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„A frische Mass mit am saubern Foam“

Dialektwissen über Bier und Radi, Fisimatenten und Spuchten – Die MZ-Leser stellen Fragen zu bayerischen Redensarten, der Dialektforscher Dr. Ludwig Zehetner antwortet in unserer beliebten Serie „Frong s’ den Zehetner“.

Da freuen sich die Bierzeltgäste, wenn das Bier richtig foamt.Foto: dpa

Warum gibt es im Bairischen und Englischen das Wort „Foam“?

Dass sich das englische Wort „foam“ genau so schreibt, wie das bairische Wort „Foam“ ausgesprochen wird, ist mehr oder weniger Zufall, nicht jedoch die identische Bedeutung, nämlich ‚Schaum‘. Ein Bier ohne „Foam“ ist ein „müdes Bier“. Auch ein breiter Saum an Frauenröcken wurde als „Foam“ bezeichnet. Altenglischem „fâm“ entspricht althochdeutsch „feim“. Es darf eine indogermanische Wurzel angenommen werden, die auch in lateinisch „spuma“ (Schaum, Gischt) steckt. In der Schriftsprache ist „Feim“ veraltet; geläufig ist allerdings das Eigenschaftswort „abgefeimt“, das Partizip zu „abfeimen“, d. h. ‚den Schaum abschöpfen‘. Eine vergleichbare Vorstellung steckt hinter „raffiniert, ausgekocht, mit allen Wassern gewaschen.“

Die Frage stellte Albert Bruckmüller.

Warum sagen wir „Pfiat Eahna“ und nicht „Pfiat Sie“?

Jemanden, den wir siezen, begrüßen wir mit „Griaß Eahna“ und verabschieden uns mit „Pfiat Eahna“. Vom hochsprachlichen Standpunkt aus wäre statt „Eahna“ (Dativ) die Form „Sie“ (Akkusativ) zu erwarten. Hier ist zu berücksichtigen, dass dem Dialekt die Höflichkeitsformen „Sie, Ihnen“ usw. von Haus aus eigentlich fremd sind; früher hat man sich grundsätzlich geduzt (wie auf dem Land heute noch weitgehend). Als sich von den Städten aus das höflich distanzierende „Sie“ verbreitete, hat die Mundartgrammatik durchgeschlagen, die beim Personalpronomen der 3. Person eine einheitliche Form für Dativ und Akkusativ kennt: „Sie geht mit eahm“ (‚mit ihm‘, Dativ), aber auch „Mir wartn auf eahm“ (‚auf ihm‘ statt hochdeutsch ‚auf ihn‘, Akkusativ). Dieser Zusammenfall von „ihm/ihn“ in mundartlich „eahm“ wurde auf das höfliche Sie übertragen, so dass es sowohl heißt „I gib’s Eahna“ (‚Ihnen‘, Dativ) als auch „I mächt Eahna wos frong“ (‚Ihnen‘ statt hochdeutsch ‚Sie‘, Akkusativ). Auf diese Weise ergibt sich eine Unterscheidung zwischen 3. Person Mehrzahl und Höflichkeitsanrede: „I hob’s scho gseng“ (‚sie‘, die Kinder, Plural), aber „I hob Eahna scho gseng“ (‚Ihnen‘ statt hochdeutsch ‚Sie‘, Akkusativ). In Sätzen wie „Stelln S’ Eahna vor. Sie kennan Eahna drauf verlassn. Erholn S’ Eahna guat. Sitzn S’ Eahna her“ steht „Eahna“ (eigentlich ‚Ihnen‘) anstelle von hochdeutsch „sich“. Entsprechend werden die Grußformeln gebildet: „Griaß Eahna“ und „Pfiat Eahna“. Kurios wirkt die Vermengung von Mundart und Hochsprache; weder „Griaß Sie; Pfiat Sie“ noch „Grüß Ihnen, Behüt Ihnen“ sind akzeptabel. An die Schriftsprache angenäherte Mischungen wie „Grüß Sie Gott“ oder „Grüß Ihnen Gott“ haben ironischen Klang. Feierlich gestelzt wirkt „Gott grüße Sie“.

Ein bayerischer Schiedsrichter, so erzählt man sich, habe zu einem norddeutschen Spieler gesagt: „Ich verwarne Ihnen“, worauf dieser konterte: „Ich danke Sie“; er wurde sofort vom Platz gestellt. So einfach ist es nicht mit „sie, Sie“ und „ihnen, Ihnen“ im Bairischen, auch nicht bei den Entsprechungen des Reflexivpronomens „sich“.

Die Frage stellte Martin Schöberl.

„Is des woua, daß a Groua ...“ – woher kommen die Zwielaute?

