgische Behandlung der Faulstellen und - Verfüllung des ausgebeizten Wurzelstocks mit Kies, Rettungsaktion „Verhüllung“ 2009 gescheitert, danach Tiefendüngung

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