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„I griagat bittschön a Keariwuascht“

Wissenswertes rund um den Dialekt: Ludwig Zehetner beschäftigt sich diesmal unter anderem mit einer typischen Essensbestellung.

Bei der Bestellung am Würschtlstand heißt es oft einmal: „I griagat bittschön a Keariwuascht.“
Bei der Bestellung am Würschtlstand heißt es oft einmal: „I griagat bittschön a Keariwuascht.“ Foto: dpa

Olle Bint ruaft oana o, do host koan Rouh

„Do host koan Rouh. Olle Bint ruaft oana o“, so beklagt sich einer, weil er sich belästigt fühlt durch die vielen in kurzen Abständen erfolgenden Telefonanrufe. „Alle Bint“ stehe, so gibt der Einsender an, für ‚alle Augenblicke, jeden Moment, in rascher Abfolge wiederkehrend, vornehmlich wenn es um Unerfreuliches geht‘. Diese Bedeutung von „oi bint“ nennt auch Michael Kollmer im zweiten Band seines Werkes „Die schöne Waldlersprach“.

Es könnte sein, dass die Wendung ursprünglich in Musikantenkreisen aufgekommen ist. Die Querleisten auf dem Griffbrett von Zupfinstrumenten heißen „Bünde“, in mundartlicher Aussprache „Bint“. Einem Gitarristen oder Zitherspieler ist das Wort geläufig; es ist nachvollziehbar, dass ihm die Wendung „alle Bint“ einfällt für ‚in kurzen Abständen, in rascher Folge‘.

Zwei weitere Einzelheiten sind bemerkenswert im obigen Satz. Das Wort ‚Ruhe‘ tritt mit männlichem Geschlecht auf („keinen Ruh“); im Bairischen ist dies durchaus üblich. Dem nordbairisch-oberpfälzischen Zwielaut „ou“ in ‚Ruh‘ steht „(er) ruaft (o)“ gegenüber mit der mittelbairischen Lautung „ua“ (mittelhochdeutsch „ruohe, ruoft“). Das Nebeneinander der beiden dialektgeografischen Varianten ist typisch für das Übergangsgebiet zwischen dem Mittel- und Nordbairischen, und damit auch für die Region Regensburg, wenngleich in der Stadt selbst normalerweise „Ruah“ gilt. (Die Frage stellte Stefan Winkler aus Regensburg.)

A diam hod’s gweizt – vor allem an abgelegenen Orten

„Bei uns im Dorf hod’s a diam gweizt“, weiß die Uroma aus ihrer Kindheit im Bayerischen Wald zu erzählen, das heißt: ‚manchmal, immer wieder hat es gespukt‘. Das Verb „weizen“ (auch „weierzen, weiazn“) und das Substantiv „die Weiz“ sind schöne altbayerische Ausdrücke, die nur mehr ein Nischendasein führen. Durch die Aussprache mit dem Zwielaut „ei“ unterscheiden sich diese Wörter klar von „der Woaz“ (Weizen, Getreidesorte).

Eine „Weiz“ ist eine Spukgestalt, ein Gespenst, eine Geistererscheinung, Licht- oder Lautzeichen, mit denen Verstorbene die Lebenden mahnen und warnen. Man hat angenommen, dass eine arme Seele wegen ungesühnter Vergehen keine Ruhe findet und „weizen“ oder „umgehen“ muss. Emmi Böck, die große bayerische Sagenforscherin, berichtet, dass der Volksglaube meint, „wenn eine Weiz mit einem weißen Fleck versehen sei, so könne sie noch erlöst werden. Wenn die Weiz aber ganz schwarz sei, so wäre sie auf ewig verdammt.“

Sich um Mitternacht, speziell in der Christnacht, an Wegkreuzungen aufzuhalten, hat man tunlichst vermieden; denn dort musste man eine „Weiz“ gewärtigen. Vornehmlich in verkehrsfernen Wald- und Berggegenden und in einsamen Einödhöfen hat es öfter „geweizt“ als in den Städten. Auf der Burg Wolfsegg bei Regensburg gibt es die „Weiße Frau“; auch sie ist so eine Weizgestalt.

Überliefert ist althochdeutsch „wîzen“ mit der Bedeutung ‚Sündenstrafen abbüßen‘. Im „Glossarium Bavaricum“, einer Sammlung bairischer Ausdrücke des Regensburgers Johann Ludwig Prasch von 1689, findet sich der Eintrag: „weitzen – spücken“; er übersetzt bairisch „weizen“ mit dem überall verständlichen Verb ‚spuken‘. In gleicher Bedeutung wie „weizen“ wird auch „reigieren (reigian)“ gebraucht. (Die Frage kam von Alois Röckl aus Cham-Katzbach.)

Note 6 wegen Unterschleifs: „Warum? Weilst gspickt hast.“

Hat eine Lehrkraft markante Gemeinsamkeiten in den Arbeiten von Banknachbarn festgestellt, schreibt sie auf das Prüfungsblatt: „Note 6 wegen Unterschleifs“. Der Schüler fragt nach, was mit dem ihm unbekannten Wort denn gemeint sei. Kurz und bündig fällt die Auskunft aus: „Weilst gspickt hast.“ Von Kameraden kann man spicken, aus dem Buch oder von einem vorbereiteten „Spickzettel“.

