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„A hamische Reim“ ist tückisch

Zum Monatsende beantwortet MZ-Experte Ludwig Zehetner wieder die Fragen rund um den Dialekt. Diesmal geht es unter anderem um das Wort „läidala“.

„Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlich Gut gewonnen“

Die Erklärung von „erkiesen“ hat nichts mit dem Dialekt zu tun, verdient aber dennoch einige Erläuterungen. Auf der Prunkfahne eines Heimatvereins findet sich aufgestickt: „Wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlich Gut gewonnen.“ Das Wort „erkiesen“ ist veraltet und wird heute kaum mehr verstanden. „Kiesen, erkiesen“ bedeutet ‚wählen, erwählen‘, und „Wer sich die Musik erkiest“ heißt nichts anderes als: „Wer sich die Musik erwählt“. Mit „kiesen“ unmittelbar verwandt ist englisch „choose“ (wählen), beide Male mit Erhaltung des ursprünglichen Binnenkonsonanten „s“. Bei den Formen des deutschen Verbs tritt Rhotazismus auf, d. h. das „s“ wandelt sich zu „r“: „erkiesen – erkor – erkoren“, daher das Adjektiv „auserkoren“. In den davon abgeleiteten Wörtern „Kür, küren“ und „Kurfürst“ erscheint ebenfalls „r“. Die „Kür“ steht im sportlichen Bereich für die selbstgewählte Übung im Gegensatz zur Pflicht. Zu „Kür“ hat man das Verb „küren“ gebildet, das an die Stelle des alten „kiesen“ trat. „Kurfürsten“ nannte man diejenigen Fürsten, denen es zustand, den Kaiser zu wählen, zu küren. Nicht verwandt ist „Kur“ in „Kurhotel, Kurpark, Kuraufenthalt, Kurpfuscher“ usw. Es handelt sich um eine Entlehnung von lateinisch „cura“ = ‚Fürsorge‘.

Weitere Fälle von Rhotazismus liegen vor, wenn bairisch „verliesen“ (mundartliche Lautungen: „valiasn, valäisn, valoisn, valuisn“) dem standarddeutschen „verlieren“ gegenübersteht, ebenso bei „friesen“ (mundartlich: „friasn, fräisn, froisn, fruisn“) für „frieren“. Im Althochdeutschen hießen diese Verben: „firliusan“ und „friusan“ mit „s“ im Präsens, aber mit „r“ in den Vergangenheitsformen: „firlor, firloren; fror, gifroren“. In der Hochsprache wurde das „r“ verallgemeinert. Mit „s“ hingegen erscheinen in „Verlust, Frost“, ebenso in den englischen Verben „to lose, to freeze“.

Die Frage kam von Willi Schnitt aus Wenzenbach.

Im Bayerischen Wald kennt man das Adjektiv „hamisch“

Das Adjektiv bzw. Adverb „hàmisch“ (mit hellem à) ist grundsätzlich identisch mit dem schriftdeutschen Wort „hämisch“, was ‚hinterhältig, bösartig, boshaft, schadenfroh‘ bedeutet. Das Dialektwort wird eher im Sinn von ‚tückisch‘ verwendet. Üblich ist es vornehmlich im Bayerischen Wald. Johann Andreas Schmeller versieht seine Verwendungsbeispiele mit dem Zusatz „(b. W.)“, das heißt: im Bayerischen Wald (so in seinem „Bayerischen Wörterbuch“, Band I, Spalte 1105). Er führt an: „Du hámésche Ding!“ und „hámésch kold“. Letzteres könnte man paraphrasieren mit ‚gemein, unverschämt kalt‘. Gut dazu passt das vom Einsender genannte Beispiel „a hàmische Reim (Reiben)“. Damit ist eine Kurve gemeint, die ihre Tücken hat, in der man Gefahr läuft, zu stürzen oder von der Fahrbahn abzukommen. Die etymologischen Wörterbücher liefern die Information, dass „hämisch“ zurückgeht auf mittelhochdeutsch „hem, hem(i)sch“ = ‚danach trachtend zu schaden, und zwar verhüllt, die wahre Gesinnung verbergend‘. Das althochdeutsche Wort „hamo“ hatte die Bedeutung ‚Hülle‘; sowohl „Leichnam“ (althochdeutsch „lîhhamo“ = ‚Leib‘) als auch „Hemd“ sind damit verwandt. Das Substantiv „die Häme“ tritt erst seit den 1970er Jahren auf als eine Rückableitung aus dem Adjektiv „hämisch“.

