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„A mords Hoad host hergmocht“

Diesmal soll einigen Wörtern mit dem Stammvokal „ei, ai“ nachgespürt werden.

Wann ist’s endlich so weit, dass man sich in die Sonne legen kann und „loacha“?Foto: dpa

Altes „ei“ hat sich im Oberdeutschen zu „oi“ entwickelt, dieses im Bairischen weiter zu „oa“. Das Schwäbische hält grundsätzlich am „oi“ fest. Das Nordbairische kennt diese Lautung in (ursprünglich) mehrsilbigen Wortformen, in einsilbigen aber steht „oa“. Daher heißt es: „oa Oa“ aber „zwoa Oia“.

Bei bestimmten Fällen hat sich bereits früh auch im Dialekt die Aussprache nach der Schrift durchgesetzt, nämlich bei „Heil, heilig, Heiland, Geist, Fleisch, rein“ – alle der Kirchensprache zugehörig, weil sie in liturgischen Texten, in Gebeten und Predigten häufig vorkommen. Im 20. Jahrhundert sind weitere Wörter gefolgt und haben die „oa“-Lautung aufgegeben zugunsten von schriftsprachlich „ei“, so etwa „Teil, Seil, Kreis“ und andere mehr.

Manches erweist sich als „hoalous“

Das mundartliche Adjektiv „hoalous“ bedeutet, auf Menschen bezogen, ‚nichtsnutzig, bösartig, hinterhältig‘. Jemand kann als „a hoalousa Drack“ abqualifiziert werden. In anderem Kontext kann damit ‚kränklich, entkräftet, schwächlich‘ gemeint sein, wenn es von einem heißt: „Er is recht hoalous beinand“. Auch Dinge erweisen sich als „hoalous“, wenn sie ‚unansehnlich, schäbig‘ oder ‚minderwertig, schadhaft, unbrauchbar‘ sind. Funktioniert das Auto nicht so, wie es soll, weil der Vergaser, die Kupplung oder die Bremsen versagen, dann schimpft der Fahrer über den „hoalousn Schintakarrn“. Fragt man Sprachinteressierte, wie sie „hoalous“ erklären, so kommt meist heraus, dass sie es für eine Lautform von „haarlos“ halten. Das ist falsch. Das Wort ist als „heil-los“ zu interpretieren – verständlich, wenn man berücksichtigt, dass „heil“ im alten Deutsch auch für ‚ganz, unversehrt, gesund‘ stand.

Die „Heide“, bairisch „Haid“, wird „Hoad“ ausgesprochen. Außer ‚Ödland, landwirtschaftlich nicht nutzbare Fläche‘ bezeichnet das Wort im Dialekt auch ‚Streu, Material zum Einstreuen im Stall‘ und ‚Abfall, Unrat, Kehricht‘. Die Bäuerin schimpft den Buben, der beim Einheizen schlampig war, so dass vor der Schür des Herdes kleine Zweige, Fichtennadeln und Schmutz liegen: „A mords Hoad host hergmocht. Bass hoid auf und zett ned a-so!“ Das Verb „zetten“ bedeutet ‚verstreuen, in Einzelteilen fallen lassen, auf dem Weg verlieren‘. Die Schriftsprache kennt nur „sich verzetteln“, ebenfalls hergeleitet von mittelhochdeutsch „zeten“ (verstreuen).

Mittlerweile veraltet ist das Wort „Heiderauch“ für ‚Dunst, trockener Nebel in Sommerhitze‘ als Vorzeichen von Regenwetter. Die westfälische Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) verwendet es in ihrer Ballade „Der Knabe im Moor“. Das Gedicht beginnt mit den Versen: „O schaurig ist’s übers Moor zu gehn, / Wenn es wimmelt vom Heiderauche, / Sich wie Phantome die Dünste drehn / Und die Ranke häkelt am Strauche.“ Im Dialekt überlebt hat das Eigenschaftswort „hoadaràchi“ (heidenrauchig) für die genannte Wetterlage.

„Heißen (hoassn, hoissn)“ wird heute fast ausschließlich in der Bedeutung ‚benennen, genannt werden‘ verwendet. Altertümlich klingt „er hieß mich das tun‘ (befahl, beauftragte). Die Mundart hingegen kennt noch „geheißen (ghoassn, ghoissn)“ im Sinne von ‚zusagen, versprechen‘ (vgl. hochdeutsch „verheißen“). „De Uhr kon i dir leider ned vokàffa“, bedauert der Händler auf dem Flohmarkt, „de hon i scho eppan ghoassn“ – bereits einem anderen versprochen.

Hai steht für Hüter

Auch „heiser“ gehört hierher, mundartlich meist mit zusätzlicher Endung „-ig“: „hoasare, hoisare“. Die an sich nordbairische Lautung mit „oi“ tritt noch weit südlich der Donau auf, bis hin zur Isar. Allerdings fasst man dort, wo das „l“ nach Vokal lautgesetzlich zu „i“ wird, die Form „hoisari(g)“ volksetymologisch als „halserig“ auf – als vermeintliche Ableitung von „Hals (Hois)“, der bei Heiserkeit ja tatsächlich betroffen ist.

„Hai, Hay“ ist ein altes bairisches Wort für ‚Hüter, Aufseher, Wächter‘. Es gab einen „Feld-, Flur-, Wies-, Holz-, Fisch-, Eschhai, Bruckhay“. Deren Aufgaben waren vielfältig: Dem Feldhay oblag es, die Felder vor Wildschäden und frevelhaftem Zugriff durch Menschen zu schützen. Der Holzhay war dafür zuständig, dass sich nicht Holzdiebe an den gemeindlichen Waldungen vergriffen. Der Bruckhay trug die Verantwortung für den Unterhalt einer Brücke und der zu ihr führenden Straßen; außerdem erhob er den Brückenzoll oder die Straßenmaut. Ein Bauernhof an der Amperbrücke in Zolling (Landkreis Freising) trägt bis heute den Hausnamen „Bruckhay“ und die dort ansässige Familie heißt „Wiesheu“; bekannt ist der von dort stammende bayerische Politiker Otto Wiesheu. Im Familiennamen steht die Schreibung „-heu“ für altes „-hay“. Das Wort gehört zu „hegen, Gehege, Hag“.

In seltenen Fällen differenziert die Orthografie zwischen altem und neuem „ei“, etwa bei „Saite – Seite, Waise – Weise, Laib – Leib, Laich – Leich(e)“. In den mundartlichen Lautungen tritt der Unterschied deutlich in Erscheinung: „ei“ für mittelhochdeutsch „î“, aber „oa, oi“ für altes „ei“. Ein „Loaberl“ isst man, ein „Leiberl“ zieht man an. Aus dem „(Froosch-) Loach“ entwickeln sich Kaulquappen, die „Leich“ bedeutet ‚toter Körper‘ – im Bairischen auch ‚Beerdigung‘ (oft mit zusätzlichem „t“ am Wortende: „Leicht“). Belege aus der Literatur: „Es gab eine riesige Leich, von der das Amdorfer Wochenblatt einen ellenlangen Bericht brachte. – Die Blasmusik, die sonst bei Hochzeiten und Leichen aufspielte. - Es war eine schöne Leich mit allen Anverwandten“ (O. M. Graf, W. J. Bekh, Albert Wimschneider). Ein Minimalpaar liegt vor mit den Verben „leicha“ (leihen) und „loacha“, eigentlich ‚laichen (von Fröschen)‘. In übertragenem Sinne tritt es auf: „Mia ham a Deckn ausbroatt und uns in da Sunna gloacht.“ Hier bedeutet das Wort ‚sich aalen, räkeln‘.

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