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MZ-Serie

Hod’s etz gleitt oder hod’s glittn?

Der Dialektforscher Ludwig Zehetner beantwort unter anderem die Leser-Frage, wie man im Bairischen große und kleine Glocken unterscheidet.

Bei Kirchenglocken heißt es, „sie ham gleitt“. Man fragt aber, ob’s an der Haustür „glittn hod“.Foto: dpa

Aus dem Französischen: Der Hund ist meschant

Das Deutsche weist eine große Zahl von Entlehnungen aus dem Französischen auf, unter anderem das Wort „meschant“, das auch der Duden verzeichnet mit der Bedeutungsangabe ‚boshaft, ungezogen‘. Das französische Adjektiv „méchant“ [me‘šã] deckt folgende deutsche Entsprechungen ab: a) ‚böse, boshaft (Mensch); b) bösartig, bissig (Hund); c) unartig, gefährlich; d) schlecht, lumpig, erbärmlich, elend; e) übel, heikel‘. Bei der Aussage „Der kimmt ganz schee meschant daher“ trifft die Bedeutung d) zu.

Die Frage stellte Margarete Reisinger, Neunburg vorm Wald

Worin unterscheiden sich Gansjung und Gänseklein?

Ein ragout-ähnliches Gericht aus Innereien (Leber, Magen) und knochenreichen Teilen (Kopf, Flügel bzw. Läufe) von Gans, Ente, Kaninchen nennt man in Bayern „Jung“. Die Hausfrau bereitet ein „Gansjung, Gànsljung, Entenjung“ oder „Hasenjung“ zu. In der Annonce eines oberbayerischen Gasthauses war zu lesen: „Am Kirchweihsonntag ab 18 Uhr Entenbraten und Entenjung“. In Österreich kennt man die Variante „Junges (das Gansljunge, ein Rehjunges)“. Außerhalb des Südostens des deutschen Sprachraums nennt man solche Speisen „Gänseklein, Entenklein, Hühnerklein“ usw., wohl gekürzt aus der bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnung „Kleinod“ für ‚kleine Schlachtteile und Innereien‘. Da sich die Wörter „klein“ und „jung“ bedeutungsmäßig teilweise überschneiden, ist es nachvollziehbar, dass die genannten Speisen in bestimmten Regionen als „-klein“ bezeichnet werden, in anderen als „-jung“ (in Altbayern) oder „-junges“ (in Österreich).

Die Frage kam von Renate Pleier, Lappersdorf

„Ham die Glocken scho gleitt?“

Für das Erklingen einer Glocke kennt das Deutsche Verben wie „läuten, klingeln, schellen, bimmeln“ usw. Sowohl bei Kirchenglocken als auch bei Lautsignalen von Wecker oder Hausklingel sagt man bei uns „läuten“. Infolge der lautgesetzlichen Umlaut-Entrundung wird „läuten“ im Bairischen zu „leitn“ und gerät damit in die Reihe der Verben, bei denen die Zeitenbildung mit „ei - i - i“ erfolgt (Ablautklasse I), z. B. „gleiten, glitt, geglitten“ oder „leiden, litt, gelitten“. Also fragen die Schüler, die sich erst knapp vor Unterrichtsbeginn dem Schulgelände nähern: „Hod’s eppa scho glitten?“ Und die Frau fordert ihren Mann auf, zur Haustür zu gehen und nachzuschauen, „ob’s glittn hod“. Wenn die Beobachtung zutrifft, dass man bei Kirchenglocken eher sagt, sie „ham gleitt“, bei kleineren Schallquellen aber, es „hod glittn“, dann wäre damit eine inhaltliche Differenzierung erreicht worden: Die schwache Perfektbildung (geläutet › gleitt) verwendet man bei großen Glocken, während die ablautende (starke) Entsprechung (glittn) auftritt, wenn ‚klingeln, schellen‘ gemeint ist.

Die Frage stellte Robert Stadler aus Lappersdorf

I mach dir doch ned dein’ Lefdutti

Das Wort „Lefdutti, -tutti, -dudde“ ist zwar allgemein bekannt, aber man findet es in keinem Wörterbuch verzeichnet, geschweige denn, dass sich dessen Herkunft eindeutig klären ließe. Es sieht recht italienisch aus und ähnelt dem Ausdruck „lawradutte“, der im Wienerischen gebraucht wird (oder wurde). Er taucht auf in H. C. Artmanns berühmter „ballade fon da zuagschbeadn gredenz“ (von der zugesperrten Kredenz; 1958). Da wollen zwei Ganoven das Geld ihrer Hausfrau stehlen, von dem sie annehmen, sie habe es in ihrer Kredenz versteckt, die sie immer sorgfältig absperrt. Als die Alte fortgefahren ist, gehen sie mit einem nachgemachten Schlüssel zu Werk, und da heißt es (in Artmanns Vexierschreibung des Wiener Vorstadt-Dialekts): „des aufschbean woa r a weak nua dea minute / da robeat sogt: glei hauma d mos beinaund / de hokn de is desmoe lawradutte / waun mia nix fintn waa s de greste schaund“.

