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„Moadeschban“ krabbeln in Regensburg

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. MZ-Experte Professor Ludwig Zehetner beantwortet die Fragen unserer Leser.

Regensburg.Alteingesessene Regensburger kennen den „Moadeschba“

Das Wort „Moadeschba“ ist ein Regensburger Schibboleth, ein Erkennungszeichen. Wer den ‚Maikäfer‘ so nennt, beweist, dass er ein echter, alteingesessene Regensburger ist. Die Sammlung des Bayerischen Wörterbuchs in München besitzt zwar auch einige Belege aus der südlichen Oberpfalz, allerdings in der Form „Moadeschda“, die auch in Österreich vorkommt. Das Bestimmungswort „Moa“ ist die altmundartliche Lautung des Monatsnamens Mai. Althochdeutsch „meio“ ist entlehnt aus lateinisch „Maius“, dem Beinamen Jupiters als Gott des Wachstums. Es liegt altes „ei“ vor, das sich im Bairischen zu „oa“ entwickelt hat – wie in „Laiberl, heiß, heim, zweierlei [Loawal, … zwoaraloa]“ usw. Auch der Familienname „Meier / Maier / Mayer / Mair / Mayr“, wurde „Moar“ ausgesprochen – wie heute noch im Wort „Moarschaft“ (Mannschaft beim Eisstockschießen), oder wenn es heißt: „Do is a Moar“, d. h. er ist der Beste, Geschickteste, Erfolgreichste. Beim Monatsnamen hat sich heute die hochsprachliche Lautung „Mai“ durchgesetzt; niemand spricht vom „Moa“. Die Erklärung des Grundworts „Desper“ ist problematisch. Die Form „Dester“ könnte mit lateinisch „testis“ (Kopf) zusammenhängen. Aber ergibt das Sinn: ‚Maikopf‘? Jedenfalls können alle Regensburger, die die Maikäfer noch als „Moadeschban“ bezeichnen, stolz darauf sein, ein kleinregionales Spezifikum in ihrem Wortschatz zu haben.

Die Anregung kam von Karl Schnaitl aus Regensburg.

Was meint jemand, wenn er etwas leicht „gron“ kann?

„Des hon i leicht gron kinna“, sagt der Geber und meint damit, dass ihm das Überlassene nicht abgeht, dass er es leicht entbehrt, es sich leisten kann, die Gabe zu verschenken. Mundartlich „gron“ ist aufzulösen als „geraten“ im Sinne von ‚verzichten, entbehren‘. Man vergleiche die veraltete hochsprachliche Wendung „einer Sache entraten“. Im Mittelhochdeutschen hatte das Wort „rât“ u. a. auch die Bedeutung ‚Befreiung, Abhilfe‘. Das Verb „graten, gratn, gron“ lässt sich literarisch belegen: „Da kunnt oana ’s Bier net ganz g’rat’n“ (Ludwig Thoma, Heilige Nacht). „I han beicht, / i grat ’s Dirndl net leicht“ (W. J. Bekh).

Was versteht man unter dem Wort „Owantn“

Als noch Ochsen oder Pferde vor den Pflug gespannt waren, brauchte man an den Rändern des Ackers einen Streifen, auf dem man wenden konnte. Erst ganz zum Schluss wurden diese Streifen umgeackert. Diese Pflugkehre hat man als „Tretbrettl“ oder „Anwanden, Anwander“ bezeichnet, ausgesprochen „Owantn, Owanta“. Der Wortstamm hängt zusammen mit dem Verb „wenden“, der Vokal „a“ stammt aus den Vergangenheitsformen „wandte, gewandt“.

Die beiden Auskünfte wünschte Siegfried Neumeier aus Wenzenbach.

Wann benutzt man das Wort „hàle“?

Salopp mundartlich wird „hàle, hàli“ (mit hellem à) anstelle von „freilich“ gebraucht. Auf die Frage „Kemmts heid auf d’Nacht?“ kann eine kurze Bejahung mit „Hàle!“ erfolgen; es wäre auch „Scho!“ oder „Selbstverständlich!“ denkbar. Bei „hàle“ handelt es sich wohl um eine stark verschliffene Vereinfachung von „fràle, freilich“. Bekannt ist, dass der Hauchlaut „h“ in ländlichem Bairisch ein „s“ ersetzt in den Mehrzahlformen von „sein“: „mia hàn, ees hàts, de hàn(d)“. Ähnliches ist wohl bei „hàle“ anzunehmen.

Frage von Luise Rankl aus Regenstauf

Was bedeutet es, wenn man jemanden einen „Plutzer“ nennt?

