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Die Grattler-Oper ist wieder da

Leser fragen, der Regensburger Dialektforscher Ludwig Zehetner antwortet. Diesmal geht es um ärmliche Leute und die Torerten.

Das Plakat zur „Grattler-Oper“, einem bayerischen Musical, das ab 7. Oktober im Sommerkeller in Wiesent aufgeführt wird
Das Plakat zur „Grattler-Oper“, einem bayerischen Musical, das ab 7. Oktober im Sommerkeller in Wiesent aufgeführt wird Illustration: B.S./Ali Stadler

Die „Grattler-Oper“ n wird wieder aufgeführt.

Das erfolgreichste Mundartstück der 1980er Jahre war das Musical „Grattler-Oper“ mit dem Text von Gerhard Löw und der Musik von Peter Michael. Jetzt setzt es die Münchner Iberl-Bühne erneut auf den Spielplan, und in Wiesent soll es ebenfalls alsbald aufgeführt werden. Was versteht man unter „Gràttler“? So nennt man einen schäbigen, heruntergekommenen Menschen, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, wofür auch Landstreicher, Vagabund, Zigeuner, Hamperer, Sàndler, Penner, Umhuterer (Umhoudara) gesagt wird. Schließlich kann mit „Gràttler“ auch ein primitiver Kerl gemeint sein, dem der Sinn für Höheres fehlt, ein Kleingeist, eine Krämerseele. Das Wort ist eindeutig ehrenrührig. „Wer einen anderen als Grattler beschimpft, zieht sich mit Sicherheit einen Grant zu, und zwar vermutlich einen ganz besonders groben“, schreibt Thomas Grasberger in seinem Buch „Grant. Der Blues des Südens“ (2012). Ursprünglich verstand man unter „Gràttler, Kràttler“ einen fahrenden Kleinhändler aus Tirol oder Italien, der seine Waren in einer „Kràtten“ oder „Kretzen“, einem Rückentragekorb, bei sich führte oder sie auf einem kleinen zweiräderigen Handkarren beförderte, einer „caretta“. Dieses italienische Wort liegt wahrscheinlich dem bairischen Dialektwort „Gràttler“ zugrunde. Scherzhaft nennt man heute einen Wohnwagen oder ein Wohnmobil „Gràttler-Villa“, und das „Gràttlermensch“ ist ein verkommenes Weibsbild. Das Verb „gràtteln“ verwendet man im Sinne von: ineffektiv arbeiten, sich mit sinnlosen Kleinigkeiten verzetteln. Es kann aber auch bedeuten: unduldsame, zänkische Reden führen. In dieser Bedeutung dürfte eine lautliche Vermengung mit „grànteln“ vorliegen.

Antwort auf eine Anfrage von Sebastian Schmid

I wirf den Klachl an d’Wand.

Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Foto: Archiv
Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Foto: Archiv

Der „Klàchel“ (ausgesprochen „Glààchl, Glààche“) ist grundsätzlich etwas, das schwer herunterhängt und hin und her schwankt. Das trifft bestens zu für den Schwengel in einer Glocke, den Klöppel, aber auch für den Hodensack gewisser Tiere, der ihnen zwischen den Hinterbeinen baumelt (Widderklachel). Ferner wird das Wort gebraucht für herunterhängendes Rotz (bairisch „das Rotz“, nicht „der Rotz, die Rotze“). In seinem Wörterbuch zitiert Schmeller folgendes Verserl aus einer alten Schulkomödie: „I schnupf kain’n Tabak, / i trag kain’n Schnupftuch in’n Sack, / i schneuz mi glei in d’Hand / Und wirf den Klachl an d’Wand.“ Auch schwerer Auswurf, ein zäher Schleimklumpen wird als „Klàchel“ oder „Klàcherling“ bezeichnet. Schließlich ist „Klàchel“ ein Ausdruck unter schier unendlich vielen, welche die Mundart parat hat für ein plumpes, vierschrötiges Mannsbild.

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Die Auskunft wünschte Willi Schnitt aus Wenzenbach-Thanhausen.

Der Dorade sitzt gegenüber.