Möglich ist, dass das fragliche Wort auf einen Satz zurückgeht, mit dem sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts italienische Gastarbeiter oder Immigranten in Wien um Arbeit bewarben, indem sie sagten: „Lavoro tutti“ (ich übernehme alle Arten von Arbeit). Wer bereit ist, jegliche Arbeit zu verrichten, den verachtet man als „Lefdutti“, weil er als williger Handlanger oder Sklave dient; dafür gibt es im Bairischen auch die Bezeichnung „Bolandi“. Handelt es sich bei „Lefdutti“ etwa um eine lautliche Spielart von „Lawradutti“? Jedenfalls hört man: „Wos is’n des für a Lefdutti?“ und wehrt sich mit „I mach dir doch ned dein’ Lefdutti!“ gegen eine unbillige Zumutung.

Die Frage stellte Ulrike Ferstl in einer E-Mail

Was abdeutet der Begriff „derkörbeln“

Der Befund „den hod’s derkerblt (da-keawed)“ besagt, dass jemand gestürzt ist und sich dabei wohl verletzt hat, vielleicht sogar tödlich. Für ‚er ist gestürzt‘ allein kann mundartlich stehen: „er is hi-gflong, den hod’s gschmissn, gworfa, gstànglt“ usw. und eben auch „den hod’s kerblt“. Vermutlich geht „körbeln“ darauf zurück, dass jemand mit einem „Korb“ umgekippt ist und dabei den Inhalt ausgeschüttet hat. Eine Verschärfung der Aussage geschieht mittels des Präfixes „der-“, einer bairischen Besonderheit der Wortbildung. Es steht anstelle von hochsprachlich „er-, zer-, ver-“ (z. B. „derleben, dertreten, derhungern“); manche Verben mit „der-“ haben kein direktes hochsprachliches Pendant (z. B. „derblecken, dermachen, dergneißen“). Einerseits kann mit „der-“ das Erzielen eines positiven Ergebnisses zum Ausdruck kommen, das im Satz allerdings fast immer verneint oder in Frage gestellt wird, z. B. „Sie derschnauft’s nimmer. Ob er dees derzahln kann?“ Andererseits vermittelt „der-“ häufig den Sinn, dass ein negatives Ergebnis herbeigeführt wird: ‚durch ... schädigen, zerstören, töten‘. Ganz klar ist dies der Fall bei „derbàtzen, derwuzeln, derwerfen, derschmeißen“ und ähnlichen, ebenso bei dem eingangs erwähnten Verb „derkörbeln“. Daher bedeutet „den hod’s derkerblt“ soviel wie „er hod se derrennt, derstessen, herhutzt“, d. h. ‚er ist durch einen Unfall zu Tode gekommen‘, oder aber: ‚er hat sich wirtschaftlich, finanziell oder gesellschaftlich zugrunde gerichtet, sich ruiniert‘.

Angefragt hat Agnes Fischer, Regensburg

A Schräuferl aufschraufa

Deutsch „Schraube“ geht zurück auf gallo-romanisch „scrofa“ (wie französisch „escrou“, englisch „screw“), weist also ursprünglich „f“ auf, was im Bairischen erhalten geblieben ist: „der Schrauf, das Schräuferl (Schreifal), schraufen“ neben schriftsprachlich „die Schraube, Schräubchen, schrauben“. Originell ist, wenn man die weiblichen Brustwarzen scherzhaft „Schreifal“ nennt. Inlautendes „b“ liegt vor beim Plural „Schraum“, wobei „-b(e)n-“ zu „-m-“ assimiliert erscheint, ebenso in „Schraubenschlüssel, Schraubendampfer, Schreckschraube“. Als „Schraumdampfer“ wird abfällig eine hässliche, schwerfällige ältliche Frau bezeichnet, als „Schreckschraum“ eine bösartige, widerliche.

Um diese Auskünfte ersuchte Robert Stadler, Lappersdorf

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