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„Do vorn is wieda a Heislschleicha“

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Der Experte, Prof. Ludwig Zehetner, beantwortet die Fragen der MZ-Leser.

Ein Häuslschleicher ist ein langsamer Autofahrer und verdankt seinen Namen den Schnecken.Foto: dpa

Das kennt man nicht nur in Bayern: Der is auf d’Gant kumma

Das Wort „Gànt“ (mit hellem à) ist nicht aufs Bairische beschränkt, und es handelt sich keinesfalls um Wort, das nur der Dialekt kennt. Im gesamten oberdeutschen Sprachraum war es die gängige Bezeichnung für ‚Versteigerung, Konkurs‘. Der früheste schriftliche Beleg stammt von 1372. Einschlägige Wörterbücher verzeichnen es als veraltet; im Schweizerdeutschen ist es noch üblich. Bei uns hat „die Gant“ nur in den Mundarten überlebt. Von einem, der „hinuntergeschwommen“ oder „pleite“ ist, sagt man: „Der is auf d’Gànt kumma“. Das Verb „verganten“ bedeutet ‚in Konkurs bringen‘.

Gleich einer großen Anzahl weiterer Ausdrücke aus dem Sachbereich ‚Geldverkehr, Bankwesen‘ ist „Gant“ aus dem Italienischen entlehnt. Es reiht sich ein mit „Bank, Giro, Konto, Storno, Disagio, Saldo, Spesen, Valuta, brutto, netto“ usw.; „Bankrott“ z. B. leitet sich her von italienisch „banca rotta“ = ‚zerstörte Bank (eines Geldwechslers)‘. Bei der Versteigerung rief der Auktionator „incanto?“, d. h. ‚auf wieviel, wie hoch wird geboten?‘ Zugrunde liegt gleichbedeutend lateinisch „in quantum?“ Bemerkenswert ist, dass italienisch „-cant-“ zu deutsch „Gànt“ wurde. Dem in den romanischen Sprachen nur mittelstark und ohne Behauchung gesprochenen Konsonanten „c (= k)“ kommt nämlich ein stimmloses süddeutsches „G“ näher als ein „K“, das ja vor Vokal als „kh“ artikuliert wird. Auch das helle „à“ entspricht dem Italienischen.

Die Auskunft erbat Anton Fleißner aus Schwandorf

„Hast deine Notna scho eidrong in de Listna?“

Der hoch- und schriftsprachliche Wortausgang „-en“ erscheint in der Rede vieler Zeitgenossen nicht selten als „-na“. Dieses Nachklappen eines zusätzlichen „-a“ ist weit verbreitet, anscheinend vor allem in der Umgangssprache von Regionen nördlich der Donau. Für ‚essen, finden, Garten, hinten, Kunden, Ministranten‘ erwartet man „essn, fintn, Gartn / Goatn, hintn, Kundn, Ministrantn“, hört aber immer öfter: „essna, findna, Gartna / Goatna, hintna, Kundna, Ministrantna“. Ein Lehrer fragt den anderen: „Hast deine Notna scho eidrong in de Listna?“ (statt „Notn, Listn“). Silbisches „-na“ statt einfachem „-n“ zu sprechen scheint dem Bedürfnis nachzukommen, in der Umgangssprache die Silbenzahl der Schriftsprache zu erhalten. Zur ländlichen Mundart besteht insofern eine gewisse Parallele, als z. B. statt der Mehrzahlformen „Wiesn, Fraun, Buam“ basisdialektal die Erweiterungen „Wiesna, Frauna, Buama“ auftreten; hier handelt es sich um ‚gedoppelte Pluralendungen‘ (tiefenstrukturell „Wiesenen, Frauenen, Bubenen“), nicht um ein nachklappendes „-a“ wie bei „essna, hintna“.

Die Frage kam von Theresia Gradl

Gfrorn hod’s mi wia-r annackadn Schullehrer

Wer vor Kälte zittert, den „friert es wie einen nackten Schullehrer“, richtiger in der Mundart (mittelbairisch): „den friad’s wia-r an nackadn Schuilehra“, in der Oberpfalz: „den fräist’s (fruist’s, froist’s) wäi an nackadn Schullehra.“ Man fragt sich: Warum ausgerechnet „wie ein Schullehrer“? In früheren Zeiten waren die Lehrer bedauernswert schlecht besoldet. Trotz mancher Nebenbeschäftigung (Gemeindeschreiber, Standesbeamter, Organist und Chorleiter in der Kirche) konnten sie ihre meist kinderreiche Familie nur mühsam ernähren und kleiden. Bei den wohlhabenden Bauern galten sie als arme Schlucker, auf die man verächtlich herabblickte. Es gibt ein Spottlied, in dem es heißt: „Und wird im Dorf ein Schwein geschlacht‘, / sollt ihr sehn, wie er lacht. / Die größte Wurst gehöret sein, / dem armen Dorfschulmeisterlein.“ Ebenfalls gern bespöttelt hat man den „Bader“, Vorläufer des Friseurs, der gleich dem Lehrer keine Äcker und Wiesen besaß: „Bodawàschl / host koa Geld im Tàschl.“ Gemeinsam erscheinen Lehrer und Bader in dem Spruch: „99 Bader und ein Schullehrer sind 100 Narren.“ Noch heute haftet der Bezeichnung „Schullehrer“ ein leicht abfälliger Beigeschmack an, was bei „Lehrer“ nicht der Fall ist. Und welcher Friseur lässt sich schon gern als „Bader“ bezeichnen?