Brauchst sched über d’Strass geh

Das Wörtchen „sched“ hält man vielerorts für eine ganz spezielle Besonderheit der eigenen engeren Heimat; die Hallertauer nehmen es für sich in Anspruch, ebenso die Bayerwäldler, die Oberlandler und manch andere. Dabei darf „sched“ als allgemeinbairisch gelten: „Durch dees hon i af d’Letzt aa g’lacht, bal i’n scheed halbert vostanna ho (Wugg Retzer). – Brauchst sched über d’Strass geh zon Krama. – In d’Stod sàn’s sched zeha Kilometta. – Des Fàckl hod sched an Zentn gwong.“ Der Gstanzlsänger Sebastian Daller (aus Teugn im Landkreis Kelheim) textete 2008 über die damalige CSU-Spitze: „Da Huber und da Beckstein / hàn s beste Führungstandem vo da Wölt, / sched des Tandem hod an Plattn / und da Lenker is vastöllt“. In manchen Gegenden, vor allem in den Städten, mag das mundartliche Wort „sched“ außer Gebrauch gekommen sein; an dessen Stelle steht standardsprachlich „bloß, einfach, nur“.

Die Entstehung von „sched“ ist relativ gut durchschaubar. Es handelt sich um eine lautliche Vereinfachung von „schlecht“ im Sinne von ‚schlicht, einfach‘ (vgl. „schlechthin, schlechter-dings“). Dass die Lautfolge „cht“ vereinfacht wird zu „t = d“, begegnet uns im Dialekt häufig: Aus „nicht“ ist „ned“ geworden; „Nod, Gned, Liad/
Läid“ sind die altmundartlichen Aus-spracheformen von „Nacht, Knecht, Licht“. Die gleiche Lautentwicklung darf in Anspruch genommen werden für „schled“ aus „schlecht“. Ein weiterer Schritt der Vereinfachung erfolgte mit dem Verschwinden des Konsonanten „l“, so dass aus ursprünglichem „schlecht“ das bairische Adverb „sched“ geworden ist.

Die mit „ge-“ präfigierte Formen „gschlecht, gschled“ können entweder ‚schräg, schief‘ bedeuten (Synonym „scheps“) oder aber ‚geradewegs, senkrecht‘ (Synonym „stàngerlgrod“) oder „geordnet, geschlichtet“. Dies zeigen Sätze aus Erzählungen von Emerenz Meier: „Wenn er ihr Jawort erhalten hätte, wäre ja auch noch lang nicht alles gerecht und geschlecht gewesen. - I kenn koa Dirndl, dös dazua pass’n möcht. Da müass’n mir g’schlecht um fremde schau‘.“

Die Anregungen lieferte Dr. Rainer Schmidt aus Eichstätt.

Welche Bedeutung hat das Adverb „läidala“?

„I bi läidala fiaddi“, sagt man im Sinne von: ‚Ich bin schon beinahe fertig, annähernd, bald, gleich fertig‘. Man fragt sich, ob mit „läidala“ die nordbairische Lautung von „liederlich“ vorliegt, wo der historische Zwielaut „ië“ als gestürzter Diphthong „äi“ auftritt. Das Adjektiv hat allerdings eine andere Bedeutung, nämlich ‚schlecht, minderwertig, boshaft, verdorben, moralisch verwerflich‘, verwandt mit „verlottern, Lotterleben“ und „Luder“, nordbairisch „Louda“, mittelbairisch „Luada“. Man kennt die Redensart „All zu gut ist liederlich“. In Schmellers Wörterbuch (Band I, Spalte 1443 f.) findet man für „liederlich“ auch die Bedeutungen ‚kraftlos, kränklich‘ sowie ‚leicht, gering, geringfügig‘. In einem Satz wie: „Er is liadale zfridn“ kann man das adverbiell gebrauchte Wort mit ‚leicht‘ oder ‚einfach, problemlos‘ wiedergeben. Dies lässt sich wohl auch übertragen auf „I bi läidala fiaddi“, was dann heißt: ‚Kein Problem, ich bin gleich fertig‘.

Eine Anfrage aus dem nördlichen Landkreis Regen

Was verbirgt sich hinter dem Wort „zenst“?

„Dou gäihst zenst-àffi“, lautet die Anweisung, man solle den ganzen Weg entlang nach oben gehen. Hinter „zenst“ verbirgt sich „z’ends ‹ ze endes“ = ‚zu Ende‘ – mit angefügtem „t“: „zen(d)s-t“ wie „vorn-t, d(r)auss-t“ = ‚vorn, draußen‘. Die Wörter stellen sich damit in eine Reihe mit „unt, hint, ent, drent“ usw., die von Haus aus auf „-t“ enden. Für ‚bis ans Ende hinunter, hinab‘ oder ‚bis ganz nach vorn‘ existieren die entsprechenden Ausdrücke: „zenst-ooi, zenst-fiari“. Damit liegen mundartliche Verschleifungen vor von „zu Endes auf-hin, ab-hin, für-hin“ = ‚ganz hinauf, hinab, hinfür‘.

Von Stefan Eber weitergeleitete Frage aus Mähring

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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