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Die Blochan überm Blochanwoong

Der MZ-Experte Ludwig Zehetner erklärt wieder Wissenswertes rund um den Dialekt – unter anderem zum Thema grobe Leintücher.

Früher wurden in einem Blachernwagen Waren transportiert – heute ist die Fahrt mit dem Planwagen eine Attraktion für Kinder.
Früher wurden in einem Blachernwagen Waren transportiert – heute ist die Fahrt mit dem Planwagen eine Attraktion für Kinder.Foto: MZ-Archiv

Leg ’s Blodernscheitl o! Na sichst, ob dees grod is oder ned

Eine veraltete Bezeichnung für die Infektionskrankheit Pocken ist „Blattern“; daher „blatternarbig“ für „pockennarbig“. Im Dialekt hat „Blatter“ – auch in der Einzahl gilt die Form „Blodan“ – seine ursprüngliche Bedeutung bewahrt, nämlich Blase. Aus einer kochenden Flüssigkeit steigen „Blodern“ auf. Das bairische Verb dafür ist „blodern“; Norddeutsche sagen dazu „blubbern“. Weil unendlich quirlender Redefluss an dieses Geräusch erinnert, kann mit „blodern“ auch haltlos viel reden gemeint sein, und eine geschwätzige Person, meist weiblichen Geschlechts, wird „Blodern“ genannt.

Auch Ausbeulungen, Ausbuchtungen jeglicher Art heißen „Blodern“. Haftet die Tapete nicht sauber an der Wand, so stellt man fest, dass sie „blodert“, also „Blodern“ wirft. Ferner bezeichnet man als „Blodern“ die Blasen unter der Oberhaut als Folge von Verbrennung, Reibung oder Quetschung; das norddeutsche Wort dafür ist „Quaddeln“. Besonders schmerzhaft sind „Brandblodern“. Zwickt man sich mit einer Zange, bildet sich eine „Bluatblodern“; reibt ein zu enger Schuh, so führt dies zu „Wasserblodern“ am Fuß. Wundschorf als Folge einer Hauterkrankung oder einer Verletzung kann ebenfalls als „Blodern“ bezeichnet werden. „Hatte einer besonders viele verkrustete Blodern im Gesicht, dann verspotteten wir ihn wegen seines Rufernschmarrn“, liest man in den Kindheitserinnerungen von Hans Niedermayer.

Schließlich versteht man unter „Blodern“ die Harnblase. Früher haben die Buben oft mit „Saublodern“ Fußball gespielt, weil sie keinen ordentlichen Ball hatten. „Leg amoi s’Blodernscheitl o! Na sichst, ob dees grod is oder ned“, wies ein Handwerker seinen Mitarbeiter an. Mit „Blodernscheitl“ meinte er die Wasserwaage: In hölzerner Fassung befindet sich, in ein Glasröhrchen eingeschlossen, eine Luftblase – eine recht originelle und witzige Wortschöpfung. (Eingesandt von Peter Blodow aus Ehrenberg)

Wenn die Blahenwagen in den Schuppen stehen bleiben

Der Einsender schreibt, seine Mutter habe das über den Esstisch gespannte Wachstuch als „Blocha“ bezeichnet. Verhochdeutscht ist das „Blache, Blahe“ oder „Plache, Blache“. Das feste Sackleinen, das zur Abdeckung der Fracht über den Transportwagen gespannt wird, heißt mundartlich „Blochan“, und der Planwagen ist ein „Blochanwoong“. In einer Erzählung von Wilhelm Diess liest man: „Die Landstraßen wurden bald stiller, die schweren Fahrzeuge und die Blahenwagen blieben in den Schuppen stehen.“ Jegliche großflächige Folie kann als „Blochan“ bezeichnet werden, die Wachsleinwand-Tischdecke eben auch. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Plastikfolie, wenn es heißt: „Über Nacht decken sie die Baugrube mit einer Plachen ab.“

Auszugehen ist vom althochdeutschen Wort „plaha“ mit der Bedeutung grobes Leintuch. Aus den mit „-en“ gebildeten Beugungsformen von „plaha“ entwickelte sich „plachene, plahene“, was einerseits unmittelbar zu süddeutsch-bairisch „Blachen“ führte, andererseits aber, wenn der ursprüngliche Reibelaut „ch“ zum Dehnungs-„h“ abgeschwächt wurde und schließlich ganz verschwand, zur Kürzung „Plane“. Diese ostmitteldeutsche Variante des Wortes gilt heute als die in der Schriftsprache bevorzugte Form. Jedoch führt der Duden als landschaftliche Formen auch „Blahe, Blache, Plache“ auf, die in Österreich und in der Schweiz üblich sind – und eben auch in Altbayern. (Das fragte Margarete Sommerer.)

