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Geh’, trink ma no a Glaserl Wein

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Dieses Mal geht es um Pflanzerl, Würstl, Licht und Brösel.

Am Abend heißt es zu Hause öfter einmal: „Trink ma no a Glaserl Wein?“
Am Abend heißt es zu Hause öfter einmal: „Trink ma no a Glaserl Wein?“ Foto: dpa

Im Dirndl hockt ’s Màdl aufm Pferdl.

Die sprachgeografische Gliederung des deutschen Sprachraums lässt sich gut aufzeigen anhand der Verkleinerungsendungen (Diminutiv-Suffixe). Zu „Nagel“ lauten sie: Nelke (Negelke) – Nägelchen – Nàgerl – Nägla (Näglein) – Nägele – Nägeli. Das Niederdeutsche bildet Diminutive mit „-ken“ (Männeken), weiter südlich ist es „-chen“ (Männchen), und im Oberdeutschen sind es Formen, die auf mittelhochdeutsch „-lîn“ zurückgehen: schweizer-deutsch „-li“, schwäbisch „-le“, fränkisch „-la“ und bairisch „-l, -erl, -ei“: Spätzli – Spätzle –Spätzla – Spàtzl, Spozerl.

Das bairische „-(er)l“ drückt nicht immer wirklich Verkleinerung aus, sondern oft eine vertraute oder spöttische Beziehung zum Benannten. Man nehme Beispiele wie „Hosentürl, Häusl“, Rufnamen wie „Gretl, Gustl, Hànsl, Màxl“, abfällig gebrauchte Namensformen wie „Urschl, Durl, Hiasl“ (einfältige, ungeschickte Person; zu Ursula, Dorothea, Matthias). Vielfach ersetzt der formale Diminutiv das einfache Wort: „Kleidl, Schürzl, Kopftüchl, Büchl, Bildl, Blüm(er)l, Pferdl, Pàckl“ (jeweils in mundartlicher Lautung) sind in dialektnaher Sprache geläufiger als Kleid, Kopftuch, Schurz, Buch, Bild, Blume, Pferd, Paket. „Dirndl (Diandl, Deandl, Dirnei)“ sowie „Màdl“ und nordbairisch „Moidl“ existieren nur in dieser Form, ebenso „Schwàmmerl, Re(c)herl, Rehgeißl (-goissl), Täuberl“ (Pfifferling Täubling) sowie „Brathendl, Ripperl, Fleischpflànz(er)l, saures Lüngerl, Grill-Pfànndl, Steckerlfisch, Ràhmschwàmmerl, Würstl, Hàferl Kaffee, Nussbeugerl“ und andere „Schmànkerl“. Weitere Beispiele aus der großen Zahl solcher idiomatisierter Diminutive: „Springerl, Kràcherl, Kriecherl,
Guatl, Zàmperl, Wimmerl, Suierl, Ràdl, Kàlwl/Kàiwi, Gickerl, Bummerl, Eichkàtzl, Schwàlwerl/Schwàiwal, Stàrl, Zeiserl, Woaserl“ (zweimal Limonade, kleine runde Pflaumensorte, Bonbon, kleiner Hund, Pustel, Herpesbläschen, Fahrrad, Kalb, Gockel, Stier, Eichhörnchen, Schwalbe, Star, Zeisig, Waisenkind). Nicht vergessen seien „Herzipopperl, Herzbinkerl“ (verhätscheltes Kind) und Adjektive wie „pumperlgsund, zeckerlfett“ (kerngesund, wohlgenährt). „Herzkàsperl“ klingt recht lustig, der medizinische Befund ist jedoch durchaus ernst: Herzrhythmusstörungen oder gar Herzinfarkt.

Professor Ludwig Zehetner erklärt wieder Ausdrücke aus dem bairischen Dialekt. Foto: MZ-Archiv
Professor Ludwig Zehetner erklärt wieder Ausdrücke aus dem bairischen Dialekt. Foto: MZ-Archiv

Manchmal liegt Bedeutungsdifferenzierung vor, wenn das einfache Wort etwas anderes bezeichnet als die Diminuierung. Mit „Glas (Glos)“ meint man das Material, mit „Glàsl“ hingegen das gläserne Trinkgefäß; „Glàserl“ ist dazu die Verkleinerung: „Trink ma no a Glaserl Wein?“ Man kauft „Salatpflànzln, -pflànzerl“, unter einer „Pflanzn“ aber versteht man das gleiche wie unter Gwàchs: eine durchtriebene spitzbübische Person.

