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Fahr dein Karrn weg, der irrt

Leser fragen, Dialektkenner Ludwig Zehetner antwortet – diesmal mit Wissenswertem vom dàmischen Hànsl bis hin zum Pfiffkàs.

Hört man schon mal auf der Straße: „Fahr dein Karrn weg! Wo er steht, irrt er.“
Hört man schon mal auf der Straße: „Fahr dein Karrn weg! Wo er steht, irrt er.“ Foto: dpa

Fahr dein Karrn weg! Der irrt, wo er steht.

Als der im Wirtshaus ankommende Gast seine Jacke an den Wandhaken hinter der Bank gehängt hat, bemerkt er, dass sich die dort sitzende Dame gestört fühlen könnte, und fragt: „Irrt’s Eahna eppa, mei Joppm?“ Statt „irren“ hätte er auch „stören, genieren, behindern, belästigen, im Weg sein“ verwenden können – oder „irritieren“. Letzteres ist entlehnt aus lateinisch „irritare“ (erregen, zum Zorn reizen, provozieren). Äußerlich ähnelt es zwar den deutschen Wörtern „irr(e), irren“, doch es besteht kein etymologischer Zusammenhang. Vielmehr hat sich seit dem 19. Jahrhundert die Bedeutung von „irritieren“ an deutsch „irren“ angelehnt, so dass die beiden Wörter heute gegeneinander austauschbar sind. Bei uns ist es üblich zu sagen: „Geh weg, du irrst mi da!“ (du störst, stehst mir im Weg) oder „Der Rechen hat mi g’irrt, drum hab ich ihn auf die Seite getan.“

Man kennt „irrgehen, irr sein“ für: im Irrtum sein, sich irren, täuschen. „Unser Lehrer damals, der hat sich, wenn ich nicht irrgeh, Burger geschrieben. Du hast doch bald Geburtstag, wenn i ned irr bin.“ Wanderern wird der Rat gegeben: „Immer der Markierung nach, dann könnts ned irrgeh“ (könnt ihr euch nicht verirren, nicht in die Irre gehen). „Irrgehen“ kann auch gebraucht sein in der Bedeutung: vermissen. In einer Erzählung von Emerenz Meier sagt jemand: „Gott sei Dank, daß d‘ wieder da bist“, darauf der Gesprächspartner: „So, warum denn? Hast mich leicht irrganga?“ (Hast du mich vielleicht vermisst?). Eine gängige Redensart lautet: „Wer lang fragt, geht lang irr.“

Nicht heimisch ist im Bairischen der Ausdruck „Das ist irre!“ im Sinn von: verblüffend, höchst überraschend, unglaublich. Als Adverb wird es gleichfalls nicht gebraucht; ein Bayer wird nie befinden, dass etwas „irre komisch“ oder „irre teuer“ ist.

Die Auskunft wünschte Christl Höchstetter-Meier.

I war no ganz dàmisch.

Wenn man aus dem Nachtschlaf plötzlich aufschreckt, vielleicht aufstehen muss, um die Toilette aufzusuchen, tut man dies mit unsicheren Schritten, taumelt und torkelt wie betrunken, fühlt sich schwindlig, benommen, wie betäubt. Im Dialekt stehen für diesen Zustand die Wörter „dàmisch, dràmhàppert“ zur Verfügung. „Bist eppa dàmisch?“ heißt so viel wie: Bist du etwa verrückt? Ein „dàmischer Ritter“ ist wie Don Quixote das Urbild des Ritters von der traurigen Gestalt. Ein Spielzeugkreisel wurde „dàmischer Hànsl“ genannt, und das „dàmische Boa (Bein)“ ist die schmerzempfindliche Stelle am Ellenbogen, das „Mäuserl“, auch Musikantenknochen genannt. Der Satz „Den Masskruag da, den hat der Opa selig einmal dem Bräuwirt dàmisch ghaut“ informiert darüber, dass der Großvater den Krug im Wirtshaus „mitgehen hat lassen“, ihn also entwendet hat.

Nur scheinbar hat „dàmisch“ etwas mit „dämlich“ zu tun, wenngleich sich die Bedeutungen berühren; beide Wörter können verwendet werden im Sinn von: dumm, albern. Auch mit dem hl. Damian (berühmter Namensträger war der geniale Maler und Architekt Cosmas Damian Asam, 18. Jahrhundert) hängt das Eigenschaftswort nicht zusammen, selbst wenn ein ungeschickter Kerl, ein Narr scherzhaft als „Dàmian“ bezeichnet wird (eine Wortbildung wie „Grobian, Fàdian, Blödian, Dummian“). Wahrscheinlich leitet sich „dàmisch“ her vom mittelhochdeutschen Wort „toum“ (Dunst, Nebel, Rauch), wäre also verschriftsprachlicht „täumisch“; der Bedeutung nach liegt „taumeln“ nahe.

