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Heut Mittag gibt’s Dràdewixpfeifferl

In der MZ-Dialektserie mit Ludwig Zehetner geht es heute um Nudeln, diebische Dohlen und die Gartenbank vorm Haus.

Fingernudeln, Schupfnudeln, Schoppala oder auch Bauchstecherl: Sie alle können als Dràdewixpfeifferl bezeichnet werden.
Fingernudeln, Schupfnudeln, Schoppala oder auch Bauchstecherl: Sie alle können als Dràdewixpfeifferl bezeichnet werden. Foto: dpa

Da Opa hockt aaf der Grej-Beng vorm Haus.

Auf der Gred-Bank vor dem Haus sitzt er also, der Opa – eine in der bairischen Dialektliteratur häufig vorkommende Situation. Unter „Gred“ versteht man die erhöhte, gepflasterte (früher auch hölzerne) breite Stufe oder Antrittsfläche an der vorderen Längsseite des bäuerlichen Wohngebäudes. Dadurch war gewährleistet, dass man das Haus betreten konnte, ohne sich zu beschmutzen an der Miststatt, die sich meist inmitten des Hofraums befand. Auch einen bühnenartigen Aufbau aus Brettern am Straßenrand, wo Obst und Gemüse verkauft wird, bezeichnet man heute als Gred. Bei uns ist das Wort nur mehr mundartlich verbreitet; das Österreichische Wörterbuch hingegen verzeichnet es. Es taucht geschrieben auf im Regensburger Straßennamen „Auf der Grede“ und im Namen des Gasthofs „Zur Gred“ in Freising.

„Gred“ lässt sich wohl herleiten von lateinisch „gradus“ (Stufe) oder „ingredi“ (eintreten). Da der Vokal e lang ist, wird er in den nordbairischen Mundarten der Oberpfalz verzwielautet, so dass nach Wegfall von d am Wortende die Form „Grej“ entsteht.

Ebenfalls auf eine lateinische Wurzel dürfte „Guggn“ zurückgehen, neben „Rogl, Stranizn“ eine der mundartlichen Bezeichnungen für Tüte. Auszugehen ist von lateinisch „cuculla“ (Kapuze), was wohl in „Gugelhupf“ (ein Kuchen) steckt, ganz sicher aber im Namen des monarchistischen bayerischen Geheimbunds der „Gugelmänner“, die in schwarzen Mönchskutten auftreten mit einer den Kopf verhüllenden Gugel (Kapuze). Ein Nisthäuschen für Stare wird „Stàrl-Guggn“ genannt.

Die Fragen sandte Franz Ederer ein.

„Muatta, da Bou bäigt wäi a Väich?“ Nur Bahnhof verstanden? Hier die Auflösung.

Ludwig Zehetner Foto: Koch
Ludwig Zehetner Foto: Koch

In Rengschbuach, do stöin s’ wej d’Dochala.

Als der Einsender seinem Freund in Waldmünchen berichtete, dass ihm in Regensburg sein neues hochwertiges Mountainbike gestohlen wurde, kommentierte es dieser mit dem Satz: „Ja ja, in Rengschbuach, do stöin s’ wej d’Dochala.“ Auch wenn dies sicher ein böses Vorurteil ist, möchte man doch wissen, womit die Diebereien verglichen werden. Es heißt, man würde „stehlen wie die Dochala“, das heißt: wie die Dohlen. Von bestimmten Vögeln, den Elstern und Dohlen, sagt man, sie seien diebisch, würden glänzende Gegenstände in den Schnabel nehmen und damit fortfliegen.

Im bairischen Dialekt nennt man die Dohle „Dàchl, Dàche“, wie zu erwarten aus mittelhochdeutsch „tâhele“ (was ins Italienische als „taccola“ entlehnt wurde). Anstelle von „entwenden, klauen“ hat das Bairische zahlreiche Wörter parat; eins davon ist „dàcheln“. In der Oberpfalz bezeichnet man eine zur Kleptomanie neigende Person als „Stölldochal“, das heißt: als Dohle, die zum Stehlen neigt.

Die Fragen kamen von Thomas Paulus und Stefan Eber.

Der Grattler und der Klachl: Ludwig Zehetner erklärt den Ursprung dieser wenig noblen bairischen Ausdrücke.

Heut gibt’s Dràdewixpfeifferl.

Das Bairische kann mit vielen klanglich sehr reizvollen Wörtern aufwarten, zu denen sicher auch „Dràdewixpfeifferl“ zählt. Das ist eine lustige Bezeichnung für etwa fingerlange Walzen aus Roggenmehl- oder Kartoffelteig, die zwischen den Handflächen oder auf dem Nudelbrett geformt werden, dann in Salzwasser gekocht, abgeseiht und in der Pfanne in Fett gebraten werden. Sind sie einfach walzenförmig, nennt man sie Fingernudeln, Schupfnudeln, Baunkerl, Schopperl (Schoppala), laufen sie an beiden Enden spitz aus, sind es Bauchstecherl (Bauchstechala). Als Dràdewixpfeifferl können sie allesamt bezeichnet werden; manche nennen auch Makkaroni so. Überträgt man das Wort Silbe für Silbe in die Schriftsprache, kommt heraus: gedrehte Wichs-Pfeiflein. Mit „Pfeife“ verbindet man die Eigenschaften länglich, röhrenförmig, und „Wichs“ bezieht sich auf die geglättete Oberfläche.

Angefragt hat A. Cookie Opitz.

Warum der Obatzte Obatzda heißt? Erklärt Ludwig Zehetner hier.

Im Pfarrhof hat’s reigiert.

„Wos reigiats scho in olla Fruah?“ beschwert sich der Vater, der sich von den morgendlichen Umtrieben seiner Kinder im Schlummer gestört fühlt. Er gebraucht das Verb „reigieren“ im Sinn von: umtreiben, lärmen, belästigen. Normalerweise verwendet man es für das Auftreten von rätselhaften gespenstischen Erscheinungen, von unerklärlichem Spuk; es bedeutet annähernd dasselbe wie „weizen, weihazn“. Im Straubinger Kalender für das Jahr 2009 findet sich zu einem Beitrag über den Geislinger Hexenprozess von 1689 die Anmerkung: „Es sei darauf hingewiesen, dass noch 300 Jahre später im rund 18 km entfernten Dünzling ebenfalls ein Rotleibl im Pfarrhof reigierte.“

Bairisch „reigieren“ ist wohl eine Nebenform zu „regieren“. Schmeller nennt in seinem Bayerischen Wörterbuch (Band II, Spalte 72 f.) die Wendung „si reigian kinna“ (sich frei bewegen können), und von einem, der gern kommandiert, hat man gesagt, er sei „a rechta Reigiera“. Schließlich verzeichnet er „do reigiat’s“: Hier ist es nicht geheuer, es geht ein Gespenst um, ein Spuk, für den er die Mundartwörter „das „Reigiarad, Greigiarad, Greigiar“ angibt.

Die Erklärung wünschten sich Hans Inkoferer und Josef Eder.

„Fahr‘ dein Karrn weg, der irrt“: Was es mit diesem Ausdruck auf sich hat, lesen Sie hier.

Bind’s mit am Spogadschnürl zsamm!

Für „Schnur, Bindfaden“ kennt man die mundartlichen Wörter „Spogad“ und „Pressbàndl“. Letzteres stammt aus dem Bereich der Landwirtschaft und bezeichnete ursprünglich das Bindegarn für die Strohpresse; heute kann ein dünner Strick, jegliche feste Schnur so genannt werden. „Spogad“ stammt aus dem Italienischen, wo die Verkleinerungsform zu „spago“ (dünne Schnur, Bindfaden) „spaghetto“ lautet. Bestens vertraut ist uns die Mehrzahl dieses Wortes, nämlich „Spaghetti“. Wir verstehen darunter schnürchenförmige Teigwaren, fadenförmige dünne Nudeln. Bairisch „Spogad“ erscheint ins mundartliche Lautsystem integriert: Die italienische Endung fiel weg, aus „s-p“ wurde „schb“, der Vokal „a“ unterlag der Verdumpfung zu „o“, und die Betonung rutschte auf die erste Silbe. Verdeutlichend ist das Kompositum „Spogad-Schnürl (-Schnäial)“. Nicht zu verwechseln ist damit „der / das Spagat“ (mit Betonung der 2. Silbe), was eine Gymnastikfigur mit gespreizten Beinen bezeichnet – eine Wortbildung zu italienisch „spaccare“ (spalten).

Die Frage stellte Thomas Gottfried.

Sie wollen noch mehr Bairisch-Lektionen von Ludwig Zehetner: Hier finden Sie alle Teile unserer Serie.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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