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Auf dem „gààchen Steig“ in den Gasteig

Zum Monatsende gibt es Wissenswertes rund um den Dialekt. Prof. Zehetner beantwortet unter anderem die Frage, warum der Fußball früher ein Kudern war

Die Philharmonie im Müncher Gasteig. Eine alte Form des Namens ist „Gachsteig“, der steile Anstieg zum Isar-Hochufer.Foto: dpa

„Ees spülts ja mid ara Blunzn. Habts’n koa richtige Kudern?“

Ein minderwertiger, verbeulter, schrumpeliger Fußball, mit dem die Buben, in Ermangelung eines besseren, noch bis in die 1960er Jahre vorlieb nehmen mussten, wird als „Kudern“ bezeichnet – jedenfalls in Regensburg. Noch heute hört man das Wort in scherzhafter Verwendung. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit dem (veralteten) Verb „kudern“ = ‚Falten werfen, sich bauschen‘. (Dieses hat wohl auch zu „Koder, Goderl“ geführt, wie man die hängende Haut unterm Kinn nennt.) Nicht ganz abwegig ist es, für die Etymologie von „die Kudern“ auch „Kutteln, Kuttelfleck(e)“ (Innereien von Schlachttieren) in Betracht zu ziehen, wurden doch notfalls mit Wasser gefüllte Schweinsblasen zum Fußballspielen verwendet. Dann hieß es: „Ees spülts ja mid ara Blunzn, a Blodern! Habts’n koa richtige Kudern?“ Heute spielen unsere Kinder nicht mehr mit „Kudern, Saublodern“ oder „Blunzn“. Sie haben perfekte Fußbälle zur Verfügung. (Um eine Erklärung bat Christl Höchstetter-Meier.)

Es kànnt gàlen zum Renga ofanga

„I moch d’Fenster zou, wenn i zon Eikàffa fohr. Es kànnt gàlen zum Renga ofanga“ – es könnte unerwartet schnell zu regnen beginnen. Bei „gàlen“ handelt es sich um eine verschliffene Ausspracheform von „gààchling, gähling(s)“, den bairischen Entsprechungen von hochsprachlich „jählings“. Zu „gach, gäch“ gab es in Mitteldeutschland regionale Nebenformen mit anlautendem „j“ und mit Dehungs-h statt „ch“; mit Martin Luthers Schriften hat sich „jäh“ verbreitet. Für das 8. Jahrhundert ist „gâhi“ belegt, was zu mittelhochdeutsch „gæhe“ führte, dem in den heutigen Mundarten „gààch“ entspricht. Das Wort tritt in mehreren Bedeutungsschattierungen auf: (a) ‚plötzlich, unerwartet‘: „er schreckt gààch auf; a gààche Hitz, a gààche Kältn“; (b) ‚wild, draufgängerisch, überstürzt handelnd‘; (c) ‚jähzornig, aufbrausend‘; (d) ‚steil‘: „a gààche Steigung“. Zu (a) gehört das in Frage stehende Adverb „gààchling, gààlen“. Verdeutlichend zu (b, c) sind die Wörter „gààchgiftig, gààchzornig“. Von (d) hergeleitet sind Orts- und Familiennamen wie „Gasteig, Gasteiger, Gastager, Gahleitner, Gastein“. In der Gemeinde Grünwald im Isartal liegt „Geiselgasteig“ mit der Bavaria Filmstadt, dem ‚bayerischen Hollywood‘. Als Zentrum des kulturellen Lebens in München firmiert „der Gasteig“; die Philharmoniker sind „im Gasteig“ zu Hause. Eine alte Form des Namens ist „Gachsteig“, das ist der „gààche Steig“, in München der steile Anstieg des Isar-Hochufers. Bedauerlich ist es, dass sich die sinnwidrige, falsche Aussprache „Gas-téig“ durchgesetzt hat: mit „s-t“ und Betonung der 2. Silbe. Richtig wäre selbstverständlich „Gáschdeig“. Man sieht, zu „gàlen“ gibt es eine ganze Menge Interessantes. (Die Frage stellte Erika Dreher aus Furth i. W.)

