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Mogst a Kracherl oder a Springerl?

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Der MZ-Experte, Professor Ludwig Zehetner, beantwortet die Fragen unserer Leser.

Regensburg.Die Gremess findet beim Wirt statt

Der Ausdruck „Gremess“ ist (oder war) prinzipiell in ganz Altbayern verbreitet als mundartliche Bezeichnung für ‚gemeinsames Mahl der Trauergäste nach einer Beerdigung; Leichenschmaus, Leichtrunk beim Wirt‘. Ehedem hieß auch der Seelengottesdienst für einen Verstorbenen so, auch derjenige am „Dreißigsten“, also einen Monat nach dem Tod, wo sich die Verwandtschaft abermals zu einem Leichtrunk versammelte. Mit „Messe“ hängt „Gremess“ nur indirekt zusammen. Das Wort entstand aus „Begräbnis“ unter Verlust der unbetonten 1. Silbe. Die Vorsilbe „be-“ wird im Bairischen oft vermieden oder erscheint, wo sie denn steht, verkürzt als „b-“, weil nach den Regeln der bairischen Sprachentwicklung das unbetonte „e“ wegfällt (vgl. „bsuffa, Bsuach, bsunders“ usw.). „Bgräbnis“ ist nicht sprechbar, daraus wird „Gräbnis“. Die geltenden Assimilationsregeln lassen die Konsonantenfolge „bn“ zu „m“ verschmelzen (vgl. „geben › gebn › gem“ usw.). Und schon sind wir bei „Grämis“, in verschliffener Aussprache „Gremmas“. Bereits in einer Chronik aus dem Jahr 1452 findet sich „Gremeß (statt Begräbnuß)“ (Schmeller Band I, Spalte 983). Das feminine Geschlecht – „die Grämess, Gremess“ – ist zweifellos gestützt durch volksetymologische Anlehnung an „Mess(e)“. Allerdings ist das Genus von Substantiven mit dem Suffix „-nis“ nicht eindeutig festgelegt; es schwankt zwischen sächlich und weiblich (vgl. einerseits „das Zeugnis, das Verständnis, das Hindernis“ usw., andererseits aber „die Finsternis, die Wildnis, die Fäulnis“ usw.). Im Anschluss an eine Beerdigung werden die Trauergäste eingeladen zur „Gremess“ beim Wirt, wo die Trauer alsbald in Fröhlichkeit umschlägt, was den Verstorbenen ehrt und ihn freuen würde.

Um die Auskunft ersuchte Markus Franke.

In aller Herrgottsfrüh

Eindeutig zu klären ist nicht, warum man für ‚ganz zeitig am Morgen‘ sagt: „in aller Herrgottsfrüh“. Kam die Redewendung zustande, weil man an den biblischen allerersten Schöpfungsmorgen dachte, als der Herrgott Himmel und Erde schuf? Oder spielt der Tagesablauf in Klöstern eine Rolle, wo die Mönche oder Nonnen bereits vor Tagesbeginn aufstehen und ihre erste Andacht verrichten, also dem Herrgott bereits am frühen Morgen ihren Dienst erwiesen?

Die Frage stellte Franz Weschta aus Regenstauf.

Er sauft bloß mehr a Himbeer-Kracherl

In großen Lettern stand auf einem Firmen-Lkw zu lesen: „Altöttinger Kracherl – Die freche Limonade“. Beim Nabburger Altstadtfest wurden an Getränken neben Bier, Wein und Schnaps auch „Graachal und hupfads Wasser“ angeboten, nicht etwa Sprudel oder Brause. Vom Opa heißt es: „’s Bier vadrogt a nimma, er sauft bloß no a Himbeer-Krachal.“ Die geläufigste Bezeichnung für ‚Limonade‘ ist bei uns „Kracherl (Grààchal)“. Sie rührt her von der früher gebräuchlichen „Kracherlflasche“, deren Hals als Verschluss eine Glaskugel enthielt, die, wenn sie zum Öffnen hineingedrückt wurde, einen Knall erzeugte, einen Kracher. Ein anderes Wort für ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk ist „Springerl“, so benannt wohl wegen des Moussierens der Kohlensäure. Ähnlich motiviert ist „hupfads Wasser“ für Mineralsprudel; scherzhaft werden auch Sekt und Prosecco so bezeichnet. In meiner oberbayerischen Heimatstadt nannte man den alteingesessenen Getränkelieferanten den „Springerl-Dàntler“ (Limonadenhändler). Die Kràcherl und Springerl der 1950er Jahre waren grell gefärbt und hatten einen unverwechselbaren Geschmack. Das rosarote täuschte Himbeer-Aroma vor, das grüne einen Hauch von Waldmeister. Als Verschluss hatten die Flaschen einen mit Gummiring versehenen flachen Porzellankörper, in dessen Einkerbung der Metallbügel ein- bzw. ausrastete.