Es ist wohl kaum anzunehmen, dass es sich bei diesem Wort „spicken“ um dasselbe handelt wie bei dem in der Bedeutung ‚mageres Fleisch, zum Beispiel Wildbret, mit Speck durchziehen‘. Bei „spicken“ im Sinne von ‚unerlaubte Hilfsmittel verwenden‘ – synonym mit ‚schwindeln, mogeln, pfuschen, abschauen, abgucken‘ – handelt es sich wohl um eine Intensivbildung zu „spähen“ – wie auch bei bairisch „spechten“, was so viel bedeutet wie „luren, spitzen“. Ein veraltender Ausdruck für ‚abschauen, abschreiben, kopieren‘ ist „abbleuen (ò-blain)“. Mit dem Farbadjektiv ‚blau‘ besteht kein Zusammenhang; „bleuen“ ist ein altes Wort für ‚schlagen‘ (zur Neuschreibung „bläuen“ siehe MZ vom 31. Oktober)l. Bedeutungsmäßig kommt „abbleuen“ dem hochsprachlichen Wort „abkupfern“ nahe, womit ursprünglich gemeint war: ‚unerlaubt einen Kupferstich (in Kupfer Geschlagenes) vervielfältigen‘. (Frage von Hertha Eisenreich)

„Ees doats ma ned beitn“, beklagt sich die alte Frau

Aus seiner Kindheit im unteren Bayerischen Wald hat der Einsender folgenden Satz in Erinnerung, und zwar aus dem Mund einer alten Frau, die eine Schar lebhafter Kinder beaufsichtigen sollte, womit sie stark überfordert war. Sie sagte: „Ees hàts rechte Gfràsta. Ees doats ma ned beitn und i ka eink ned glökn.“ In die Hochsprache übertragen heißt das in etwa: ‚Ihr seid recht ungezogene Kinder. Ihr wartet mir nicht (tut mir nicht warten) und ich kann mit euch nicht Schritt halten‘. Im Bairischen steht „ees“ (früher oft „ös“ geschrieben) anstelle des Pronomens ‚ihr‘ (2. Person Mehrzahl), und „enk“ (leicht diphthongisch „eink“) für ‚euch‘. Die Endung „-ts“ bei „hàts, doats“ ist entstanden durch Anfügung des verkürzten Pronomens „ees“.

Das Wort „Gfràss“ oder „Gfràsst“ leitet sich her von „fressen, Fraß“; ursprünglich war damit das aus Speiseresten und -abfällen bestehende Futter für Schweine und Geflügel gemeint. Im heutigen Dialekt versteht man darunter Unrat oder wertloses Zeug, so etwa Spreu, Holzabfälle, Späne. Wird das Wort auf Menschen bezogen, dann bedeutet es ‚Taugenichts, flegelhafter Kerl‘. Im zitierten Satz tritt das Wort in der Mehrzahl auf: Die alte Frau beklagt sich, dass die „Gfràster“ zu schnell rennen, ihr davonlaufen und nicht auf sie warten. Letztes ist nämlich die Bedeutung des alten bairischen Verbs „beiten“. (Eingesandt von Helmut Kangler)

„I griagat bittschön a Keariwuascht“

„I griagat bittschön a Keariwuascht“, lautet die Bestellung des Gasts. Wie kommt es dazu, dass das englische Wort „Curry“ mundartnah [keari] ausgesprochen wird? Der Duden gibt [kœri] an, was sich ebenfalls nicht mit der englischen Lautung deckt. Der Lautwert des Vokals, der im Englischen als „u“ geschrieben wird (in geschlossener Silbe, zum Beispiel „but, cut, uncle, must“), hat nämlich im Deutschen kein Pendant. Wörter- und Sprachlehrbücher des frühen 20. Jahrhunderts behalfen sich damit, dass sie die Aussprache durch ein hochgestelltes oder durchgestrichenes „ö“ andeuteten, obwohl der englische Vokal keine Spur von Rundung aufweist. So erklären sich die etablierten Lautungen [pœmps, blœff, kœt] für „Pumps“ (Damenschuhe mit Absatz), „Bluff“ (Täuschung), „Cut“ (kurz für „Cutaway“, Herrenschoßrock). Im Filmgeschäft gilt [kat] für die jüngere Entlehnung „Cut“ (Schnitt), ebenso in der Berufsbezeichnung „Cutter/in“.

Einen weiteren Schritt zur Einverleibung ins bairische Lautsystem zeigen die mundartlichen Ausspracheformen [bems, ket, keari]. Der Laut „ö“ erscheint entrundet zu [e] – wie bei „schön, hören › schee, hean“. An sich wäre dieser Vokalersatz auch bei „Club“ zu erwarten; doch dieses Wort gelangte wohl auf schriftlichem Wege zu uns, daher die Lautung mit [u], also Aussprache nach der Schreibung (spelling pronunciation). (Die Frage stellte Horst Simoneit.)

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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