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A so a Brathendl, des daad mi o-weing

Leser fragen – der Regensburger Dialektforscher Ludwig Zehetner antwortet: Dieses Mal geht es um Gelüste und Abfälligkeiten.

  • Einem Brathendl vom Grill kann man nur schwer widerstehen. Foto: dpa
  • Auch eine Wasserspritze kann „entrisch“ sein. Foto: dpa

A Brathendl, des daad mi o-weing.

Wenn einem der Sinn nach etwas steht, wenn einen etwas „anlacht“, sagt man: „Des weigt mi o.“ Jemand äußert: „A so a Brathendl, des daad mi iatz o-weing.“ Ein anderer: „D’Wiesn, de weigt mi fei gor ned õ“ (Das Oktoberfest reizt mich gar nicht). Auch der erotische Bereich kann angesprochen sein, so etwa in einem Text von Hans Hösl, wo es heißt: „… daß sell Gspiel d Mannsbuida oweigt – do werns oisambde bolzaugad.“

Das Verb „anweigen“ dürfte im gesamten bairischen Sprachraum bekannt (gewesen) sein. Es bedeutet annähernd dasselbe wie „glustn“: gelüsten, Lust oder Appetit auf etwas haben. Geradezu faszinierend finde ich, dass darin der altdeutsche Wortstamm „wîc, wîges“ (Kampf, Streit) steckt, womit sich für „anweigen“ als ursprüngliche Bedeutung ergibt: anfechten. Das Wort ist verwandt mit „Weigand“ (der Kämpfende, der Held) und mit dem Bestandteil „-wig“ in Namen wie Hedwig, Herwig, Ludwig usw. Letzterer geht zurück auf das ältere Chlodwig (chlod: laut, berühmt; wig: Kampf).

Diese Frage kam von Josef Winkler.

A Duchad-Ziach, was ist das?

Für Oberbett, Plumeau, Bettdecke kennt man im Bairischen die Bezeichnungen „Duckert“ [duckad] oder „Duchert“ [duchad], auch mit der Erweiterung um „-ziach“. In Österreich hoch- und schriftsprachlich ist „die Tuchent“, ein Lehnwort aus dem Tschechischen (duchenka). Bairisch „der Tuchert“ ist nur mundartlich verbreitet. Mit „(der/die) Duckert“ könnte eine Mischform aus „Tuchent“ und „Decke“ vorliegen.

Bairisch „Ziach“ für Bettüberzug ist von interessanter Herkunft. Es handelt sich um eine frühe Entlehnung des griechisch-lateinischen Worts „theca“ (Hülle, Decke). Im Rahmen der gesetzmäßigen Konsonantenverschiebung (vom Indogermanischen zum Deutschen) entstand „z“ aus „t“, und „ch“ aus „k“. Das lange „e“ der indogermanischen Sprachstufe entwickelte sich zum Zwielaut „io“ (althochdeutsch: ziohha) und weiter zu „ie“, bairisch „ia“: Ziach, verhochdeutscht: Ziech.

Diese Frage kam von Josef Winkler.

Stichsauer sàn’s,de Weinbierl.

Im schlimmsten Fall können Johannisbeeren „kiersauer“ oder „stigsauer“ sein. Foto: dpa
Im schlimmsten Fall können Johannisbeeren „kiersauer“ oder „stigsauer“ sein. Foto: dpa

Sind Früchte oder ein Getränk arg sauer, so benennt man diese Qualität im Dialekt um Kelheim herum als „stigsauer, stichsauer, stechsauer“. Vielleicht hängen auch die alten Bezeichnungen „Stich-, Stickbeeren“ für Stachelbeeren damit zusammen. Mit „stich-“ kommt eine Intensivierung zum Ausdruck; „stichdunkel“ bedeutet dasselbe wie „stockfinster“. In der Chamer Gegend kennt man das Adjektiv „kersauer“, um Waldmünchen herum „kiersauer“. Dort sagt man zum Beispiel „De Wei’bierl (Johannisbeeren) hàn a no kiersauer“, also unangenehm sauer, da noch nicht ganz ausgereift. Den Wortteil „kier-“ zu klären, ist nicht ganz einfach. Am nächsten kommt Schmellers Eintrag „sich verkirnen, derkirnen“: zum Husten reizen (Band I, Spalte 1294). Die Beeren sind so sauer, dass man husten muss.

Eine Frage von Marina Zenger aus Essing

A rechte Bamperlwirtschaft is des.

