MyMz

Regensburg

Der Mord an Ministrant Tobias

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Der Gymnasiast wurde 1994 von einem 18-Jährigen erstochen. Der Triebtäter verbüßte seine Strafe, dann tötete er wieder.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • In der Pfarrei Herz Marien wurde ein halbes Jahr nach dem Mord in der Nähe des Tatortes ein Gedenkkreuz für Ministrant Tobias aufgestellt. Pfarrer Franz-Xaver Kolbeck weihte den Erinnerungsort. Foto: MZ-Archiv
  • Das Sterbebild zeigt Tobias bei seiner Erstkommunion.
  • So berichtete die MZ über den Mord an dem Elfjährigen. Foto: ig

regensburg. Am 4. April war der 30. Geburtstag von Tobias. Es war ein trauriger Tag für seine Eltern, voller schmerzhafter Erinnerungen und Gefühle. Vor 18 Jahren haben sie ihren Sohn verloren – mit nur elf Jahren. Tobias Tod gehört zu den schlimmsten Verbrechen, die je in Regensburg verübt wurden. Ein 18-Jähriger, der mit dem Jungen in der Pfarrei Herz Marien ministrierte, erstach ihn mit über 70 Messerstichen. Tobias hatte sich gegen sexuelle Übergriffe gewehrt. Die Familie versuchte, mit dem Unfassbaren weiterzuleben, doch zehn Jahre nach der Tat erschütterte sie die Nachricht, dass der Mörder ihres Sohnes in München noch ein Kind getötet hatte. Nur wenige Monate nachdem er aus der Haftstrafe entlassen worden war. „Wir können bis heute nicht begreifen, warum niemand die Gefahr, die von ihm ausgeht, erkannte“, sagen Helmut und Isolde H.

„Aus einer Laune heraus“

Es war ein Spätherbsttag am 13. Oktober 1994. Der Gymnasiast war an diesem Nachmittag in der Pfarrei, um seinen Ministrantendienst zu verüben. „Er hatte keine rechte Lust, weil er sich noch auf eine Schulaufgabe vorbereiten musste“, erinnert sich seine Mutter im Gespräch mit der MZ. Trotzdem stieg der sportbegeisterte Junge um kurz vor 17 Uhr auf sein Fahrrad, um zur Kirche zu fahren. Seine Eltern sollten ihn nicht mehr lebend wiedersehen. Denn M. P., ebenfalls Messdiener in der Pfarrei, wartete schon in einer Ecke hinter der Kirche auf den Jungen. Der Kaufmannslehrling hatte an diesem Tag die Berufsschule geschwänzt. In seinem Geständnis bei der Polizei sagte er später, dass er „aus einer Laune heraus“ den Plan entwickelt habe, Tobias aufzulauern.

M. P. kommt aus einem strenggläubigen Elternhaus. Der Vater kümmerte sich um den Jugendlichen, weil die Mutter schwer krebskrank in einer Klinik lag. M. P. sammelte Messer, die er vor den Augen des gestrengen Vaters in seinem Zimmer hortete und auch in die Schule und an den Arbeitsplatz mitnahm. In den Medien hieß es, dass der Vater gegenüber der Polizei die Sache herunterspielte: „Er hatte doch nie Blödsinn damit gemacht.“ Niemand hatte geahnt, welche Gefahr wirklich von M. P. ausging. Erst in der Untersuchungshaft kam ans Licht, dass der Angeklagte bereits mit 16 Jahren seine pädophilen Neigungen nicht mehr unter Kontrolle hatte. Im Regensburger Westbad verging er sich an einem Buben, ließ damals aber von seinem Opfer ab, als Zeugen ihn beobachteten.

Tobias schöpfte an jenem Tag keinen Verdacht, als ihm der 18-Jährige anbot, gemeinsam nach dem verschwundenen Fahrrad zu suchen, das er vorher versteckt hatte. Und genau das nutzte der 18-Jährige aus. Er zerrte den Buben zu einem Holzschuppen in der Nähe der Kirche. Dort drängte er ihn zu sexuellen Handlungen. Das Kind hatte keine Chance. Als es sich wehrte, zog M. P. ein Butterfly-Messer aus seiner Tasche und stach zu. Immer und immer wieder.

Der Bereitschaftsbeamte beim Kommissariat 11 der Regensburger Kripo, der seinerzeit als erster die Ermittlungen vor Ort aufnahm, berichtet im MZ-Gespräch von vielen Stichen im Unterleib und auch im Kopfbereich und am Rücken. Die meisten Stiche seien nicht sehr tief gewesen, was zeige, dass M. P. sein Opfer quälen wollte, sagt der Beamte, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Der Täter lebte dadurch seinen Sexualtrieb aus, indem er dem Kind diese Schmerzen zufügte.“

Zeugen konnten nicht helfen

Zwei Zeugen, die die Hilfeschreie von Tobias hörten, wussten nicht, wie sie helfen sollten. Einer der beiden Studenten an der nahen Fachhochschule rief die Polizei, der zweite versuchte den Täter zum Aufhören zu überreden. Doch M. P. handelte wie im Blutrausch. Er rief dem Zeugen entgegen, dass er verschwinden solle, sonst passiere ihm das gleiche. „Nach den Zeugenaussagen mussten wir davon ausgehen, dass wir es mit einem äußerst brutalen Menschen zu tun haben“, erinnert sich der Einsatzbeamte. Tobias verblutete noch am Tatort an seinen inneren Verletzungen.

Der Vater von Tobias suchte nach seinem Jungen, der sonst immer pünktlich nach Hause kam. Als er an den abgesperrten Tatort kam, teilten ihm Polizeibeamte das Unfassbare mit. Bis heute findet Helmut H. keine Worte für diesen schlimmsten Augenblick seines Lebens. Dennoch übernahm er es selbst, seiner Frau und dem damals siebenjährigen Bruder die Todesnachricht mitzuteilen. Mit einem Fahndungsfoto suchte die Polizei nach einem Jugendlichen. Der Vater von M. P. schöpfte Verdacht. Es dauerte weniger als 48 Stunden, bis der Fall aufgeklärt war. Der Vater ging mit seinem Sohn zur Polizei, wo M. P. den Mord gestand.

Die Familie des Opfers saß als Nebenkläger im Prozess. Sie seien erleichtert gewesen, als das Gericht neuneinhalb Jahre Jugendstrafe verhängte. „Wir dachten, jetzt haben wir wenigstens neuneinhalb Jahre Ruhe. Unsere Angst war, dass eine Unterbringung in der Psychiatrie vielleicht viel früher beendet worden wäre.“ Heute sehen Isolde und Helmut H. das anders. „Eine tickende Zeitbombe darf man nicht wieder freilassen. Aber die Sicherungsverwahrung gab es ja damals im Jugendstrafrecht nicht.“

Und so musste noch ein Kind sterben. Es war der Sohn eines Mithäftlings, dem M. P. im Februar 2005 auf dem Schulweg auflauerte. Er missbrauchte den neunjährigen Peter, erstickte ihn und verging sich an der Leiche. „Als wir davon erfuhren, hatten wir das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren“, schildert Isolde H. ihre Gefühle. Das Münchner Gericht urteilte hart. M. P. wird wohl den Rest seines Lebens hinter verschlossenen Türen verbringen. „Wenn er weggesperrt bleibt, dann ist das für uns eine Beruhigung. Weil wir nur so sicher sein können, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht“, sagt Helmut H.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht