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Heit gibt’s an Obatztn zur Brotzeit

Diesen Monat geht es in der Dialekt-Serie „Frong S’ den Zehetner“ um Essen, Vagabunden und die Farbrolle des Malers.
von Ludwig Zehetner

Auf Speisenkarten gibt es allerlei Schreibweisen für diese bayerische Leckerei: Obatzter, Obatzta, Obazta, Obazda, O’bazda ...
Auf Speisenkarten gibt es allerlei Schreibweisen für diese bayerische Leckerei: Obatzter, Obatzta, Obazta, Obazda, O’bazda ... Foto: Fotolia

Pelzt sich der schon wieder?

Der Duden verzeichnet „pelzen“ mit der Angabe, es bedeute umgangssprachlich: faulenzen. Das Wort ist nicht spezifisch bairisch, sondern wohl in ganz Deutschland bekannt; in Österreich anscheinend nicht, weil es in österreichischen Wörterbüchern fehlt. Die Bedeutung hängt wohl mit dem Bären zusammen, der in seiner Höhle faul auf seinem Pelz liegt, als ein „Faulpelz“. Es gibt die Redensart „sich nicht mehr pelzen können“, das heißt: es nicht mehr aushalten können, nicht mehr geduldet sein. Jemand kündigt seine Arbeitsstelle wegen Schwierigkeiten mit dem Chef oder mit den Kollegen; das wird so kommentiert: Er ist gegangen, weil er sich dort nicht mehr pelzen hat können.

Einen völlig anderen Sinn und eine unterschiedliche Etymologie hat „pelzen, pfelzen“ in der Fachsprache der Gärtner: Obstgehölze veredeln, pfropfen. Dafür sagte man früher auch „impfen“, was inzwischen eine ganz andere Bedeutung erhalten hat. Altdeutsch „pelzôn, phelzen“ ist entlehnt aus lateinisch „(im)peltare“ (einpfropfen), „impfen“ aus „imputare“. Mit Stolz verweist ein Gartenbesitzer auf seine prächtigen Kirschen: „Des sàn böizte Kersch, ganz grouße, ned so a Buzlwar.“ Der Kirschbaum war also veredelt worden durch Aufpfropfen einer besseren Sorte. Jemandem eine Arbeit oder eine Strafe „aufpelzen“ heißt so viel wie: sie ihm aufwichsen, aufbrummen, aufbürden.

In der Mundart hat „pelzen, bölzen“ noch eine dritte Bedeutung, nämlich: abstützen, mit einem „Pölz“ (Stützpfosten) versehen, etwa ein altes Gewölbe, damit es nicht einstürzt. Wegen einer morschen Pölzung sei ein Bergwerksstollen eingebrochen, las man in der Zeitung. Eine Frage von Hans Reichhart

Zur Brotzeit gibt’s heit an Obatztn.

Die Schreibung der in Biergärten hoch geschätzten bayerischen Spezialität stellt ein schier unlösbares Problem dar. Auf Speisenkarten liest man „Obatzter, Obatzta, Obazta, Obazda, O’bazda“ und vielleicht noch andere Varianten. Da ein reines Dialektwort vorliegt, lässt sich keine orthografische Regel anwenden. Mit dem Apostroph hinter dem O versucht man anzudeuten, dass hier etwas fehlt, nämlich ein Konsonant und die Silbe „ge-“. Handelt es sich um „Ab-“ oder „Angebatzen“? Beides ist denkbar, denn zerdrückter Camembert, Topfen, Butter, Salz, Pfeffer, Paprika und andere Zutaten werden zu einem „Bàz“ vermengt, zusammengebàtzt, ab- oder angebàtzt.

Der Silbe „ab“ entspricht im Dialekt ein offen gesprochenes o, dem „an“ jedoch ein nasaliertes o. Für Letzteres verwendet das Portugiesische das Zeichen õ (etwa im Namen des Dichters Camões), das Deutsche aber kennt dieses nicht. Ein anderer mundartlicher Ausdruck, der oft in der Schrift erscheint, ist „Ozapft is!“ als Signal dafür, dass das Fest eröffnet ist und das Trinken beginnen kann. Auch hier liegt nasaliertes o vor: „Angezapft ist!“ Für beide Vokalnuancen steht im Alphabet nur der Buchstabe o zur Verfügung. Zu einer Anfrage von Brigitte Dangelat-Berger

Sie strawanzt gern, hat keinen Sitzerten.

Zu den zahlreichen Entlehnungen aus dem Italienischen gehört das Verb „stràwànzen“ mit der Bedeutung: sich herumtreiben, streunen, ziellos herumstreifen, vagabundieren. Im Duden findet sich die Eintragung „strawanzen, strabanzen, bayrisch und österreichisch für: sich herumtreiben“. Eine Person, die dies gern tut, nennt man „Stàwànzer/in“, ebenfalls im Duden aufgeführt. Das zugrunde liegende italienische Wort ist „stravaganza“ (Extravaganz, Verrücktheit), eine Wortbildung zu lateinisch „extra“ (außen, außerhalb) und „vagari“ (herumschweifen, unstet herumziehen). Die Frage stellte Ingeborg Trommer aus Berching.

Er is a ewiga Fachierer.

Die Wörter „Vagabund, vagabundieren“ sind aus dem Französischen entlehnt (vagabond, vagabonder), die sich ebenfalls vom oben erwähnten lateinischen Verb „vagari“ herleiten. „Vagant“ ist zum Partizip „vagans, vagantis“ gebildet. Von fahrenden Studenten und Klerikern des Mittelalters stammt die sogenannte Vagantendichtung, deren berühmteste Sammlung die „Carmina Burana“ (Lieder aus Benediktbeuern) sind, von Carl Orff genial in Musik gesetzt in der gleichnamigen szenischen Kantate (Uraufführung 1937). Auf den genannten lateinischen Wortstamm geht auch französisch „vaguer“ zurück, das zu unserem Verb „vagieren“ führte. Im nördlichen Bayern, also in der Oberpfalz und in Franken, wird es meist „fachiern“ ausgesprochen. Es bedeutet annähernd dasselbe wie das oben erklärte Wort „strawanzen“, nämlich: unstet herumziehen, streunen. Eine Frage von Hans Inkoferer

Gib Obacht, dassd as ned valuist!

Wieso sagt man für „verlieren“ in der Oberpfalz „voläisn“ oder „voluisn, voloisn“? Woher kommt es, dass „s“ statt „r“ steht? Die Antwort ist ganz einfach: Die altdeutsche Form des Verbs ist „verliesen“, althochdeutsch „firliosan“. Die Vergangenheitsformen waren und sind „verlor, verloren“ – also mit „r“. Es liegt Rhotazismus vor; so nennt man diese Erscheinung in der Sprachwissenschaft. Dieser uralte Wandel tritt nicht nur auf bei „war“ neben „gewesen“, sondern auch bei „fror, gefroren“. Parallel zu den oben erwähnten Lautformen von „verliesen“ heißt es nämlich in den Mundarten „friasn, fräisn, fruisn, froisn“ (frieren). Die Ableitungen „Verlust, Frost“ weisen gleichfalls „s“ auf. Als veraltet und ausgestorben muss das Verb „(er)kiesen“ gelten, von dem vereinzelt noch die Vergangenheitsform „erkor“ gebraucht wird und das Adjektiv „auserkoren“. Geläufig ist hingegen das Substantiv „die Kür“ und, davon abgeleitet, das Verb „küren“. Interessant ist, dass sich im Englischen die Formen mit „s“ erhalten haben: „lose, freeze, choose“ (verlieren, frieren, wählen). Im Deutschen heißt es heute standardsprachlich „verlieren, frieren“, was auf der Übertragung von „r“ aus den Vergangenheitsformen beruht. Angefragt hatte Agnes Lanzl.

Nimm ’s Pfäitscherl, ned an Pemsl!

Die Rolle, mit der der Maler die Wandfarbe aufträgt, nennt man in Regensburg und Umgebung „Pfäitscherl“ – ein lustiges Wort. Wie lässt es sich deuten? In Schmellers unerschöpflichem Wörterbuch findet man unter „Pfotschen, Pfuetschen“ die Angabe: verächtlich für Pfote, Hand. Als Verkleinerungsform dazu ist „Pfötscherl, Pfüetscherl“ anzusetzen. Sowohl (langes) ö als auch (historisches) üe treten im nordbairischen Dialekt der Oberpfalz als Zwielaut „äi“ auf; (man vergleiche „bäis, mäid“ für: bös, müde). Die Bezeichnung „Pfäitscherl“ für die Farbrolle ist also zu verstehen als quasi verlängerte Hand des Malers. Bemerkenswert ist die eindeutig nordbairische Lautung, die ansonsten in Regensburg selten zu hören ist.Das Wort lieferte Holger W. John.

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Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat. Sie können Ihre Fragen als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder Sie folgen uns auf Facebook unter www.mittelbayerische.de/facebook. Ihre Briefe richten Sie an Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg.

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Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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