„Geh ned zum Schmiedl, sondern liaber glei zum Schmied. Nimm a gscheids Baugschäft, ned so Bàmperl-Firma!“, so rät man dem Bauwilligen. Der Wortzusatz (Präfixoid) „Bàmperl-, Pàmperl-, Bemperl-“ bringt zum Ausdruck, dass man etwas abfällig einschätzt: als zu klein, minderwertig, verachtenswert, kläglich, ärmlich; auch das nicht-bairische Wort „mickrig“ trifft die Sache. Man hört von einem Bàmperlbetrieb (so einer wird auch „Quetschn“ genannt), einem Bàmperlzirkus. Gegen die Einkehr in einer bestimmten Gaststätte spricht das Argument: „’s Essen is nix und ’s Bier is làck (abgestanden), is halt a rechte Bàmperlwirtschaft.“ Erbost verlässt jemand den Schreibwarenladen und schimpft: „Ned amoi a gscheids Briafpapier ham s’ in dem Bamperl-Lodn.“ Über einen ungeschickten Bürgermeister liest man bei Ludwig Thoma: „Jetzt blamiert er ganz Kraglfing und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig.“ Nicht nur als Erstglied von damit gebildeten Wörtern begegnet uns Bàmperl, sondern auch als selbstständiges Substantiv. Enttäuscht stellt der Gartenbesitzer fest, dass an den Apfelbäumen zwar „gnua dro is“, aber halt „lauter Bàmperl“, also kleine, unreife Früchte. In Bezug auf ein kleines Kind hört man: „Wos is’n los mit dem Bàmperl?“ Dies führt wohl auf die richtige etymologische Spur. Zugrunde liegen dürfte italienisch „bambola“ (Puppe), ferner „bambino“, älter „bambo“ (Kind). Vielleicht kommt daher auch „Bams, Bamps“ (lästiges kleines Kind). Ein solches bezeichnet man in Österreich abfällig als „Bamperletsch“.

Die Frage stellte Hans Inkoferer.

Die entrische Wasserspritze der Feuerwehr

Beim Festzug durchs Dorf führt die Feuerwehr eine altertümliche und geradezu unheimlich wirkende Spritze mit, die als „entrisch“ charakterisiert wird. Das Adjektiv tritt auch auf in der Form „ànterisch“, was die Verwandtschaft mit „ant“ zeigt. „Wenn i dran denk, wia des weidergeh soi, na werd ma ganz ant“ (unheimlich zumute).

In der Legende „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma findet sich der Satz „Dös Streitn, dös tat ins grad ant“ (Streiten täte uns leid, uns bedrücken). Mit „ant“ kann gemeint sein: ungewohnt, schmerzlich, unbehaglich, unheimlich. Einem wird vom Arzt der Alkoholgenuss verboten und seine Freunde kommentieren: „Des werd eam aber ant doa“ (ant tun: es wird ihm schwerfallen, er wird darunter leiden). „Antheit“ bedeutet: Sehnsucht, Heimweh, Zeitlang. Im mittelalterlichen Deutsch gab es die Wörter „anto, ande“ (Missgunst, Neid, Zorn, Ärgernis, Strafe) und „andunge“ (Gemütsbewegung). Das heutige hochsprachliche Verb „ahnden“ geht darauf zurück.

Die Auskunft wünschte Berta Müller.

Bairisch zum Durchklicken – unsere Bildergalerie:

„A dos Ding“ – was ist damit gemeint?

Harald Beck ist dabei, einen Text für den Druck vorzubereiten, den seine Urgroßmutter Elise Beck 1902 handschriftlich hinterlassen hat; es handelt sich um eine Charakteristik des niederbayerischen Volksschlags. Im Manuskript traten verschiedene sprachliche Probleme auf, die aber nach und nach allesamt geklärt werden konnten. Ungelöst blieb schließlich nur der Satz „Dös is a dos Ding“. Zunächst wurde das Wort „dos“ für einen Schreibfehler gehalten. Doch dann entdeckte Herr Beck im Niederbayern-Buch von Joseph Schlicht, erschienen 1898, genau denselben Satz, der in einer Fußnote erläutert wird: „Das ist ein angethanes Ding.“ Damit war der Weg aufgezeigt, dass es sich bei „dos“ um die lautgetreue Verschriftung der mundartlichen Form des Perfekt-Partizips von „tun“ handelt, versehen mit der Flexionsendung „-s“, schriftdeutsch „getanes“. So ergibt sich für „Dös is a dos Ding“ die Bedeutung: Das ist eine unumstößliche, eindeutige Tatsache, an der nicht zu rütteln ist.

Mit Dank an Harald Beck für seine geduldige Suche

Alle Teile der MZ-Dialektserie finden Sie hier.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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