Ein Pflänzlein aus Fleisch? Schon seltsam

Hackfleisch, mit eingeweichtem Brot, Ei und Gewürzen vermengt und in flachgedrückter rundlicher Form in der Pfanne gebraten – dieses Gericht heißt im Norden „Frikadellen“ oder „Deutsches Beefsteak“, in Berlin „Buletten“, in Schwaben „Fleischküechle“, in der Schweiz „Hacktätschli“, in Österreich „faschierte Laibchen (Làberl)“ – und bei uns „Fleischpflànzl, Fleischpflanzerl“. Die letztgenannten Ausdrücke reihen sich ein in die beträchtliche Anzahl von Bezeichnungen, die ausschließlich in der Verkleinerungsform auftreten; die Linguisten sprechen hier von „idiomatisierten Diminutiven“. Auffallend viele davon gibt es im Bereich Essen und Trinken: „Brathendl, Ripperl, Würstl, (saures) Lüngerl, Grill-Pfàndl, Nockerl, Hàferl (Kaffee), Plàtz(er)l, Nussbeugerl“ sowie andere „Schmankerl“. Man fragt sich, wie es dazu kam, dass man eine aus Fleisch zubereitete Speise als „Pflanzl“ (das heißt Pflänzlein, kleine Pflanze) bezeichnet. Bei dem „l“ handelt es sich um einen sekundären Einschub, womit die an sich sinnwidrige Angleichung an „Pflanze“ erfolgte. Ursprünglich hieß es „Pfanzl“, gekürzt aus „Pfann-Zelt“, ein in der Pfanne gebratener Zelten. Im deutschen Süden meint man mit „Zelten, Zeltel“ ein flaches Gebäck, zum Beispiel „Lebzelten“ (Lebkuchen), hergestellt vom „Lebzelter“. Auch die einfachen Fladen, gebacken aus Mehl, Ei, Salz, Wasser oder Milch, die an Wallfahrtsorten gesegnet und von den Besuchern nach Hause mitgenommen werden, heißen „Zelten“.

In Roding gibt es die „Pankratius-Zelten“, in Hetzenbach die „Leonhardi-Zelten“, in Rainertshausen in der Hallertau die „Erhardi-Zelten“. Früher hat man Bonbons als „Zeltln“ (Zäitln, Zöltln) bezeichnet; es gab zum Beispiel „Husten-, Minzen-, Zwiefel-Zeltln“ und die weichen „Gummizeltln“. Von solchen unterschied man die aus Teig gebackenen Plätzchen (Plàtzln) als „bachane Zeltln“. Die ursprüngliche Bezeichnung „Hackfleisch-Pfann-Zelt (-Zeltel)“ veränderte sich zu „Fleischpflànzl“, oft mit erweiterter Diminutiv-Endung „Pflànzerl“ gebraucht. Diese Endung ist übrigens ausschlaggebend für die Aufhellung von „a“ zu „à“.

Ein gefüllter Pfannenkuchen heißt in Österreich „Palatschinke“, fast immer in der Mehrzahlform „Palatschinken“ gebraucht. Das Wort ist aus dem Tschechischen übernommen, wo „palacinka“ einfach Pfannenkuchen bedeutet. Verfolgt man die Wortgeschichte weiter zurück, gelangt man zu ungarisch „palacsinta“ und zu rumänisch „placinta“. Hier erkennt man unschwer den Ausgangspunkt: das lateinische Wort „placenta“ für flacher Kuchen und auch bereits in der uns geläufigen Bedeutung Mutterkuchen. (Um diese Auskunft ersuchte Margarete Sommerer.)

Etz hod er’s dahoam, sei Ziefern. Grod recht gschiecht’s eahm

Schier unzählig viele abfällige Ausdrücke kennt man in den bairischen Mundarten für fade, lästige, unsaubere, widerliche, liederliche Weibspersonen; einer davon ist „die Ziefern“. Hat ein unbeliebter Mann die Frau geheiratet, die man ihm boshaft gönnt, hört man: „Etz hod er’s dahoam, sei Ziefern. Grod recht gschiecht’s eahm.“ Zum selben Wortstamm gehört „das Ziefer“ für Kleinvieh, insbesondere Federvieh, ebenso „das Zieferl“, eine noch federlose junge Gans, im übertragenen Sinn eine schwächliche Person. In der Schriftsprache bezeichnet man Schadtiere wie Läuse, Flöhe, Ameisen etc. als „Ungeziefer“, früher einfach als „Geziefer“. Die Vorsilbe „Un-“ scheint hier verstärkend gemeint zu sein, wie dies etwa bei „Unmenge, Unzahl, Unsumme, Unkosten“ der Fall ist, so dass „Ungeziefer“ zu verstehen ist als besonders lästiges Geziefer, Viehzeug. (Die Frage stellte Peter von Cube)

„Há, Gispl, hä’st halt besser acht ’gébm!“

Nur mehr selten hört man den Ausdruck „Gispel (Gischpl)“; früher war er geläufig. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, dass meine Großmutter (Geburtsjahrgang 1867) zu mir gesagt hat: „Geh, du bist doch a Gischbe!“ (dort in Oberbayern mit Vokalisierung des auslautenden „l“), wenn ich etwas ungeschickt anstellte, zum Beispiel beim Einschenken in die Tasse die Hälfte des Tees verschüttete. Das Wort ist nicht beleidigend oder gar ehrenrührig wie etwa „Depp“. Ein „Gispel“ ist ungeschickt, tollpatschig, dalkert, leichtsinnig, etwas wirr, flatterhaft, er ist ein Kasperl, ein Spinner, ein Narr. Schmeller bringt in seinem „Bayerischen Wörterbuch“ den Beispielsatz: „Há, Gispl, hä’st besser acht ’gébm!“ Er führt das Eigenschaftswort „gispelhaft“ an, das er mit unbedachtsam erklärt. Zur Herkunft des Wortes macht er keine Angabe. (Eine Frage von Ruth Königsberger.)

Fragen an den MZ-Experten

  • Konzept:

    Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

  • Kontakt:

    Sie können Ihre Fragen als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder melden Sie sich mit einer Nachricht auf www.mittelbayerische.de/facebook. Ihre Briefe richten Sie an Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Str. 15, 93047 Regensburg.

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