Wir verstehen also, wieso der „Schullehrer“ herhalten muss in der vergleichenden Redensart. Ergänzend seien noch drei sprachliche Bemerkungen angefügt. (1) Während in anderen Regionen und hochsprachlich die Konstruktion „ich friere“ möglich ist, heißt es bei uns immer „mich friert es“, parallel zu „mich hungert es, mich dürstet es“ – im Gegensatz zu „ich schwitze“. Erklärlich ist dies so: Das „Frieren, Hungern, Dürsten“ ist keine aktive Handlung, man erleidet es, es geschieht dem Menschen, weswegen er im Objektsfall steht. Bei „schwitzen“ liegt immerhin eine körperliche Reaktion vor. (2) Für „frieren“ sind in den Mundarten teilweise noch Formen mit „-s-“ lebendig: „friasn, fräisn, fruisn, froisn“, Reflexe von althochdeutsch „friusan, friosan“. Hochsprachlich „frieren“ übernahm das „-r-“ aus den Vergangenheitsformen „fror, gefroren“; das ursprüngliche „s“ finden wir in „Frost“. Entsprechendes gilt für „verlieren“, mundartlich „valiasn, valäisn, valuisn, valoisn“; vgl. „Verlust“. (3) Für ‚nackt‘ gilt im Bairischen immer die zweisilbige Form „nackad = nackend“, aus mittelhochdeutsch „nackent, nacket“, althochdeutsch „nackot“.

Die Auskunft wünschte sich Irene Soller

Nachtrag zu „Häuslschleicher“ in der MZ vom 30. August 2013:

Nicht nur ein scheinheiliger, heuchlerischer Mensch, der anderen schöntut, um sich eigenen Vorteil zu verschaffen, wird so genannt. Manche bezeichnen damit auch Schnecken, weil sie sich mit ihrem Haus langsam kriechend fortbewegen. Geht im Stadtverkehr oder auf der Autobahn wieder einmal gar nichts vorwärts, kommentiert der Fahrer: „Wahrscheinli is do vorn wieda so a Heislschleicha“, also ein Verkehrsteilnehmer, der sich im Schneckentempo bewegt.

Zur Frage von Edi Reichenberger

Bierln duads, fischln duads, schwizzln duads, soachln duads

Die Zahl der Verben mit einer um das Diminutiv-Zeichen „-l-“ erweiterte Endung ist im Bairischen wesentlich größer als gemeindeutsch. Der Bedeutung nach kann das verkleinernde Element im Vordergrund stehen: „brünzeln (Flüssigkeit, die durchsickert, heraustropft), täuscheln, zündeln“. Häufig ist der iterative Sinn: ‚gerne, häufig, intensiv beschäftigt sein‘: „gàrteln, kàrteln (Karten spielen), broteln (Brotzeit machen), sporteln (dazu Sportler/in als deverbales Substantiv)“. Diese Verben stellen sich in eine Reihe mit Ableitungen von Substantiven auf „-el / -l: „fiedeln, kegeln, kugeln, schlegeln, odeln; bürsteln, ràdeln“ usw. zu „Fiedel, Kegel, Kugel, Schlegel, Odel; Bürstl (Bürste), Ràdl (Fahrrad)“.

Andere Verben haben den Sinn ‚mit einem Körperteil oder Werkzeug agieren, in Bewegung setzen‘: „fußeln / füßeln, hàndeln (mit den Händen vorwärts bewegen), hàxeln (strampeln), köpfeln, spitzeln (Ball mit dem Kopf bzw. mit der Fußspitze abstoßen), schwànzeln/schwänzeln, stàngeln, züngeln“.

Eine weitere Gruppe liegt vor mit „fremdeln, rücheln {üe}, blödeln, dàxeln; schwäbeln, pfälzeln, böhmàckeln, welscheln“, d. h. ‚sich verhalten wie ein Fremder, Ruch (raffgieriger Mensch), Blöder, Dachs- (hund); reden wie ein Schwabe, (Ober-) Pfälzer, Böhme, Welscher (Italiener)‘.

‚Riechen oder schmecken (meist unangenehm) nach etwas‘ ist die Gemeinsamkeit bei „bràndeln, eiseln, fischeln, geißeln (nach Geiß), grüneln (nach grünem Gras), kàseln, räucheln, pàckeln, schàfeln, rosseln, schweißeln / schwitzeln, seicheln (nach Urin), menscheln, wildeln“. In einem Verserl von Julius Kreis heißt es: „voiksfest: biarln duads / fischln duads / brandln duads / schwizzln duads / soachln duads / des duads.“ Von Adjektiven hergeleitet sind „rànzeln, ràsseln, säuerln, gràbeln“ (zu ranzig; rass; sauer; grau, schimmlig).

Schwierig als einheitliche Gruppe zu fassen sind (z. T. mehrgliedrige) Wortbildungen wie „auftrübeln, abwàrteln, kràxeln, nachhinfotzeln, anblümeln, gschàfteln (trüb machen, aufwühlen; streiten; klettern; nachmaulen (zu Fotzen); veräppeln; wichtigtun).

Mundartlich fügen die Verben auf „-eln, -ern, -nen“ in der Präsensflexion oft ein „-t-“ ein: „i handlt, mia handltma“. Karl Valentin: „Na trommelt i’s halt nomal“ (dann trommle ich es halt noch einmal).

Die Anregung kam von Christl Höchstetter-Meier

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