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Mundart

Bei de Pfàra und de Bàddan

Es geht um Kuriosa der Mehrzahlbildung im Bairischen.

„Die Gläubigen sind zu den wortgewaltigen Patern und ihren Predigten herbeigeströmt.“ Foto: dpa

Regensburg. Bei der Mehrzahlbildung der Hauptwörter leistet sich die deutsche Sprache recht hohen Aufwand. Im Vergleich zum Englischen, wo nahezu sämtliche Substantive den Plural auf „-(e)s“ bilden (abgesehen von zählbar wenigen Ausnahmen, wie z. B. „man – men, woman – women, child – children, mouse – mice“), kennt das Deutsche recht vielfältige Möglichkeiten: (1) „-n“ oder „-en“ (Katzen, Semmeln, Menschen), (2) „-e“ (Briefe, Jahre), (3) „-e“ mit Umlautung des Stammvokals (Hände, Bäume), (4) „-er“ (Kinder), (5) „-er“ mit Umlautung (Bücher, Häuser), (6) unverändert gegenüber der Einzahl (Teller, Stiefel, Mädchen), (7) dergleichen, aber mit Umlautung des Stammvokals (Väter, Mütter, Mäntel); bei bestimmten Wörtern tritt im Süden Deutschlands Umlaut auf (Bögen, Wägen), im Norden dagegen nicht (Bogen, Wagen), (8) „-s“ bei Fremd- und Kurzwörtern (Autos, Profis, Pkws).

Oa Wiesn, d’Wiesn

Welche von diesen Möglichkeiten verwirklicht auch das Bairische? Aus lautlichen Gründen scheidet die Mehrzahlbildung mit „-e“ aus. Ein „-e“ am Wortende fällt der Nebensilbenschwächung zum Opfer oder verwandelt sich zu „-(e)n“. Für ‚Wiese‘ heißt es im Dialekt entweder „Wies“ (älter) oder „Wiesn“ (jünger). Als Bezeichnung der Münchner Theresienwiese, insbesondere für das dort stattfindende Oktoberfest, hat sich die Form „Wiesn“ (ohne Apostroph!) seit einigen Jahren auch in der Schrift durchgesetzt.

Wegen dem Wortausgang auf „-n“ sehen solche Singularformen aus, als handle es sich um Plural: „Kettn, Stubn, Pflanzn“ für hochsprachlich „Kette, Stube, Pflanze“. (Das mundartliche „-n“ erklärt sich als Übernahme aus den Beugungsformen; der 2., 3., 4. Fall Einzahl sowie die Mehrzahl von mittelhochdeutsch „kete, stube“ lautete „keten, stuben“).

In Abhängigkeit vom Laut davor wird die Endung „-n“ ausgesprochen als „-n, -m, -ng“ (Assimilation) oder „-a“ (Vokalisierung): „Kettn (Keen), Pflanzn, Abbadäckn, Lampm, Haum, Stum, Gruam (Groum), Stiang (Stäing); Wanna, Soaffa (Soiffa, Soiffm)“ für ‚Kette, Pflanze, Apotheke, Lampe, Haube, Stube, Grube, Stiege; Wanne, Seife‘.

Ein verzwickter Fall liegt vor mit „Hose, Hosen“. Ein Norddeutscher kauft sich „neue Hosen“ oder „ein Paar Hosen“ und meint damit ein einziges Stück; bei uns fasst man dies als Plural auf und versteht es als ‚mehrere, ein paar Hosen‘. Zwar sagt auch der Altbayer: „a neie Hosn“, aber der identische Wortausgang auf „-n“ ist unterschiedlich zu interpretieren.

Während mit norddeutsch „Hosen“ tatsächlich eine Pluralform vorliegt (vgl. englisch „trousers, pants, shorts“ usw.), ist mundartlich „Hosn“ Einzahl. Süddeutsch-schriftsprachlich lautet die Einzahl „(eine) Hose“, die Mehrzahl „(zwei) Hosen“, eventuell verdeutlicht durch gedoppelte Endung: „oa Hosn, zwoa Hosna“ – mit quasi potenzierter Pluralmarkierung „-enen“. Diese wird lautlich verwirklicht als „-na, -an, -ma“. So erklären sich die Mehrzahlformen „Wiesna, Buama (Bouma), Frauna, Kirchan“.

