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A erholsams Natzerl in der Natur

Zum Monatsende gibt es Wissenswertes von Ludwig Zehetner über den Dialekt. Diesmal geht es um müde Menschen und saure Milch.

  • Die Frau ist eingenatzt, sie macht a Nàtzerl. Foto: dpa
  • Eine „Bräidl“ mit ihrem Singerl Foto: dpa

Er ist am Waldrand einfach eingenatzt

Ein „Nickerchen“ kennt der bairische Dialekt nicht, ein kurzer erholsamer Schlummer heißt „a Nàtzerl“. Das zugrundeliegende Verb ist „natzen, notzen“, eine Zusammenziehung von „nafazen, napfazen“ (schlummern, dösen). In Werner Fritschs Roman „Cherubim“ erzählt der alte Knecht Wenzel: „Bis ich mich hingelegt hab am Waldrand. Und bin eingenatzt“, und an anderer Stelle: „Steinmüd gewesen – und natz ein.“ Eine Textzeile in der Liedersammlung „Klampfn-Toni“ lautet: „I lieg af da Ofabänk, / i nafaz und traam a weng.“

Mundartlich gebräuchlich sind sowohl das kürzere „natzen“ als auch die Vollform „nafezen, napfetzen“. Letztere zeigen deutlich, dass das Verb eine Intensivbildung mit dem erweiterten Suffix „-atzen / -etzen“ zum germanischen Wortstamm „(h)nap-“ darstellt, der im Englischen als „nap“ auftritt. Der Baier macht „a Nàtzal“, und dem entspricht im Englischen „to take / have a nap“ (ein Nickerchen machen); „an afternoon nap“ ist ein Nachmittagsschläfchen. Germanisch „p“ wurde im Rahmen der Konsonantenverschiebung im Deutschen zu „pf“ beziehungsweise „f(f)“. Für das 8. Jahrhundert ist althochdeutsch „(h)naffezzen“ belegt, woraus sich die heutigen Formen „nafazn, natzn, notzn“ entwickelt haben.

Diese Frage kommt von Manfred Langer.

I bin no ganz dràmhàppad

Wer aus dem Nachtschlaf plötzlich aufstehen muss, etwa um die Toilette aufzusuchen, tut dies mit unsicheren Schritten und torkelt wie betrunken. Diesen Zustand drückt das Dialektwort „dràmhàppad“ aus, das auch in Varianten wie „dràmhàppig, dràmhàbert“ auftritt. Es bedeutet: schlaftrunken, benommen, schwindlig, aber auch: geistesabwesend, unkonzentriert, ungeschickt, tölpelhaft, verrückt. In Ludwig Thomas „Agricola“ heißt es: „Doch das muss ich den Mädeln zur Ehre sagen, dass keine so tramhappet war wie der Bader.“

Ein Satz aus Werner Fritschs Roman „Cherubim“ führt uns näher an die Etymologie des Wortes heran: „…, wo es nicht gemerkt hat, so traumhappig ist der gewesen.“ Der erste Teil des Adjektivs ist eindeutig „Traum“, bairisch „Dràm“, und der zweite enthält „-häup-“, so dass, in die Schriftsprache übertragen, „traumhäuptig“ resultiert, das heißt: das Haupt, der Kopf ist im Traum befangen.

Diese Anregung stammt ebenfalls von Manfred Langer.

„Säubärn“ hat nichts zu tun mit „Sau“ und „Bär“

Als es in den Haushalten noch keinen Kühlschank gab und auch nicht die heute angebotenen Milchprodukte wie Joghurt, Kefir usw., da stellte man die Milch in einem irdenen „Weidling“ (weite Schüssel) zum Stöckeln auf, um dann als erfrischende Zwischenmahlzeit „a Gstöckelte, a saure Milli, a kalte Suppn“ zu haben. Im unteren Bayerischen Wald kennt man dafür den Ausdruck „Säubärn, Seubern“. Das Wort hat weder etwas mit „Sau“ noch mit „Bär“ zu tun, es ist die Aussprache von „Selbern“ (mit vokalisiertem „l“), gehört also zu „selber“, handelt es sich doch um Milch, die „von selber“ geronnen und sauer geworden ist.

Die Erklärung wünschte sich Mathilde Eberwein.

Dialekt Bairisch – Hätten Sie’s gewusst?

Heißt der Marder im Dialekt „Moder“ oder „Moderer“?

In der Komödie „Erster Klasse“ von Ludwig Thoma erzählt der Landtagsabgeordnete Filser über den Abschied von seiner Frau und sagt: „Zahnt hod s’ wia a Hausmoda.“ Wahrscheinlich hat sie geweint. Mit „zahnen“ kann allerdings auch gemeint sein: grinsen. Jedenfalls hat die Bäuerin den Mund verzogen „wie ein Hausmarder“. Warum ausgerechnet der Marder für den Vergleich herangezogen wird, bleibt unklar. Das Tier heißt im Dialekt „Moder“. Der Konsonant „r“ ist geschwunden (wie bei der alten Form „fodern“ für „fordern“) und der Vokal erscheint zu „o“ verdumpft. Die regional geläufige Form „Moderer“ entspricht einer Neigung des Bairischen. Die männliche Gans ist der „Ganserer“, die männliche Ente der „Ànterer“. Anstelle von „Städter, Huster, Hüpfer, Rülpser“ heißt es im Dialekt: „Stadterer (Stodara), Husterer (Huastara), Hupferer, Kopperer“. Ein bei der Eisenbahn Beschäftigter ist ein „Bahnerer“, ein unerfahrener junger Mann ein „Dutterer“, ein Liebhaber kann als „Tschàmsterer“ bezeichnet werden und ein Frauenheld als „Weiberer“.

Die Frage stellte Marina Zenger.

Die Bruthenne und ihre Singerln

Eine Bruthenne ist in der Oberpfalz eine „Bräidl, Bräi’l“, aufzulösen als
„Brüetl“, zum Verb „brüten“ mit altem Zwielaut „üe“, der, entrundet und gestürzt, als „äi“ erscheint. In Freilandhaltung geht die Henne ihrem Nachwuchs voran und zeigt ihm, was die Wiese Fressbares bietet: Käfer, Regenwürmer, Grashalme. Die kleinen Hühnlein werden im Dialekt nicht als Küken bezeichnet; wenn man das Wort schon verwendet, dann in der Lautung „Kücken“ (mit Kurzvokal, wie im österreichischen Deutsch).

Meistens nennt man die kleinen gelbgefiederten Jungtiere „Singerl“, weil sie andauernd ihren piepsenden Singsang von sich geben, oder einfach „Hea’l, das ist „Hüenl“. Nur diese Verkleinerungsform zu mittelhochdeutsch „huon“ ist im Dialekt gebräuchlich, nicht jedoch „Huhn“; dafür steht „Henne“, bairisch „Hen“ oder „Hena“. Mit der Diminutivform „Hendl“ ist das als Speise zubereitete Huhn gemeint: „Brathendl, Backhendl, Hendlbraterei“ usw. Zwischen dem stammauslautenden „n“ und der Verkleinerungsendung „-l“ findet sich als Einschub ein sogenannter Sprosskonsonant: „Hen-d-l“ – wie auch bei „Dirndl, Mànndl, Pfànndl, Birndl“ (zu: Dirn, Mann, Pfanne, (Glüh-) Birne).

Eine Anregung von Hans Reichhart.

Alle Teile unserer Dialekt-Serie finden Sie hier.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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