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„Den Butter“ auf „das Teller“ legen

Die MZ-Leser haben wieder zahlreiche Fragen zum bairischen Dialekt – zum Beispiel, warum Butter mal männlich, mal weiblich ist.

„Bi staad,


wal sunst schebert’s!“

Als Imperativ Singular zum Verb „sein“ kennt das Bairische die Form „bi“ anstelle von „sei“. Toni Lauerer schreibt: „Und ejtz bi staad, wal sunst schebert’s!“ Als Entsprechung für die hochsprachliche Anweisung ‚Sei still!‘ ist „Bi staad!“ als feste Fügung verbreitet. In anderem Zusammenhang hört man „bi“ kaum noch. Aus einem Buch von 1944 stammt der Satz: „So, iß und trink und bi gern söll“, d. h. ‚sei gern da‘. Aus heutiger Sicht ist der Imperativ „bi“ lautgleich mit der 1. Person Singular: „i bi“ (ich bin). Dies deckt sich damit, dass dies auch bei anderen Verben zutrifft. Die Aufforderungen „gib!, nimm!, iss!“ (hochsprachlich wie bairisch) sind formgleich mit der bairischen 1. Person Singular „i nimm, i gib, i iß“. Tatsächlich geht die Form „bi“ auf den althochdeutschen Imperativ „bis“ zurück, den beispielsweise das Rheinische bewahrt hat; dort sagt man „Bis ruhisch!“.

Die Auskunft wünschte Angelika Blößner.

Warum ist ein kleines Kind


ein „Hosendrädrä“?

Ein kleines Kind kann als „Hosendrädrä“ bezeichnet werden. Mit Silben-Reduplikation und Betonung auf der 2.Silbe weist „-drädrä“ eine Struktur auf, die für kinder- bzw. ammensprachliche Wortbildungen typisch ist. Solche Lallwörter sind z. B. „À-à“ für das ‚große Geschäft‘, „Bä-bä“ für ‚Schmutz‘ oder „bä-bä“ für ‚pfui, dreckig‘, „Bi-bi“ für ‚Henne‘, „Go-go“ für ‚Gockelhahn‘, „Ga-ga“ für ‚Ei‘, „Mo-mo“ für ‚getrockneten Nasenschleim‘, „Dä-dä“ für ‚Ade‘, „Lu-lu“ für ‚Urin‘, „Wu-wu“ für eine ‚Kinderschreckgestalt‘, und „Wuzi-wuzi“ für ‚kleiner Finger‘. Auch „Mamma, Pappa, Poppo, Pippi“ gehören in diese Reihe; allerdings werden letztere Wörter im Bairischen auf der 1.Silbe betont, im nördlichen Deutsch auf der 2. Silbe. Bei Wortzusammensetzungen ist (wie im Deutschen überhaupt) das Verhältnis zwischen den Elementen nicht festgelegt (man denke einmal nach über Wortbildungen wie „Kalbsschnitzel – Kinderschnitzel“). Bei „Hosendrädrä“ scheint das Verhältnis so zu sein, dass „Drädrä“ in die „Hose(n)“ gemacht wird. „Drädrä“ ist wohl der gedoppelte Anfang von Verben wie „drädern, tredern, triadern“ in der Bedeutung ‚Flüssiges tropfenweise verschütten, trenzen‘. Demnach ist ein „Hosendrädrä“ jemand, der in die Hose bieselt.

Die Frage stellte Ernst Mayer aus Kelheim.

Warum heißt es in Bayern


„der Butter“?

Diese Frage wird häufig gestellt. Eigentlich müsste sie aber lauten: „Warum heißt es schriftsprachlich ‚die Butter‘?“ Denn die Entsprechungen in den Nachbarsprachen Französisch und Italienisch sind männlich: „le beurre, il burro“. Dabei handelt es sich wie bei deutsch „Butter“ und englisch „butter“ um die Nachfolger von spätlateinisch „butyrum“, was seinerseits aus griechisch „boútyron“ (Kuhquark) entlehnt ist, beides Neutra, die im Französischen und Italienischen zu Maskulina geworden sind. Einschlägige Wörterbücher geben an, dass „der Butter“ im gesamten oberdeutschen Sprachraum gilt, also in Bayern, Österreich, Südtirol, Baden-Württemberg und in der Schweiz.