Die Bezeichnung „Pflanz(er)l“ für die Speise, die anderswo „Frikadelle, Bulette, Fleischküchle, faschiertes Laiberl“ heißt, kann nicht von „Pflanze“ kommen. Ursprünglich hieß das Gericht „Pfanzl“, und dies ist eine Zusammenziehung aus „Pfannzeltel“, also ein in der Pfanne gebratenes Zeltel (im Sinn von: Speise). „Bock (Boog)“ bezeichnet ein männliches Tier (Geiß-, Schaf-, Rehbock) oder eine Biersorte, mit „Bockerl“ aber ist eine kleine Dampflokomotive gemeint. Auch der von einer solchen gezogene Eisenbahnzug hieß „Bockerl“. Ist -n der letzte Laut eines Wortes, so schiebt sich als Sprosskonsonant ein -d- vor die Endung: „Mànndl, Wànndl, Pfànndl, Beindl, Steindl, Hörndl, Körndl, Schweindl, Sterndlwerfer (Wunderkerze)“ und „Àhndl, Màriàndl, Heindl“ (Ahne, Marianne, Heinrich). Bei einigen Wörtern hat sich -dl als Schreibform durchgesetzt, zum Beispiel bei „Hendl, Dirndl, Heindl“ (kleine Gartenhaue mit herzförmigem Blatt; eigentlich: Häundl, Häunl), andere findet man mit oder ohne den Einschub (Bründl oder Brünnl). Ohne artikulatorische Notwendigkeit erscheint -d- in bestimmten Wörtern sogar vor -erl: Mànderl, Sternderl, a guads Weinderl; auch bei Màndei überrascht das -d-. Vielen noch in Erinnerung ist das Schweinderl, das Sparschwein, in das Robert Lembke beim „Heiteren Berufe-Raten“ die Münzen steckte. Damit wird ein Wunsch von Manfred Döberl aus Abensberg erfüllt.

Geh zua, mach ’s Liacht aus!

Wer in den kargen Jahren in und nach dem Zweiten Weltkrieg unnötig lang eine Lampe brennen ließ, wurde wegen „liadln“ gerügt. Auch heute ist Energiesparen wieder angesagt, aber bei Stromverschwendung spricht niemand mehr von „liadln“. Das mundartliche Wort ist nur noch in Gebrauch im Sinne von: zündeln, mit Feuer spielen, was Norddeutsche als „kokeln“ bezeichnen. „Liadln, lialln“ ist abgeleitet von „Licht“ (im Sinn von Feuer, Kerzenschein), wäre standardsprachlich also „lichteln“. Der Wortstamm weist von alters her Zwielaut auf, wie die althochdeutschen Formen „lioht, leoht“ zeigen. Vor der Konsonantenfolge „cht“ ist der Diphthong vereinfacht worden, so dass wir schriftsprachlich „Licht“ haben. Der Dialektsprecher aber sagt grundsätzlich „Liacht“ beziehungsweise in der Oberpfalz „Läicht“ (früher auch gekürzt zu „Liad, Läid“). Der Großvater ermahnt den Enkel: „Geh zua, mach ’s Liacht aus!“ oder nordbairisch: „Gäih zou, moch ’s Läicht ààs!“.

Das Verb „lichteln, liachtln, liadln, läichtln“ findet sich in anderer Bedeutung in einem Liedtext in der Sammlung „Wetzstoa“: „In jedem Dorf bei uns im Woid / geistert’s in mancherlei Gestoit, / da liachtelt’s und treibt Schabernack“ – gemeint ist: Es leuchtet gespenstisch.

Lesen Sie auch: Da Sand wird mit da Rawern g’holt.

Den hod’s daloawed und dabräsld.

Mitleidlos und derb klingt, wenn über jemanden befunden wird: „Den hod’s dabräsld“ oder „daloawed.“ Gemeint ist, dass er verunglückt ist oder erschöpft, schwach und krank darnieder liegt. Schon die bairische Vorsilbe „der-“ deutet an, dass es sich um Verben handelt, die endgültige Zerstörung zum Ausdruck bringen; man denke an „derhungern, derwerfen, derwuzeln, derbàtzen, dergàrmen“ und ähnliche Wortbildungen (verhungern, töten, zerreiben, zerquetschen, erwürgen). Bei „derbröseln, derlaibeln“ spielt wohl die Vorstellung von Brot eine Rolle, das zu Bröseln zerfallen kann, oder der Laib misslingt beim Formen oder im Backofen.

Arschgesell ist nicht beleidigend.

Man könnte vermuten, es sei ehrenrührig und beleidigend, einen Menschen als „Oaschgsäi“ oder „Oaschgfiatn“ (Arschgeselle, Arschgefährte) zu bezeichnen. Doch der Schein trügt: Es handelt sich um einen treuen Gefährten, einen Freund, auf dessen Hilfe man vertraut, der einem auf Schritt und Tritt nahe ist, um sich bei Bedarf nützlich zu machen.

Um diese drei Auskünfte ersuchte Hans Inkoferer.

Hier finden Sie weitere Geschichten aus unserer Dialekt-Serie.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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