Um die überraschend große Zahl von Zwielauten zu demonstrieren, durch die sich das Nordbairische auszeichnet, hat man folgenden Satz konstruiert: „Is des woua, daß a Groua in an Joua hintan Oua a Bischl Houa wochsn loua ka?“, d. h. ‚Ist es wahr, dass eine Krähe in einem Jahr hinterm Ohr ein Büschel Haare wachsen lassen kann?‘ Die Langvokale „â“ und „ô“ erscheinen diphthongiert zu „ou“ (oder „åu“); auszugehen ist von mittelhochdeutsch „wâr, krâhe, jâr, ôr, hâr, lân (lassen)“. In einer älteren Stufe des nordbairischen Dialekts hieß es „Goua“ statt „Joua“ mit Ersatz des anlautenden „j“ durch „g“, wie etwa auch in „gung, Gooch, goong“ (jung, Joch, jagen), ebenso bei „Kannes“ für „Johannes“ (z. B. bezeichnet man die ‚Johannisbeeren‘ als „Kannesbir“).

Diese Frage stellte Martin Schöberl.

Was bedeutet die Redensart: „Er aa scho, kaffts Radi“?

Maßt sich ein junger Mensch eine Kompetenz an, die ihm nicht zusteht, prahlt er mit überragendem Können oder unglaublichen Erfolgen, so kann dies von den Erwachsenen kommentiert werden mit der spöttischen Bemerkung: „Er àà scho, kàffts Ràdi!“ oder: „Eahm schaug o, kàffts Ràdi!“ Wie kommt es zu dieser weit verbreiteten Redensart? Der Form nach handelt es sich eindeutig um eine Aufforderung an mehrere, also „(Leute,) kauft Rettiche!“. Nirgends findet man eine glaubhafte Erklärung. Diese ergibt sich zwanglos, wenn man weiß, dass mancherorts folgende Verlängerung üblich ist: „... und hod grod Ruam“. Daraus erhellt, dass die Redensart auf eine Situation auf dem Wochenmarkt anspielt: Jemand lockt Kunden an, indem er schreit: „Leut, kàffts Ràdi!“, sie also auffordert, bei ihm Rettiche zu erstehen. Dabei hat er an seinem Stand überhaupt keine Rettiche, sondern ausschließlich Rüben. Er ist also ein Angeber, ein kleiner Hochstapler, der vorgibt, hochwertigere Ware zu haben, als er tatsächlich zu bieten hat.

Diese Frage stellte Edith Stierstorfer aus Alteglofsheim.

Was bedeuten die Wörter „Spucht´n“ und „Fisimatenten“?

Für „Vorwände, leere Ausflüchte“ geläufig ist das Wort „Fisimatenten“, das auch der Duden verzeichnet. Viele Leute kennen eine der beiden folgenden Anekdoten. Ein französischer Soldat habe sich vom Dienst befreien lassen, weil er angeblich seine Tante besuchen müsse: „visiter ma tante“. Oder einer habe die flüchtige Begegnung mit einer jungen Dame am Abend vertiefen wollen und sie eingeladen, ihn am Abend in seinem Zelt zu besuchen: „Visite ma tente“. Beides sind hübsche, gut erfundene Geschichten, aber die Herkunft des Wortes ist damit nicht erklärt. Auch die in den etymologischen Wörterbüchern gebotenen Angaben können nicht voll überzeugen. In der Kanzleisprache sei mittellateinisch „visae patentes“ verwendet worden (ordnungsgemäß geprüfte Patente), verwiesen wird ferner auf „visimetent“ (Ausschmückung, Erfindung) und „visament“ (kunstvolle Auszierung eines Wappens). Es scheint so zu sein, dass der Ausdruck „Fisimatenten“ ursprünglich spöttisch für bürokratische Gründlichkeit gebraucht wurde. Ähnliche Bedeutung hat „Spuchten“. Schmeller führt in seinem Wörterbuch an: „Trugbilder, Täuschungen, pfiffige Einfälle, Vorwände, Ausflüchte“. Als Geltungsbereich nennt er den Bayerischen Wald; Angaben zur Herkunft des Wortes fehlen.

Diese Frage schickte Günter Schmid aus Schwarzenfeld.

Woher kommt „Da hast dir einen Schiefern ei’zogn“?

„Schiefer“ bedeutet primär ‚Holzsplitter‘, sekundär dann ‚geschichtetes Gestein‘ (Schiefertafel, -gebirge, -dach). Der Dialekt kennt auch die Varianten „Schiefing, Schiefling“. Das bekannte Lied vom Einsiedl von Bogen beginnt so: „Da Oasidl vo Bong / hod Hoizscheidl glom / und hod se an Schiefing / in Orsch einezong“. Dass es schmerzhaft ist, wenn sich ein Holzspan in die Haut bohrt, führte dazu, dass man über einen, der eine unliebsame Erfahrung gemacht oder sich jemands Gunst verscherzt hat, sagt: „Er hat sich einen Schiefer eingezogen.“

Diese Frage kam von Manfred Döberl aus Abensberg.

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