Versuchen wir also zu klären, wie es zu schriftsprachlich „die Butter“ gekommen ist, obwohl doch die Großzahl der Substantive auf „-er“ männlichen Geschlechts sind: „Vater, Keller, Bäcker, Sommer, Winter“ usw., schriftdeutsch auch „der Teller“. Überliefert ist althochdeutsch „butira“ (das ist der Plural zu lateinisch „butyrum“), und diese Form hat man wegen der Endung „-a“ als Femininum aufgefasst. Süddeutsch „der Butter“ scheint gestützt worden zu sein durch die alten germanischen Maskulina „der Anken, der Schmer“ (womit das aus Milch gewonnene Fett ehedem bezeichnet wurde) und wohl auch durch die Maskulina in den Nachbarsprachen. Wir bleiben dabei, dass es bei uns „der Butter“ heißt und dass wir „ihn“ auf „das Teller“ legen.

Die Frage stellte Hans Escher.

Der Hund hat ’s


Maß verzogen

Erweist sich der neue Zaun als schief, zipfelt der gekürzte Rock, misslingt ein Backwerk wegen eines falschen Verhältnisses der Zutaten – kurz: Wenn unpräzise gearbeitet wird, stellt sich der Kommentar ein, dass einem „der Hund das Maß verzogen hat“. Man fragt sich, woher diese Redensart kommt. Mit „Maß“ ist wahrscheinlich das Maßband oder der Meterstab gemeint, und solche Gegenstände können sehr wohl von einem spielenden Hund „verzogen“ werden, wobei „verziehen“ so viel wie ‚verschleppen‘ bedeutet, etwas an einen Ort bringen, wo man es kaum wieder findet. Demnach hat die genannte Wendung den Sinn, dass ohne Einhaltung der vorgegebenen Maße gearbeitet wurde, eben weil „oam da Hund ’s Mooß vazong hod.“

Die Frage stellte Ruth Königsberger.

„Mia sàn“ und


„mia hànd“

Selbstbewusst und stolz bekennen die Bayern: „Mia sàn mia“. Der Spruch existiert nur in dieser Form. Es ist Stadt-Bairisch, wo zwar „sàn“ für ‚sind‘ steht, nicht aber die eher ländliche Variante „hàn(d)“. Für das Pronomen ‚wir‘ erscheint zweimal die betonte Variante „mia“. Es könnte auch heißen „Mia sàmma mia“ mit unbetontem „ma“ quasi als Endung ans Verb angehängt (enklitisches Pronomen; ‚wir sind-wir wir‘). In städtischem Bairisch lauten die Formen der 1. und 3. Person Plural von ‚sein‘: „mia sàn(d), de sàn(d)“ (zurückzuführen auf „seind“, nicht „sind“). Steht das Personalpronomen hinter der Verbform, so gilt: „sàmma, sàns“ (sind wir / sie).

Ausschließlich im eher ländlichen Basisdialekt des mittelbairischen Zentralgebiets, also in Oberbayern, Niederbayern und in der südlichen Oberpfalz, fällt als Besonderheit auf, dass das anlautende „s“ durch „h“ ersetzt erscheint: „mia hàn(d), ees hàts, de sàn(d)“. In Anerkennung ihrer respektablen Erfolge bekommen die Fußballspieler zu hören: „Hunt hàts scho!“ Die bairische Literatur (hier Emerenz Meier und Wolfgang Johannes Bekh) liefert weitere Beispiele: „Es hand ja a drei a viere da, glaub i. – Wann mir aber amal so reich han wiar ös ... – Hast recht, Dirndl, d’Leut hand Teufeln. – Aba iatz hàmma eh scho‘ hoibat dafrert. – Dees hand Zacherl“ (Tränen).

Eine Kostbarkeit von 2008 ist ein „Abstract in Midwestern Bavarian“, das der Chemie-Professor Rafael Berger seinen Ausführungen in der internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift „Chemistry. A European Journal“ voranschickt, worin er basidialektales Bairisch verwendet, unter anderem dreimal „hànd“: „[...] Wenn ma des [...] durchleichd, kimmds auf, das do Ringal vo jäweils fimbf Adome drinna hand, bei dene wo de Siliziumadome und de Stickstoffadome grod 2,712 Å ausananda hand. [...], das do [...] andaschde Konformera [...] aa no drinna hand.“

Mit „(mia) hamma – hàmma“ (wir haben – sind) liegt ein mundartliches Minimalpaar vor; allein der Öffnungsgrad der a-Laute macht den Unterschied.

Außer in den genannten Verbformen von ‚sein‘ gab es früher die Lautung „Henft, Heaft“ für ‚Senf‘, bairisch „Senft“. Als abschätzige Bezeichnung für einen einfältigen, blöden Kerl hörte man neben „Senftl“ auch „Heaft“. Josef Schlicht verfasste ein Volksstück mit dem Titel „Der Heäft“. Dem bairischen Lautersatz „s/h“ an die Seite stellen lässt sich auf indogermanischer Stufe die Entsprechung von lateinisch „s“ und griechisch „h“, z. B. „sex – hex, septem – hepta, super – hyper“.

Die Frage stellte Fritz Gmeiner.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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