Das neutrale Geschlecht der Diminutivformen „Kràcherl, Springerl“ ist mit ausschlaggebend dafür, dass es bei uns „das Limo, das Cola, das Fanta“ heißt. Wenn sich jemand im Gasthaus „’ne Cola“ bestellt oder „’ne Fanta“, dann zeigt sich, dass er oder sie das Bairische nicht richtig beherrscht. Selbst wenn die Stützung des grammatischen Geschlechts durch „Kràcherl, Springerl“ nicht wäre, es müsste ohnehin „das Limonad“ heißen, und kurz „das Limo“. Zu den Merkmalen des Süddeutschen gehört nämlich der Schwund unbetonter e-Laute: „-ade“ wird zu „-ad / -at“. Diese Endung legt nahe, dass solche Wörter nicht weiblichen Geschlechts sind (vgl. „der Salat, das Fabrikat“). Mundartnah heißt es ja auch „der Schoklàt“ und „das Màrmàlàt“.

Die Erläuterung wünschte Bernhard Lauerer aus Laaber.

Da kropfad Schmied hàtscht àà mid

Auffallend langsame und mühsam schleppende Fortbewegung zu Fuß wird als „làtschen“ oder „hàtschen“ bezeichnet. Das schwerfällige Schlurfen scheint im Klang der Wörter angedeutet durch langes helles „à“ und weiches „dsch“. In seinem Wörterbuch gibt Schmeller als Bedeutung für „hatschen“ an: ,einen schleppenden, schleifenden Gang haben‘. Vielleicht hängt „hàtschen“ mit „hetscheln“, fränkisch für ‚auf dem Eis schleifen‘ zusammen, wie es die Kinder gern tun. Heute verwendet man „hàtschen“ auch einfach für ‚zu Fuß gehen‘: „An Bus hamma vosàmt, etz miassma hoam hàtschn.“ Meist aber steht es für ‚mühsam gehen, hinken‘: „Der Frühmesser, vom Reißmathias schandmäßig verzogen, hatscht hinterm Tragkreuz“ (Carl Amery, Die Wallfahrer). Mit „Hàtscher“ können auch ‚ausgetretene alte Schuhe‘ gemeint sein. Dahingestellt bleibt, ob ein Zusammenhang besteht mit dem arabischen Wort „Hadsch“ für die Pilgerfahrt nach Mekka.

Bei dem Sauwedabrauchst Gummizischbm

Hohe Gummistiefel, wie sie Feuerwehrleute oder Fischer tragen, heißen „Zispen“, ausgesprochen „Zischbm“ oder „Tschischbm“. Allgemein bekannt ist das Wort in Ostbayern einschließlich Regensburg, anderswo jedoch kennt man es kaum. In ihrem Wörterbuch „Regensburger Bairisch“ (2009) verzeichnet Nadine Kilgert-Bartonek: „Zispen, Gummizispen [zišpm]“. Bei Schmeller (Band II, Spalte 1158) findet man: „Zischmen – Halbstiefeln, die im Schaft zwei Nähte haben“, und es wird angegeben, das Wort stamme aus dem Ungarischen. Es scheint angeglichen worden zu sein an das veraltete bairische Verb „zispen, zaspen“ im Sinn von ‚mit den Füßen schleifen‘.

Die beiden Fragen stellte Edeltraut Weigert.

Was ist eine „Haber(n)geiß“?

Diverse Wörterbücher enthalten das Stichwort „Habergeiß“. Zur Bedeutung finden sich recht unterschiedliche Angaben: ‚Brauchtumsgestalt in Bayern und Österreich; Sumpfschnepfe, Bekassine; kleine Nachteule; Krebsspinne, Weberknecht; Heuschreck; leichtsinniges Mädchen‘. Die Wortbildung ist leicht durchschaubar. Das Grundwort „Geiß“ (weibliche Ziege) ist klar. „Haber“ und Nebenformen wie „Happe, Heppe, Hippe“ sind alte Bezeichnungen für den (Geiß-, Ziegen-)Bock. Mit der Verkleinerungsform „Häberl“ sind nicht nur junge Geißen gemeint, sondern auch andere Kleintiere. Daher heißt ein Kleintiermarkt „Häberlmarkt“. Auch das „Haberfeldtreiben“ enthält den Wortstamm. Ursprünglich wurde der Delinquent in ein Bocksfell gesteckt, ein „Haberfell“. Weil man „Haber“ als ‚Hafer‘ missverstand und dieser auf dem Feld wächst, geschah die volksetymologische Umdeutung zu „Haberfeld“.

Die „Haber(n)geiß“ ist zum einen eine sagenhafte Schreckgestalt oder eine furchterregend hässliche Perchtenmaske. Der Ekel vieler Leute vor Spinnentieren, vor allem vor solchen mit langen Beinen, erklärt, dass „Haber(n)geiß“ auch für ‚Weberknecht, Schneider, Kanker‘ steht, ebenso für den ‚Heuhupfer, Heuschreck‘ oder ‚Kohlschnake‘, das geflügelte Insekt mit extrem langen Beinen. Als „Howangoaß“ verspottet wird entweder ein langbeiniges, dürres, unattraktives Mädchen oder ein leichtsinniges, flatterhaftes, zappeliges weibliches Wesen. Ebenfalls wenig schmeichelhaft ist es, wenn ein mageres Mädchen als „diere Heigeing“ verunglimpft wird, als „dürre Heugeige“. Damit war eigentlich ein hölzernes Gestell gemeint, auf dem das Heu zum Trocknen lag.

Die Anregung lieferte Fritz Rötzer aus Abensberg.

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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