Der Unterschied zwischen Eimer und Zuber

Unter „Eimer“ versteht man einen Kübel mit nur einem Tragegriff. Im Gegensatz dazu hat ein „Zuber“ zwei Henkel. Zurecht vermutet man, dass hier die Zahlwörter „ein“ und „zwei“ drinstecken. Bei „Zuber“ trifft dies uneingeschränkt zu (althochdeutsch „zwipar, zwibar“). Die Silbe „-ber, -bar“ gehört zu „beran“ = ‚tragen, hervorbringen‘. (Unmittelbar verwandt ist englisch „to bear - bore - borne / born“). Im Neuhochdeutschen ist das einfache Verb nicht mehr lebendig; jedoch findet sich der Wortstamm in „gebären, Geburt, gebaren, gebärden, Gebärde, entbehren“ (ursprünglich: ‚nicht bei sich tragen‘). Der Grundbedeutung am nächsten kommt „die Bahre“, eine Trage zum Transport von Kranken. „Tragbahre“ ist eine tautologische Wortbildung, da dieselbe Bedeutung zweimal erscheint. Die „Totenbahre“ dient zur „Aufbahrung“ eines Verstorbenen. Zu erwähnen ist ferner die mundartliche Bezeichnung für eine bestimmte Art von Schubkarren: die „Rawéan“. Das Wort ist aufzulösen als „Rad-bern, Rad-bere(n)“ – und wieder sind wir angelangt beim alten Wortstamm „beran“ = ‚tragen‘. (Andere recht ähnliche Geräte heißen „Ràdltrage(n), Scheibtruhe(n), -truchen“). – Zurück zum „Eimer“. Zwar sind altdeutsche Formen wie „eimber, einber“ überliefert, die das Zahlwort „ein“ enthalten – wegen nur eines Henkels im Gegensatz zum „Zuber“, dem zweihenkeligen Bottich. Doch die Anlehnung an „ein“ erfolgte erst sekundär. Tatsächlich ist „Eimer“ entlehnt aus lateinisch „amphora“, dies aus griechisch „amphi-phoreús“, womit ein an beiden Seiten („amphi-“) zu tragender Krug bezeichnet wurde. Griechisch „phórein“ bedeutet ‚tragen‘ – dasselbe wie altdeutsch „beran“, englisch „bear“. Selbstverständlich sind die Wörter miteinander verwandt. Und so schließt sich der Kreis: Der „Eimer“ hat nur einen Tragegriff, der „Zuber“ deren zwei – wie die antike „Amphore“, die dem Wort „Eimer“ zugrunde liegt. (Die Anregung lieferte Erich Uttendorfer)

Mia ham se lang nimmer gseng – „Wir haben sich gesehen“?

„Mia ham se lang nimmer gseng. – Wir haben sich lang nicht mehr gesehen.“ Der mundartliche Satz ist üblich, die silbengetreue Übertragung in die Schriftsprache jedoch unmöglich. Im Dialekt fällt das unbetonte Personalpronomen „wir“ lautlich zusammen mit „man“, beide Pronomen erscheinen einheitlich als „ma“. (Synkretismus nennt man in der Sprachwissenschaft so einen formalen Zusammenfall). Dies führt zu Sätzen, die grammatikalisch falsch zu sein scheinen. Auf dem Weg zum Biergarten wird der Nachbar gefragt: „Àh, kàffma(r) uns a Màsserl?“ – oder aber: „Kàffma se a Màsserl?“ Zwei Freunde treffen sich: „Etz hamma se scho lang nimmer gseng. Wann dreffma se wieder?“ Eine Parkbank lädt zum Verweilen: „Schau, do kennma se hinsitzn.“ Statt ‚Duschen wir uns‘ hört man: „Dàmma (deamma, douma) se duschn“ (‚Tun wir sich duschen‘). Wir stellen die Vermengung von zwei Konstruktionen fest: „kaufen wir uns“ wird überlagert von „kauft man sich“; „wir haben uns gesehen“ von „man hat sich gesehen“; „treffen wir uns“ von „trifft man sich“; „da können wir uns hinsetzen“ von „da kann man sich hinsetzen“; „tun wir uns duschen“ von „tun man sich duschen“. Das Verb weist zwar die von „ma (= wir)“ geforderte Mehrzahlform auf, andererseits suggeriert das Lautgebilde „ma“ aber singularisches „man“, wodurch das Reflexivpronomen „sich“ ausgelöst wird.

Während es sich bei der genannten Vermengung von „wir / man“ und der daraus folgenden Fortführung des Satzes mit „sich“ um eine relativ junge mundartliche Erscheinung handeln dürfte, ist die Setzung von Formen des persönlichen Fürworts („ihm, ihnen, …“) anstelle von „sich“ wesentlich älter. „Gforchtn hat er ihm vor gar nix“ (gefürchtet hat er sich …), heißt es über den Brandner Kaspar in Franz von Kobells Novelle (1871). „Er hod eahm nix denkt dabei. Scheniert hods ihra koa bissl. Na ham deine Leid amoi a Wochnend fia eahna. Buitn S’ Eahna bloß nix ei drauf!“ (er hat sich nichts gedacht; geniert hat sie sich nicht; dann haben deine Eltern ein Wochenende für sich; bilden Sie sich nichts ein). Nicht nur bei männlichen Personen wird reflexives „eahm“ gebraucht, sondern auch bei weiblichen. „Da hats Annamirl ’s Trenzen aufghört und hat eahm denkt …“ (hat sich gedacht; Georg Lohmeier). Hans Hösl kritisiert eine aufreizend posierende Frau: „Wos braucht sie eahm a so glusti danistelln?“ (Was muss sie sich so lüstern hinstellen?) (Die Anregung lieferte Jakob Weiß)

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