„Plutzer“ ist eine der zahlreichen Bezeichnungen für einen dicken Kopf, einen „Gschwollschädl“. In Österreich ist das Wort „Plutzer“ sehr verbreitet in der Bedeutung ‚Kürbis‘; ein Kopf so groß wie ein Kürbis heißt eben dann „Plutzer“. Auch ein dickbauchiger Krug kann so bezeichnet werden.

Was steckt hinter der Bezeichnung „Brodra“?

Zur Volkfestzeit erging die Aufforderung: „Gehma Brodra fohn?“, d.h. ‚Wollen wir Karussell fahren?‘ In Bayern und in Österreich kann das Karussell als „Prater, Praterer, Prodara, Prodra“ bezeichnet werden – in Anlehnung an den Wiener Vergnügungspark Prater, wo außer vielen Karussellen das weltberühmte Riesenrad steht. Mit „Prater(er)“ kann auch eine große Taschen- oder Wanduhr gemeint sein. Die Wortbedeutung wurde also ausgeweitet und übertragen auf alles, was rund ist und wo sich etwas dreht.

Die Fragen stellte Helga Riezler aus Aufhausen.

Drei mundartliche Eigenschaftswörter

Drei schöne mundartliche Eigenschaftswörter sind „ohabisch, entrisch, oisslfini“. Die ersten beiden sind relativ leicht zu erklären. Über jemanden, der von aufdringlicher Wesensart ist, die eigenen Ansprüche fordernd geltend macht, zudringlich ist, sagt man, er oder sie sei „anhàbisch“ oder „ anhàberisch“. Hochsprachlich „sich gehaben“ (Gehab dich wohl!) und das Sub-stantiv „Gehabe“ weisen in diese Richtung. Lena Christ schreibt: „Da bittet manch herrische und anhabische Dirn den sonst so verhassten Bewerber um Gnade.“ – „Entrisch“ bedeutet ‚unheimlich, gespenstisch, nicht geheuer‘. Die Nebenformen „àntrisch, ànterisch“ verraten, dass der Wortstamm „ander“ zugrunde liegt; im Althochdeutschen gab es „antrisc“ in der Bedeutung ‚fremd‘. Verwandt ist mundartlich „ant“ = ‚weh ums Herz, bedrückt, traurig, mit ungutem Gefühl‘: „Ganz ant wird mir, wenn ich dran denk, wie’s weitergehn soll.“ - Problematisch bleibt „oisslfini“. In seinem „Glossarium Bavaricum“ von 1689 verzeichnet der Regensburg Johann Ludwig Prasch das Wort „aisselfällig“, in Schmellers Wörterbuch (Band I, Spalte 158) findet man „aißelfüelig, aißelserig“ mit der Bedeutungsangabe ‚empfindlich, leicht zum Weinen oder Ärger zu bringen‘. Der erste Wortteil dürfte sich von „Eiß“ herleiten (mundartlich „Oass, Oiss“, in Österreich „Àss, Àssl“), was ‚Eitergeschwür, Abszess, Furunkel‘ bedeutet. Der zweite Wortteil scheint, da schwer durchschaubar, in der Aussprache verändert worden zu sein.

Die Auskünfte wünschte Margarete Reisinger aus Neunburg v. W..

Welchen Beruf hat ein „Keawlzeiner“?

Den Korbmacher nennt man im Dialekt „Keawl- / Keawezeiner“, d. i. „Körbelzäuner“; älter ist die Bezeichnung „Kürbenzäuner“. Seine Arbeit besteht darin, dass er Körbe, Kürben (Kirm, Kirmen) „zäunt“ = flicht. Sein Material sind Weidenruten, „Fellerwirl“. Eine altmundartliche Bezeichnung für den Weidenbaum ist „Felber“, vereinfachte Aussprache „Feller“. Das österreichische Wörterbuch (2006) enthält die Stichwörter „Felber, Felberbaum, Felberrute“. Bekannt ist die „Felbertauern-Straße“ zwischen Mittersill und Matrei i. O., die mit einem langen Tunnel den Gebirgszug der Hohen Tauern unterquert und damit den schnellsten Weg nach Osttirol von Norden her bietet. Die Berufsbezeichnung „Körblzäuner“ tritt auch als Schimpfwort auf: „Am Tisch neben ihr, das waren lauter Körbelzäuner, mit denen war nicht zu spassen“ (Harald Grill). „Ein Angeklagter, der hat einen anderen beinah erschlagen, weil er ihn einen ‚Körbelzeuner‘ genannt hat. Als solcher bezeichnet zu werden, hat als größte Beschimpfung gegolten, warum, weiß ich nicht“ (Wilhelm Diess).

Die Anregung lieferte Inge Kleindienst aus Regensburg.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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