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Mundart

Der Himmelvatter schimpft

Sommerwetter: Die sprachliche Seite von Blitz und Donner – und etliches drum herum

Blitze über München: „Himmlazen“ sagt man auf Bairisch zum Wetterleuchten. Foto: dpa

Wenn das Thermometer Temperaturen über 30 Grad Celsius zeigt, wie wir es heuer an vielen Tagen erlebt haben, dann ist die Hitze „bummerisch“, es hat eine „Prügelhitz“ oder eine „Bluadshitz“, unter der Menschen und Tiere leiden. (Das Adjektiv „bummerisch“ heißt ‚stark, gewaltig‘ (vgl. „Bummerl“ – Zuchtstier); auch der Zusatz „Prügel-“ wirkt bedeutungsverstärkend. Das Präfixoid „Bluts-“ bringt Verachtung zum Ausdruck.) Auch von einer „gàchen Hitz“ ist die Rede. (Bairisch „gàch“ hier im Sinne von ‚heftig‘). Kommt hohe Luftfeuchtigkeit dazu, wird es „dàmpfig“ und „schwilch (schwülch, schwäich; ‚schwül‘), die Menschen fühlen sich „abgeschwilcht (o-gschwäicht)“, d. h. antriebslos und schlapp.

Glockengeläut und Wetterschießen

Türmen sich schwarze Wolken auf und vernimmt man in der Ferne ein erstes Donnergrollen, dann ist klar: Es kommt „a Weda“. Das Wort „Wetter (Weda)“ wird im Bairischen auch in der Bedeutung ‚Unwetter, Gewitter‘ verwendet. Die gläubige Familie zündet eine „Wetterkerze“ an, meist ein schwarzes Wachsstöckl, und versammelt sich zum Gebet im Herrgottswinkel. Vom Kirchturm her ertönt das „Wetterläuten“; das drohende Unwetter soll durch Glockengeläut vertrieben werden. Gleiches soll das „Wetterschießen“ bewirken, nämlich durch Böllerschüsse. Ähnliches schrieb man dem Blasen des „Wetterhorns“ zu.

Zu den Kindern sagt man, wenn es donnert: „Der Himmelvatter schimpft.“ Den Männern liegt ein Vergleich mit dem Kegelscheiben nahe (bairisch „Kegel scheiben, geschieben“, nicht „schieben, geschoben“). Mit „Alle neune!“ kommentieren sie das Donnergrollen. Eine Tonaufnahme des Bayerischen Rundfunks aus der Gemeinde Sonnen im unteren Bayerischen Wald enthält die folgende Schilderung: „Do is’s in Summa gwen, und oft [da] is a recht a graislads Weda kema [abscheuliches Gewitter gekommen].

Auf n Berg oom hànd d’Weda schiachli [hässlich] gwen. Und oft hamd de zwee Kuntn gfrevöd [da haben die zwei Kerle gefrevelt], Sprüch gmocht iwa de Weda do. ‚Ja, iatz ham’s an Juhizer gschiem, hod da oa gsoad [gesagt], wei wann’s recht daard [gedonnert] hod, dos is a Juhizer gwen. A Juhizer is, wann ma olle Kegl umscheibt, oi neine, do mua [muss] da Keglbua juhizn [juchzen]. ‚Ja, iatz ham’s an Juhizer gschiem. Dawei - bààdsch! – hod’s ei-ghaud e d’Hausdia, dàs d’Spreissln gflong hànd [eingeschlagen in die Haustür, dass die Splitter geflogen sind]. Woaßt, is a druckana Stroach gwen [trockener Streich]. Oft hànd’s [da sind sie] kàsweiß woan, oft hànd d’Sprüch goa gwen, owa schnöö [aber schnell].“

„Wetterschlag und Dunner“

Für ‚donnern‘ steht hier „dårn, doan“, wie in ländlicher Mundart üblich. Ein ‚Donnerschlag‘ ist ein „Dårer“. Emerenz Meier setzt in ihrer Ballade „Wödaschwüln“ [Gewitterschwüle] „Wetterschlag“ und „Dunner“: „Mi würgt der Wind, mi druckt der Tag, / Schwül wirds, es kimmt a Wödaschlag … / Der Dunner kracht, es blitzt und brennt. / Schlag, Herrgott, ein, und mach an End!“

Auf ein Gewitter folgt oft „Wetterleuchten“. Mit „leuchten“ hat das Wort ursprünglich nichts zu tun. Mittelhochdeutsch „weterleich“ gehört zum Verb „leichen“ mit der Bedeutung ‚tanzen, hüpfen, spielen‘. Maßgeblich war also der Eindruck, dass in der Ferne Blitze tanzten, hüpften. Später erfolgte volksetymologische Anlehnung an „leuchten“. Im Dialekt heißt diese Wettererscheinung „himmlazen, himazen“ oder man befindet, dass es den Himmel „abkühlt“. Wo die l-Vokalisierung gilt, fallen „kühlen“ und „kehren“ in der Lautform „kian“ zusammen, so dass man dort „an Himme o-kian“ als ‚den Himmel abkehren‘ auffasst. Sinn ergibt beides.

‚Dunst, trockenen Nebel bei Sommerhitze als Vorzeichen von Regenwetter‘ hat man als „Heide-, Heiden- Höhen-, Heer-, Heirauch“ bezeichnet. In den Mundarten des Bayerischen Waldes kennt man heute noch das Eigenschaftswort „hoarààchi, hoadarààchi, hoarucki“. In einem 2009 erschienenen Buch mit den Tagebucheinträgen von Josef Rambold aus Mühldorf am Inn über seine Radreisen um das Jahr 1900 findet sich der Satz: „Kaum sind wir über die Königswarter Brücke, da zeigt uns schon ein Blick durchs Fenster, dass es ziemlich starken Nebel reißt.“ Mit „Nebelreißen“ ist gemeint, dass Nebelfetzen und tief hängende Wolken ziehen, bei deren Aufreißen es dann fein regnet.

Bäuerliche Wetterregeln sind festgemacht an den Namensfesten von Heiligen. Weil es die Heuernte im Juni oft verregnet, bekam der hl. Medardus (8. Juni) den Spitznamen „Heubrunzer“. Auf den 15. Juni, den Tag des hl. Vitus oder Veit fiel vor der Einführung des Gregorianischen Kalenders die Sommersonnenwende; daher: „St. Veit hat den längsten Tag (Dooch), / Luzia (13. Dezember) macht’s mit der Nacht ihm nach (nooch).“ Über sommerliche Hitze und winterliche Kälte weiß man: „Laurenzi-Hitz und Sebasti-Kälten / bleiben aus gar wunderselten“. Lorenz ist der 10. August, Sebastian der 20. Januar. Als Variation zur Siebenschläfer-Regel gilt: „Wie das Wetter um Peter und Paul (29. Juni), so bleibt es gern bis Michaeli“ (29. September). Ferner sagt man: „Ist’s am Peterstage schön, / kann der Bauer zum Bier gehn“, d. h. wenn das Wetter an diesem ehemaligen Feiertag gut ist, braucht sich der Landwirt keine Sorgen mehr um die Ernte zu machen.

Dialektautor Ludwig Zehetner geht in die Sommerpause. Sein nächster Beitrag erscheint am 3. September.

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