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Dialekt

Es werd scho wieder wern

Das Verb „werden“ und wie man im Bairischen die Zukunft ausdrückt.

„Schlecht is a beinand, aber es werd scho wieder wern.“Foto: dpa-Archiv

Regensburg.Das Futur (die Zukunft) wird mit dem Hilfsverb „werden“ gebildet, so lernt man in der Schule und übersetzt die lateinischen Formen „laudabit, audiemus“ ins Deutsche mit „er wird loben, wir werden hören“. In Wirklichkeit ist es so, dass die Umschreibung mit „werden“ weniger die zeitliche Dimension bezeichnet, sondern vielmehr die Wahrscheinlichkeit im Vordergrund steht. Mit anderen Worten: Die modale Bedeutung überwiegt gegenüber der temporalen. Für Zukünftiges verwendet das Deutsche – und selbstverständlich auch das Bairische – meist das Verb in der Gegenwart; auf die Zukunft verweisen adverbielle Zusätze wie „morgen, demnächst, nächstes Jahr, bald, gleich“ usw. „Es werd scho wieder wern“ drückt in erster Linie die Zuversicht des Sprechers aus – ‚es wird schon wieder werden, sich zum Besseren wenden, in Ordnung kommen‘ –, nur sekundär den Bezug darauf, dass dies in der Zukunft geschehen wird.

„I glàb, es werd rengad“

Über eine eigene so genannte Inchoativ-Fügung verfügt das Bairische mit der Konstruktion „werden + Partizip Präsens“, z. B. „regnend werden, gehend werden“. Damit wird unmittelbar Bevorstehendes, der Beginn eines Vorgangs zum Ausdruck gebracht. Mit „I glàb, es werd rengad“ oder „Es schaugt her, wia wenn’s rengad werad“ ist gemeint: ‚Es fängt bald an zu regnen‘ bzw. ‚Es sieht aus, als ob es bald zu regnen beginnen würde‘. Von einem, der sich sogleich in Bewegung setzt und auf den Weg macht, sobald er etwas von Freibier hört, sagt man: „Er werd gehad“. Über das erwachende Leben im Frühjahr schreibt Georg Lohmeier: „Alls werd wachsert, alls werd gehert, alls möcht auf d’Welt kemma.“ „Erscht vorige Woch hamma ’s Gros o-gsàd (angesät), scho werd’s wachsad“ – schon beginnt das Gras zu keimen und zu wachsen. Adolf J. Eichenseer überliefert den Kinderreim: „Schi, Scheck, / host Leis im Eck, / sans hupfad worn, / sans alle dafrorn“ (erforen). In einer Gespenstergeschichte von Franz Schrönghamer-Heimdal berichtet der Betroffene, er hätte nicht gedacht, dass er „in so jungen Jahren schon Unsere Liebe Frau anrufen müsst – aber damals bin ich halt doch rufend geworden.“ In die Hochsprache übertragen, würde für „sie sind hupfend worden, ich bin rufend geworden“ stehen: ‚sie begannen zu hüpfen, ich habe angefangen zu rufen‘. Jüngere Umfragen ergeben, dass diese dem Dialekt eigene Möglichkeit zur Bezeichnung der nahen Zukunft zwar nicht mehr oft eingesetzt wird, wenngleich immer richtig verstanden wird.

Übrigens entspricht der hochdeutschen Form „geworden“ im Dialekt „woan, worn“. Ein vorangesetztes „g-“ verrät unnötige Anpassung an die Schriftsprache. Sätze wie „Is dei Kuacha wos gwoan? Der Benzin is deiriger gwoan“ sind Beispiele dafür. Korrekt mundartlich wäre „woan, worn“.

„Obst ma du helffa dàdst?“

Hochsprachlichem „(es) würde“ entspricht, wenn es sich um das Hilfsverb handelt, die Umschreibung mit „tät- (dàd-)“: „Obst ma du helffa dàdst (dàsd)?“ (Würdest du mir helfen?). Das Vollverb „werden“ bildet den Konjunktiv meist mit der Endung „-ad“, angefügt an den Präsensstamm „wer-“: „Des wearad nix Gscheids“ (würde). Viel seltener ist der umlautlose Stamm „wur-“.

Viele Präsens-Partizipien auf „-ad“ (meist „-ert“ geschrieben) finden Verwendung als normale Eigenschaftswörter: neben „gstingad, bickad, gspinnad“ (stinkend, stinkig; pickend = klebrig; spinnend = verrückt) auch „gehad“ (gehend). „An gehadn Schuasta“ – einen gehenden Schuster – nennt man eine rastlose Person voller Unruhe, einen Menschen, der ständig in Bewegung ist. Man hatte wohl einen Schuhmacher auf der Stör im Sinn, der von einem Haus zum anderen gehen musste, um seine Arbeit zu verrichten.

Eine weitere Möglichkeit, die nahe Zukunft sprachlich zum Ausdruck zu bringen, kennt man im alpennahen Oberbayern, wo die anderswo nicht verbreitete Partikel „ge“ gang und gäbe ist, auch in den Varianten „gen, gent“. In seinem Buch „Bairisch gredt“ (Band I, 1995) widmet Johann Höfer diesem Wörtchen ein eigenes Kapitel und liefert zahlreiche Beispiele. Am Stammtisch sagt einer: „I geh iatz ge. Gehst mid?“, darauf sein Nachbar: „Naa, i glaab, i kaafma ge no a Hoiwe.“ Einer versucht, die Uhr zu reparieren, und hofft: „De geht scho ge wieder.“ Ein drohender Regenguss – oder ein „Ohrwàschl-Rennerts“ – ist zu erwarten, wenn es heißt: „Glei duscht’s gent.“ Für ‚Meinst du, dass es bald schneit?‘ kann man im Oberland hören: „Moasd, dàßs gent schneibb?“ Die Partikel deutet die nahe Zukunft an, weist auf unmittelbar Bevorstehendes.

Andere Sprachen setzen dafür ebenfalls Formen des Verbs für ‚gehen‘ ein: französisch: „On va partir“, spanisch: „Nos vamos a marchar“, englisch: „We’re going to be off“ – und in alpennahem Bairisch eben: „Iatz gehds gent dahi.“ In einem mutigen Bekenntnis zu seiner eigentlichen Muttersprache hat der aus Oberbayern stammende Chemiker Raphael Berger seinem Aufsatz über Forschungsergebnisse in der englischsprachigen Zeitschrift „Chemistry. A European Journal“ ein „Abstract in Midwestern Bavarian“ beigegeben (2008). Darin findet sich folgender Satz: „Ois a Gas, eleggdrona-gschdraad und dichtefunktional-massig berächnad, kimmt ge aussa, das do guadding drei anderschde Konformera aa no drinna hand.“ Der Text erweist sich als eindeutig basisdialektal. Das zeigt sich an „gschdraad“ (gestreut), an „kimmt aussa“ (kommt heraus), an der Wortbildung mit „-màssig“, am Adverb „gutding“ (mindestens), an der Form „hànd“ für ‚sind‘, und nicht zuletzt an der Partikel „ge“.

In etwas anderer Funktion setzt Ludwig Thoma die süd-oberbayerische Partikel „ge“ in seiner „Heiligen Nacht“ ein: „Wer war ge der Bursch?“ und „Dös hätt ma ge taugt.“ Hier entspricht „ge“ eingeschobenem ‚denn, etwa‘ bzw. dem bairischen Allzweck-Wörtchen „fei“.

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