Einfacher gestaltet sich die Erklärung von „dràmhàppert“. Ein Satz aus Werner Fritschs Roman „Cherubim“ führt uns näher an die Etymologie des Wortes heran: „…, wo es nicht gemerkt hat, so traumhappig ist der gewesen.“ Der erste Teil des Adjektivs ist eindeutig „Traum“, bairisch „Dràm“, und der zweite enthält „-häup-“, so dass, in die Schriftsprache übertragen, „traumhäupig“ resultiert, das heißt: das Haupt, der Kopf ist im Traum befangen.

Da hast an saubern Àntndràller.

Bairisch „dràhn“ ist die lautgetreue Fortsetzung von mittelhochdeutsch „dræjen“, während bei hochsprachlich „drehen“ der Vokal verändert erscheint; es wäre eigentlich „drähen“ zu erwarten, parallel zu „nähen, mähen, säen“ aus „næjen, mæjen, sæjen“. Die zugehörigen Substantive „Draht, Naht, Mahd, Saat“ weisen allesamt den Stammvokal „a“ auf. Der Spielzeugkreisel heißt mundartlich „Dràller“, in Wien „Drahdiwaberl“ (Drehdich-Weiblein). Als „Dràller“ bezeichnet man auch den Wirbelsog in einem fließenden Gewässer, einen Strudel im Fluss. Einen nach oben gewirbelten Haarschopf am Hinterkopf nennt man scherzhaft „Àntendràller“, weil er an die Erpellocken erinnert, die gedrehten schwarzen Federn an der Schwanzspitze männlicher Stockenten.

Zwei Anregungen von Hans Inkoferer


Fakten und Kuriositäten liefert unsere Bilderstrecke mit Informationen zum Bairischen Dialekt:

Dialekt Bairisch – Hätten Sie’s gewusst?

Ja, Schnecken, an Pfiffkàs!

Will man jemandem klarmachen, dass seine Wünsche nicht erfüllbar sind und aus seinen Plänen nichts wird, so sagt man bei uns: „Ja, Schnecken!“ oder „Ja, an Pfiffkàs (Bfiefkàs)“, das heißt: Schlag dir das aus dem Kopf, daraus wird nichts, du gehst leer aus.

Auch mit dem Wort „Pfeifendeckel!“ kann ausgedrückt werden, was anderswo mit „Pustekuchen!“ beschieden wird. Letzteres kommt bei uns nicht in Betracht, weil das aus dem Norddeutschen stammende Verb „pusten“ (mit langem u) im bairischen Sprachraum als Unwort gilt. Dennoch schiebt es sich zusehends an die Stelle von „blasen“. Manche spötteln, es wird nicht mehr lang dauern und es gibt keine „Blasmusik“ mehr, sondern „Pustmusik“. Ist das Essen zu heiß, muss man blasen – nicht pusten. Bei einer anstrengenden Bergtour geht uns der Schnauferer aus – und nicht
die Puste.

Weil sich seine Samen so lustig wegblasen lassen, kam der Löwenzahn zum Namen „Pusteblume“ – auch dies ein Unwort bei uns! Für diese Pflanze gibt es eine Reihe von volkstümlichen Namen, die oft Bezug nehmen auf den milchigen Saft, der aus allen Teilen der Pflanze quillt. Mit dem Erstglied „Milch-“ (mundartlich: Mui(ch), Mäi(ch), Müüch, Milli usw.) gebildet sind „Milchdistel, Milchscheck, -schock, -scheckl, -schàckl, -blecka“. In bestimmten Gebieten kennt man Lautformen von „Kuhblume, Saublume (Kuah-, Saubleami)“. Auf die in der Volksmedizin bekannte harntreibende Wirkung verweisen schwäbisch „Bettsoichr, Soichbloama“ und fränkisch „Brunsbluma“.

Eine Anregung von Helga Riezler aus Aufhausen

Lesen Sie mehr: Ludwig Zehetner erklärt, was „Mach’s gscheid, ned so gitte-gàtte!“ bedeutet.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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