Anstelle von: schwerhörig, taub verwendet man bei uns das Wort „torert“, ausgesprochen „dorad, doarad, dourad“. Man hört auch die Variante
„dearisch (törisch)“, die in Österreich gang und gäbe ist. Beide Formen sind abgeleitet von „der Tor“, der Narr – ebenso wie hochdeutsch „töricht“, das näher an der Grundbedeutung des Hauptworts bleibt. Wer aufgrund von Schwerhörigkeit oder Taubheit vieles nicht richtig erfassen konnte, den hat man kurzerhand als schwachsinnig abqualifiziert, als einen „Toren“ bezeichnet. Ein braver Katholik schlich sich wieder einmal in den Beichtstuhl, den er jedes Jahr zur österlichen Zeit in einer Klosterkirche aufsuchte. In der Annahme, er habe wieder den schwerhörigen Pater vor sich, murmelte er unverständliches Zeug. Doch der Beichtvater wies ihn ab, indem er ihn anfauchte: „Der Dorade sitzt heut gegenüber.“

Die Frage stellte Renate Blochberger aus Cham.

Des is a Gschrollter.

„Des is doch a Gschrollter“ oder „a Gschrollte“, so kann das abfällige Urteil über einen dummen, einfältigen, geistig nicht recht vollwertigen Menschen lauten. Ob ein Zusammenhang bestehen könnte mit „der Schrollen, Schroll“, wofür Schmeller (Band II, Spalte 601) als Bedeutung angibt: Erdklumpen, Scholle? Er informiert auch darüber, dass man einen ungelernten Arbeiter in einer Brauerei als „Schroll“ bezeichnet hat: „Mancher Maurer dient den Winter über als Schroll.“ Ferner werden dort aufgeführt die Adjektive „schrollhaft, schrollenhaft, schrollenmäßig“ in der Bedeutung: grob, vierschrötig, lümmelhaft. Das Verb „schrollen“ erwähnt Schmeller nicht, doch es existiert mundartlich für: übervorteilen, listig betrügen, hereinlegen, pràtzeln. Dazu passt das heute geläufige Partizip, wenn man sagt: „Den ham’s doch gschrollt“. Demnach ist ein Gschrollter eine Person, die sich als verschreckt, verrückt erweist, weil man ihr übel mitgespielt hat.

Um Auskunft ersuchte Rudolf Köppl aus Obertraubling.

Mach’s gscheid, ned so gitte-gàtte!

Ein verbreiteter Wortbildungstyp ist die Verdoppelung mit Variation des Vokals, so als läge Ablaut vor, was etwa bei „Singsang“ tatsächlich der Fall ist (ich singe, ich sang). In gleicher Art gebildet sind „Hickhack, Wirrwarr, Krimskrams, zickzack, schnipp-schnapp, plitsch-platsch“ und der Vogelname „Tschilp-Tschalp“. Ein Stockspiel, mit dem sich früher die Kinder auf der Straße die Zeit vertrieben, hieß „Klipp-klapp“. Ein altes Verserl lautet: „Bim-bam, / läutma zsamm / mit da langa Fahnastang“, wobei „Bim-bam“ den Glockenklang vergegenwärtigt. Spezifisch bairisch ist die Lautvariation „i – überhelles à“ bei reduplizierenden Wortbildungen wie etwa „Diridàri, Tingeltàngel, Mischmàsch, wigl-wàgl, wischi-wàschi“ sowie „Gribesgràbes“ (geheimnisvolles Ritual, Hokuspokus oder unleserliches Geschreibsel) und „Tick-tàck“ (kindersprachlich für: Uhr). In diese Reihe gehört auch „gitte-gàtte“. Mit der Aufforderung „Mach’s gscheid, ned so gitte-gàtte!“ ist gemeint: Mach es ordentlich, nicht bloß so nebenbei und flüchtig! Wird das Auftreten einer Frau so kommentiert: „Schau, gitte-gàtte, wia s‘ wieder daherkimmt!“, so beinhaltet dies Verachtung für ihre geschmacklose Aufmachung. Als „girdi-gàrdi, girda-gàrda, gigate-gogate“ hat J. A. Schmeller die Vorläufer des heutigen Ausdrucks bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts festgehalten, und zwar in der Bedeutung „über Hals und Kopf, in aller Eile, flüchtig“ (Band I, Spalte 935 und 879).

Mit Dank an Markus Götz für seine Anregung.

Für einen norddeutschen Urlauber in Bayern kann es oft schwierig sein, mit den Einheimischen zu kommunizieren. Aber woran liegt es, dass Bairisch so schwer zu verstehen ist? Einige Antworten, Fakten und Kuriositäten liefert unsere Bilderstrecke mit Informationen zum Bairischen Dialekt.

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