Zu der oben unter Nr. (6) genannten Kategorie von Hauptwörtern, bei denen sich die Mehrzahl formal nicht von der Einzahl unterscheidet, gehört im Bairischen eine ungleich höhere Anzahl, nämlich prinzipiell all diejenigen, die in der Hochsprache den Plural mittels der Endung „-e“ bilden, z. B. „Tag – Tage, Berg – Berge, Tisch – Tische, Baum – Bäume“ usw.: „No a bor Dog, na fahrma in b’Berg. De Bàmm sàn mords grous woan“ (‚Noch ein paar Tage, dann fahren wir in die Berge. Die Bäume sind sehr groß geworden‘).

Im Großteil Altbayerns kennt man eine überraschende und eigenständige Möglichkeit zur Numerus-Differenzierung: die Wandlung der Silbenstruktur.

Es heißt „oa Fiisch“, aber „a Hauffa Fissch“. Hier macht man sich zunutze, dass einsilbige Wörter der Dehnung unterliegen. ‚Tisch, Fisch, Griff, Strick, Schritt, Brief‘ spricht man in der Einzahl mit langem Vokal und weichem Konsonanten: „Diisch, Fiisch, Griif, Striig, Schriid, Briaf / Bräif“. (Ohne die Dehnung der Einzahl bei ‚Pfiff‘ ergäbe sich kein Reim in dem Kindervers „Eisenbahn, Eisenbahn, Lokomotiv,/ wann sie kimmt, wann sie geht, / duad sie an Bfiif.“) Im Gegensatz dazu weisen die Mehrzahlformen gespannten Silbenschnitt auf: „Dissch, Fissch, Griff, Strick, Schritt, Briaff / Bräiff“, wo möglich mit zusätzlicher Umlautung des Vokals: „Koobf – Kepf; Groobf – Grepf; Stoog – Steck; a neia Roog – olle deine Reck; oa Soog – zwee Säck.“

Karl Valentin schildert in seinem Monolog „Die Uhr von Loewe“, was er für Probleme hatte, als er statt einer Taschenuhr eine Wanduhr trug: „Wie ich ’s erstemal mit der Wanduhr spazieren gegangen bin, sind mir immer die Kettln und die Gwichter unter die Füß neikommen. Schrecklich!“ Der Mehrzahl „Gewichter“ (statt: Gewichte) an die Seite zu stellen sind „Geschäfter, Gwàchser, Zelter“: „In de Bierzelta deaf àà nimma gràcht wean.“ Ebenso „Steiner (Stoana, Stoina), Beiner (Boana, Boina)“ zu ‚Stein, Bein (Knochen)‘ und „Menscher“ zu „das Mensch“ (weibliche Person).

Der Muadern sei Sach

Kasus- oder Numerusmarkierung mit „-n“ können im Bairischen Substantive auf „-er“ erhalten: „Im Wirtshaus hockan an etla Vodern (einige alte Männer). Dees is da Muadern sei Sach. Mein’ Bruadern hamma nauszahlt. Schau, in den Haus sàn lauter Doktern drin. An Budern hamma heind frisch ausgrührt (den Butter).“ In Ludwig Thomas Komödie „Erster Klasse“ überlegt Filser, wo er seinen Koffer ablegen soll, und beschließt: „Mein Kufern, den deamma etz do auffi.“

Auch das Fremdwort „Pater“ ist davon betroffen; statt lateinisch ‚Patres‘ steht „Patern“: „Die Gläubigen sind zu den wortgewaltigen Patern und ihren Predigten herbeigeströmt“ (Eugen Oker). „So hat der Kobrater den armen Michl gleich zu den Missionspatern geführt“ (Franz Schrönghamer-Heimdal).

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